Text - david baum
fotos – mario soldo, conny de beauclair

Wiener Weltruhm
In den Neunzigern kehrte die Wiener Szene noch einmal dorthin zurück, wo sie ein Jahrhundert zuvor groß gewesen war: im fulminanten Untergang einer Ära. Zwischen Clubbingexzessen, Drag Queen-Hofhaltung, Helmut Lang und einem eigenwilligen Umgang mit dem grassierenden Aids-Tod fand die Stadt noch einmal ganz zu sich und machte aus dem 20. Jahrhundert a scheene Leich. Erinnerungen an das letzte Wiener Fin de Siècle.

Mein Freund Robert hatte mich angerufen und gesagt, dass es nun Zeit wäre, endlich das wirkliche Wien kennenzulernen, nämlich dessen „grellen, finsteren Untergrund“. Das war Anfang der Neunziger, wir selbst in unseren frühen Zwanzigern, Robert ein klein wenig älter, jedenfalls erfahrener in weltstädtischen Angelegenheiten. So standen wir vor einer gigantischen Menschentraube, alle glitzernd und aufgeputscht, sich vor einem hässlichen Flachbau in Wien-Meidling drängelnd. „Endlich …“, sagte Robert. „Endlich sind wir, wo man sein muss.“ Ich kannte Robert schon lange aus der Schule in Salzburg, immer hatte ich ihn bewundert, weil er etwas cooler und außerdem der Nachbar von H. C. Artmann gewesen war. Solche Euphorie war mir an ihm fremd. Doch oben auf der Rampe des U4 stolzierte ein Herr in kolonialistischer Tracht aus Kaftan und rotem Fez mitsamt Bommelquaste herum und musterte gestreng die Menge.

Plötzlich zog diese Erscheinung eine Art Nilpferdpeitsche hervor und zeigte auf irgendjemanden in der Menge, der ihm zusagte. Schon bewegten sich zwei Muskelmänner hinter den Absperrungen und schleppten den Auserwählten mit sich, der daraufhin glücklich in das Innere der Diskothek schlüpfen durfte. Die restlichen Hundert atmeten schwer und hofften auf den nächsten Streifblick. „Endlich im U4“, schwärmte Robert weiter. „Na ja, im Moment sind wir bloß vor dem U4“, korrigierte ich ihn. „Und es sieht ehrlich gesagt nicht danach aus, als würden wir heute noch reinkommen.“ Wir drängelten uns etwas weiter nach vorne, aber bald war klar, dass wir uns auf aussichtslosen Plätzen befanden. Auch Roberts Gesicht ließ nun Züge der Kapitulation erkennen – als ich plötzlich direkt in die Augen des Kaftan-Mannes blickte und die Spitze der Nilpferdpeitsche in unsere Richtung wies.

Verwundert guckten wir uns um, ob vielleicht jemand anders gemeint sein könnte, aber schon griffen die Muskelmännerarme nach uns und wir wurden in das Toben im Inneren geschubst, das uns über Jahre nicht mehr hergeben sollte. Wir atmeten diese heiße Luft, die mehr aus Rauch, Schweiß und L’Eau d’Issey bestand, und taumelten – was wir noch nicht ahnten – in jenes Jahrzehnt, das für uns und für Wien ein ganz besonderes werden sollte.

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„Nilpferdpeitsche?“, fragt Mario Soldo, der gerade vollbepackt mit Tüten und Schachteln seine Modelagentur „Mother Agency“ im 4. Bezirk betritt. Es ist ein schöner Samstagnachmittag im September 2014, mindestens 20 Jahre nach jener Nacht vor und im U4. Der Mann mit dem Kaftan war er selbst gewesen, der Gastgeber und Regisseur des H.Y.P.E., jenes aufregendsten Clubbings der Stadt. An die Nilpferdpeitsche kann er sich nicht erinnern, „aber so etwas Ähnliches wird es schon gewesen sein“. Den Flyer des Abends hat er allerdings noch. „Un Omaggio a Federico Fellini“ steht darauf, und wahrlich fellinesk sind die Szenerien auf den unzähligen Fotografien, die er aufgehoben hat.

Überhaupt hat Soldo ein Archiv, das es mit der Geheimdienstzentrale eines kleineren Ostblockstaates aufnehmen könnte, und tatsächlich künden sie von einer untergegangenen Ära. Plakate, Fotos, Dias, Zeitungsartikel, sogar den seitenlangen Beschwerdebrief eines damaligen Redakteurs des Stadtmagazins „Falter“, der nicht eingelassen worden war und sich somit an der Ausübung seines journalistischen Auftrags gehindert sah, besitzt er noch. Aber vor allem sind es Eindrücke einer Zeit, in der etwas grundlegend anders gewesen sein muss. Bloß was?

Ein Frisör namens Peter Kruder

Soldo hatte in den Achtzigern als Kellner im U4 begonnen, als es anfing zu knistern und immer mehr beschlossen, ihre herkömmliche Identität langweilig zu finden und infrage zu stellen. Die Verwischung der Geschlechterrollen war eine der einfacheren Übungen, weit entfernt von der bierernsten Genderbürokratie von heute. Plötzlich wurden neue Persönlichkeiten stilisiert, manchmal zu Fabelwesen. „Wegen dieser lauten Pappalatur“ war Soldo für das Modefestival „U-Mode“ als Moderator engagiert worden und hatte sich schließlich, nachdem seine erste Moderation nicht gut gelaufen war, hinter die Bühne geflüchtet und sich dort spontan von einem Frisör namens Peter Kruder Perücke, Schminke und Abendkleid verpassen lassen. „So war Dame Galaxis geboren“, sagt Soldo glänzenden Auges.

Dame Galaxis, seine neue, manchmal vielleicht sogar eigentliche Identität. „Drag Queen zu sein war ein schamanistischer Vorgang, man legte sich eine Maske auf, um frecher, wilder und wirklicher sein zu können.“ In Soldos geheimem Staatsarchiv liegen die Beweise für die internationale Strahlkraft des Fummel-Duos, die er mit seinem Freund Ken-ichi Krüger, der als Chantal St. Germain die Nächte bereicherte, erzielen konnte. Stardesigner Gaultier lud sie ein, in seiner Fashionshow in Los Angeles aufzutreten, auf Empfängen mit Christian Lacroix, Nina Hagen, Lady Kier zu posieren oder als Hauptdarsteller im Videoclip zu Peter Rauhofers Hit „Let me be your underwear“ mit nackten Bodybuildern am Strand herumzuturnen.

Die Wiener Szene und eine Art Weltruhm

Und überall begegneten sie plötzlich alten Bekannten aus der Wiener Szene, die ebenfalls zu einer Art Weltruhm gelangten. Der Stylist Gery Keszler, der George Michaels aufregendste Videos mitverantwortete, die Modefotografin Elfie Semotan, die Modelikonen Cordula Reyer und Werner Schreyer, die Wiener DJ’s, die plötzlich international den Ton angaben, darunter Peter Rauhofer, Richard Dorfmeister, Christopher Just und ganz vorne der frühere Frisör von damals aus dem Backstage der U-Mode, Peter Kruder. Die größte Ausnahmeerscheinung, die Wien endgültig ins Zentrum des Jahrzehnts stellte, war natürlich Helmut Lang, der dem Jahrzehnt den modischen Look verpasste, für den es in Erinnerung bleiben wird.

„Was Wien gegenüber anderen Metropolen unterschied, war, dass wir natürlich einerseits Underground gewesen sind, aber gleichzeitig von der Öffentlichkeit und dann auch dem Establishment wahrgenommen und manchmal sogar gemocht wurden“, sagt Soldo. „Als der damalige Bundeskulturminister Rudolf Scholten mir als Dame Galaxis die Hand küsste, wusste ich, dass wir irgendwo angekommen waren. Das bedeutete etwas. Und zwar bis heute, wie wir am Erfolg von Conchita Wurst sehen.“

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So schwer es am ersten Abend für meinen Freund Robert und mich schien, Zugang zu dieser neuen, absurden Gegenwelt zu finden, so schnell hatte diese einen auch verschluckt und zu einem ihrer Protagonisten gemacht. Eines Abends waren wir in das ehemals kaiserliche Stundenhotel Orient gegangen, weil wir gehört hatten, dass da etwas ganz Geheimes stattfinden sollte. Am schönsten war es schließlich, wie schnell man in den unterschiedlichsten Realitäten und Welten ein- und wieder auschecken konnte.

Der Musiker und Schriftsteller Ernst Molden, der es schon damals hasste, auf seine Großmutter, die Bundeshymnenschöpferin angesprochen zu werden, hatte zu einer Geheimloge in der Kaisersuite des Orient geladen. Eine Dame trug Reifrock, angebliche Ex-Spione aus dem gerade aufgetauten Kalten Krieg rezitierten arabische Gedichte, während Molden mit einer Gitarre im Himmelbett lag und dazu klimperte. „Vielleicht sind wir gerade Teil eines Fin de siècle“, sagte Robert. „Vielleicht geht gerade eine Welt unter und wir merken es noch nicht.“

Tatsächlich befand sich viel in der Auflösung und fügte sich zu etwas Neuem zusammen. Der Untergrund Wiens hatte neue eigene Hierarchien erzeugt. Gogo-Boys- und Gogo-Girls, Dekorateure, Türsteher und Kellner galten plötzlich nicht mehr als Personal, sondern als Patrizier des nächtlichen Treibens, glücklich, wer so einen persönlich kannte. Der Ruch des Verbotenen und Unsittlichen kehrte sich hier zu Gesetz und moralischer Instanz.

"Heeeey, wir machen jetzt was Eigenes"

Zu Soldos Ensemble zählte ein junger Perser aus dem 2. Bezirk, der sich schon als 17-Jähriger von den Clubs angezogen fühlte und nun als Gogo entdeckt worden war und halbnackt und eingeölt auf Podesten und in Käfigen tanzte. Eines Tages begegnete ich Kaveh, so hieß der Junge, mit einem anderen vor dem Wiener Rathaus. „Heeeey“, rief Kaveh zu mir herüber und wandte sich von zwei blonden Mädchen ab, mit denen er gerade herumgeflirtet und ihnen einen Flyer in die Hand gedrückt hatte. „Du musst auch kommen, wir machen jetzt was Eigenes.“

Er drückte mir einen Flyer in die Hand, stellte mir seinen Freund als „den Peter“ vor, mit dem er in die Schule gegangen sei. Peter hatte blond gebleichte Haare und eine Drahtbrille und kicherte schüchtern. Dann zeigte er auf eine Gruppe hübscher Mädchen und schon wurden auch diese mit dem kecken „Heeey“ herbeigerufen. Dabei war der VoGa, die Volksgartendiskothek, ein NoGo, schließlich feierten dort all jene, die in die wirklichen Clubbings im U4 oder im Technischen Museum keinen Einlass fanden. „Ja und?“, sagte Kaveh. „Sagen nicht immer alle anything goes, dann geht das auch!“

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Heute steht Kaveh Ahi, Ende 30, immer noch im Volksgarten. Hubertus von Hohenlohe interviewt ihn gerade für Servus TV, schließlich gilt der heutige Co-Geschäftsführer der Diskothek als Veteran der Wiener Nachtszene. „Es war schon irre da, ich war schon mir 17 Gogo-Tänzer, was meine Eltern nicht sehr mochten. Aber damals war man ein kleiner Star, man durfte Leute einladen, stand auf der Bühne, aber mir reichte es nicht mehr, mich anhimmeln zu lassen.“ Ahi ging zu Star-DJ Peter Rauhofer ins Vinylmania, seinem Laden in der Operngasse, und fragte, ob der für ihn auflegen würde, wenn er einen Club bekäme. „Der Rauhofer hat mich verwundert angeschaut und ,Was willst du, Bub?‘ gefragt“, erinnert sich Ahi. „Aber er fand das wohl so herrlich frech, dass er dabei gewesen ist.“

Neugierig kamen damals die Szenegrößen, die den Laden eigentlich als Kommerzort schmähten, und schauten, was „die Buben“ da wohl machten. „Sodom & Gomorrha“, so hieß der neue Club, geriet schnell zum neuen Szene-Highlight der Stadt, mit zwei Jungs aus der Vorstadt in seinem Zentrum. „Peter wollte erst gar nicht mitmachen, aber ich brauchte ihn, also machte er als mein Freund mit. Wir hatten das Rezept von H.Y.P.E. & Co., schwule Clubkultur für ein heterosexuelles Publikum zu öffnen, aufgegriffen und gleichzeitig umgedreht. Wir als Hetero-Jungs haben die schönsten Mädchen der Stadt angesprochen und hergeholt, denen gefiel es, neben den ganzen Paradiesvögeln zu feiern.“

Was auf den Flyern mit antiken Orgienszenen angekündigt wurde, setzten die Wiener im Volksgarten auch um. „Da wurde ja wirklich in jeder Ecke gefickt“, sagt Ahi. „Heute würde man ja vom Fleck weg verhaftet werden, aber damals war alles einfach herrlich versaut, geil und unendlich gedankenlos. Es war egal, ob das alle sahen oder man sich gar mit etwas ansteckte.“ Das Programm, das er heute im Volksgarten umsetzt, hat damit natürlich kaum mehr etwas zu tun. „Die Leute heute gehen einfach normal fort, um etwas Spaß zu haben“, sagt er. „Das damals war etwas grundlegend Anderes, es war eine Bewegung.“

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Im Café Anzengruber in der Schleifmühlgasse haben sich zwei weitere Veteranen von damals eingefunden. Ela Angerer, heute Schriftstellerin, die gerade mit ihrem Roman „Bis ich 21 war“ Erfolge feiert, damals Szenekolumnistin des Stadtmagazins „City“ und Freundin des Techno-Produzenten Christopher Just. Neben ihr hat Rainer Pototschnig Platz genommen, der damals als Gogo und DJ gearbeitet hat, mit Peter Rauhofer Musik produzierte und für Helmut Lang modelte. „Man darf nicht vergessen, dass Wien auch eine Wiege der elektronischen Musik war, eine Art Detroit Europas. Techno war hier ganz, ganz heiß, wir bekamen geheime Nachrichten, wo das nächste Rave stattfinden würde, und man irrte wie auf einer Schnitzeljagd durch Niederösterreich oder wo, bis man bei irgendeinem illegalen Event landete“, sagt Angerer. „Eine Theaterstadt wie Wien eignete sich besser als jede andere, dieser Musik auch eine Inszenierung zu geben. Nach den Aktionisten der 60er war der Spaß am Schockieren zurückgekehrt – und das Tolle war, dass es so leicht gegangen ist.“

Eine Freundin, die ein Jahr im Ausland gewesen sei und ausgerechnet am Tag einer Techno-Street-Parade auf der Wiener Ringstraße zurückgekehrt sei, habe ihr die drastische Entwicklung vor Augen geführt. „Als sie weggegangen ist, war ich die aufstrebende lustige Journalistin und Christopher ein erfolgreicher Techno-Act und plötzlich sah sie mich auf dem Wagen des Heaven zwischen Transvestiten, wie ich oben ohne und mit verschmiertem Make-up tanzte, und zwei Wagen weiter stand Christopher auf einem Hardcore-Technowagen, der es zu Gabba-Musik gerade schaffte, seine Faust in die Luft zu recken.“ Nach der Schilderung habe Angerer beschlossen, sich zumindest von Rauschmitteln für immer zu verabschieden.

Pototschnig erzählt, wie er wegen der Musik in die Szene gekommen war. „Schließlich war die ganze neue elektronische Musik nirgendwo verfügbar, es war schon spektakulär, wenn im Radio was von Faith No More gelaufen ist“, sagt er. „Und plötzlich lief das im Technischen Museum und auf einem Podest hat ein Gogo eine Drag gevögelt, das war alles so neu und unerhört, dass man auch bereit war, dafür Geld auszugeben, überhaupt reinzudürfen. Ich konnte da bis in die Morgenstunden durchtanzen, ohne auch nur einen Drink konsumiert zu haben, das Tanzen war meine Droge.“

Für Pototschnig begann in der Szene schließlich auch eine kurze, aber heftige Karriere als Topmodel. „Helmut Lang ist ja damals nur noch wenig ausgegangen, die Zurückgezogenheit war ja sein Statement“, sagt er. „Seine Freundin Marianne Kohn hat mir dann in ihrer Bar seine Nummer zugesteckt, ich solle zu ihm in die Eßlinggasse kommen. Daraufhin hat er mir seine ganzen Kollektionen eines Jahres praktisch auf den Leib geschneidert und schon aus den Polaroids eine ganze Anzeigenkampagne gebastelt.“ Eines Tages ließ Lang ihn nach New York einfliegen, um ihn dann ganz zu seinem Model zu machen. „Ich kam da hin und wusste von nichts, plötzlich stand da Kate Moss, die privat dazugekommen ist, Lang stellte mir Bruce Weber vor, der mich dort für die ganze Kampagne fotografierte.“ Das Signifikante an dieser Zeit sei gewesen, dass irgendein Dancefloor in einem abgeranzten Wiener Club sich auch plötzlich in eine Weltbühne verwandeln konnte – und umgekehrt. „Denn gleichzeitig wurden natürlich unendlich viele Drogen konsumiert und alles war etwas an der Kante gebaut“, sagt Angerer.

Manchmal fehlte jemand, und manchmal kehrte derjenige nicht mehr zurück

Mit dem Life Ball, den der Stylist Gery Keszler seit 1992 im Wiener Rathaus veranstaltete, war das Thema Aids auch in der Öffentlichkeit zum Gesprächsstoff geworden. Aber auch im normalen Clubbingleben zeigte die Seuche im wahrsten Sinne ihr Gesicht. Dann und wann fehlte jemand und manchmal kehrte derjenige auch nicht mehr zurück. Einer der Stammgäste im U4 und in dem auf der Mariahilfer Straße neu eröffneten „Club Mekka“ war Roland Lienbacher, der immer weniger verbergen konnte, dass es ihn erwischt hatte und die Krankheit ausgebrochen war.

Für mich war das Thema abstrakt gewesen, ich hatte inzwischen in meinem neuen Job neben dem Studium beim Stadtmagazin „City“ darüber geschrieben, nun kannte ich plötzlich jemanden persönlich und bewusst. Ihn darauf anzusprechen, traute ich mich nicht. Was auch nicht nötig war, denn eines Tages überraschte Roland alle mit dem wohl ungewöhnlichsten Umgang mit dem Sterben. 1989 war mit Zita, die letzte österreichische Kaiserin gestorben und Wien hatte der Frau, die im Exil gelebt hatte, noch einmal ein bombastisches imperiales Begräbnis beschert. „Wann i scho sterb, dann wie a Kaiserin“, hatte Roland in seinem amüsanten Wienerisch erklärt und sich selbst die Drag-Identität namens „Zita“ gegeben.

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Im „Produktionsbüro“ hinter der Votivkirche sitzt Holger Thor, der als Miss Candy bis heute das „Heaven“ und den alljährlichen Rosenball veranstaltet und einer der besten Freunde von Lienbacher gewesen ist. Vor ihm liegt ein Foto von den beiden. „Ich arbeite bis heute beim Life Ball jedes Jahr mit, weil ich mich noch an all jene erinnere, die damals bevor die Türen geöffnet wurden, sich die Hand reichten, und von Jahr zu Jahr fehlte wieder jemand. Einer davon war eben Roland.“

Lienbachers Beschluss, damit in die Offensive zu gehen, wurde zu einer berührenden Selbstinszenierung. Im „Mekka“ startete er das „Zita’s“-Clubbing und alle kamen. „Es war schon krass, er ist damals von der Station Süd B im AKH, wo er behandelt wurde, direkt zu seiner Party gekommen. Und hat sich teilweise einen morbiden Spaß daraus gemacht, indem er sogar im Rollstuhl und samt der Infusion im Fummel in seinen Club gefahren ist.“
Doch die Wirkung sprach für seine makabre Inszenierung. Wieder stand eine Menschentraube auf der Straße, denn die Szene-Kaiserin hatte verfügt, dass vor ihm keiner den Club betreten möge. „Es gab sogar eine Polizeieskorte und so fuhren alle Drag Queens der Stadt in Limousinen mit Zita auf der Mariahilfer Straße vor und zogen unter dem Jubel in den Club ein“, erinnert sich Thor. „Es war eine Offensive und sie wirkte.“

"I was never treated so badly ever in my life"

Eine der schillerndsten Erscheinungen jener Tage war eine farbige Drag Queen, die Michael Tojner, heute großer Investor, damals Inhaber des „Mekka“, eigens aus New York als permanenten Host des Clubs engagiert hatte. Wir hatten uns vor dem Denkmal Maria Theresias kennengelernt, als er mich auf seinen Rollschuhen umgefahren hatte. Als wir uns wieder aufrappelten, lachte Shequida und lud mich in seinem schönen New Yorker-Englisch in den Club ein. Heute gehört Shequida zu den erfolgreichsten Showstars der New Yorker Szene, er war nie bloß ein Crossdresser gewesen, sondern konnte brillant singen, manchmal sogar wie ein Opernsopran.

Auf Facebook finde ich sein Profil und chatte ihn an.

„Hey so glad to hear from you, yes while the days were wild and fun in the end I will never forget the racism that caused me to eventually leave Vienna“, schreibt Shequida. „So if you wanna actually get real that is what should be talked about. I was never treated so badly ever in my life. And while I had some good friends that shielded me from the awful things that others were saying about me in German, I finally found out for myself when I was thrown into Jail just for being a young black man with money. So as i said I willing to talk about my time in Vienna but just to be upfront that is what I will always remember most.“

Plötzlich war der ganze große Spaß getrübt gewesen. Tojner berichtete, dass es Drohungen von Islamisten gegeben hatte, einen Anschlag auf das „Mekka“ zu verüben, weil der Name der heiligen Stadt des Islam in den Schmutz gezogen würde. Dann kam die große Polizeirazzia, Verdacht auf Drogenbesitz. Tatsächlich wurde in den oberen Stockwerken weißes Pulver in größeren Mengen festgestellt, als Besitzer wurde ein junger Afroamerikaner in Frauenkleidern identifiziert und im Männergefängnis inhaftiert. Ein ganzes Wochenende saß Shequida in einem Gefängniszimmer mit mehreren Kerlen. Obwohl schnell klar gewesen war, dass es sich bei dem Pulver um Gesichtspuder gehandelt hatte, war kein Richter aufzutreiben, der den zu Unrecht Festgesetzten vor Montag freilassen konnte.
Shequida verließ Wien umgehend und kehrte nur noch einmal zurück, um beim Life Ball aufzutreten. „I went back, but I felt that the culture of racism was still strong.“

Die Party im „Mekka“ war gelaufen, der Club schloss einige Zeit darauf. „Zita’s Party“ war damit ebenfalls vorbei. Schließlich starb Roland Lienbacher wie erwartet an den Folgen von Aids. Es gab tatsächlich ein großes Begräbnis, bei dem fast alle Szenegrößen der Zeit noch einmal zusammengekommen waren. „Auch die, die ihn nicht mochten, standen an seinem Grab“, sagt Holger Thor.

Peter Czermak, Kaveh Ahis bester Freund, beendete seine Karriere als Partyveranstalter und baute das Portal party.at auf. „Er hatte gute Angebote, es zu verkaufen“, sagt Ahi. „Aber er wollte nicht, er dachte, dann geht die Seele verloren.“

Peter Czermak beendete sein Leben auf der Wiener Reichsbrücke.

Thomas Seidl, „der Herr Tomtschek“, führte sein H.A.P.P.Y.-Universum als Regisseur, Künstler und Darsteller weiter, bis er 2011 tödlich verunglückte.

Star-DJ Peter Rauhofer konnte wie viele andere seiner Musikerkollegen seinen Erfolg weiterführen, remixte Hits von Madonna und anderen Superstars, bis er im April 2013 einem Gehirntumor erlag.

Die neunziger Jahre waren bereits am 1. Januar 2000 zu Ende gegangen. Es war vorbei.

Erschienen im Herbst 2014

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