party

Text - Markus Huber

Fotos – Mark glassneR

Achtung! Jetzt wird es wild!
Fleisch wird 10. Das haben wir zwar möglicherweise schon einmal erwähnt, aber wir sind darüber so verblüfft, dass wir es gar nicht oft genug sagen können. Und jetzt geht die Party erst richtig los.

Irgendwann wird wohl irgendjemand das Licht aufdrehen. Das wird uns umhauen oder zumindest auf dem falschen Fuß erwischen, weil wir nicht damit gerechnet haben, zumindest nicht für diesen Moment. Das Licht wird uns in die Realität zurückholen (Scheiße, mich dreht's), zurück in die Banalität der alltäglichen Fragen (Alter, was mach ich jetzt?), und wenn dann auch noch die Musik leiser wird, so leise, dass wir das Gebrabbel der anderen wieder hören können und feststellen, dass sich wenig geändert hat (Ey Alder, was machst‘n DU jetzt?), werden wir vielleicht ganz kurz einen lichten, leicht nüchternen Moment haben: War das wirklich notwendig? Aber keine Sorge: Bis dahin dauert es noch, denn jetzt ist noch nicht irgendwann. Jetzt ist jetzt, jetzt ist: Party!
Ist das nicht toll?

Party ist das Beste, was einem passieren kann. Das war schon immer so, im Prinzip seit damals, als wir zu Kindergeburtstagen eingeladen waren, bei denen wir so lange mit Süßigkeiten abgefüllt wurden, bis wir voller Endorphine die Ritterburg des Geburtstagskindes zerlegten, die Pinata mit den Händen von der Decke rissen, so viel Kraft hatten wir, und später, viel später, komplett groggy und vor Erschöpfung heulend, nach Hause getragen wurden (Nachträglich übrigens danke Papa, du hattest recht, ich war wirklich müde).

Party: Das ist dieser Moment im Leben, bei dem alles passieren kann.

An dem alles möglich ist. Weil wir dafür bereit sind, weil wir es zulassen. Es ist der Moment, in dem wir offen sind, offen sind für Neues. Der Moment, in dem wir ganz bewusst die Kontrolle abgeben, in dem wir uns treiben lassen und wild entschlossen sind – eine eigenartige, ganz seltsame Mischung übrigens, aber gerade deswegen so wertvoll. 
Vor allem dann, wenn es wirklich passiert. Wenn es magisch wird, wenn es abgeht so wie damals, als die Pinata platzte, oder später, als wir in der Nacht mit ein paar Kumpels ins Freibad einstiegen und jemand Alkopops und Sportzigaretten dabei hatte und dann die zwei aus der 8A auch über den Zaun fanden.  

Eine Party ist ein Glücksfall, ein rares Gut, und deswegen müssen wir sie nehmen, wie sie kommt. Es gibt nämlich keinen schlechten Zeitpunkt für eine Party. Nie kann eine Party unpassend sein, sie kann maximal zu einem überraschenden Zeitpunkt passieren. Mitten in einer Schlussproduktion zum Beispiel. Oder nach einem Todesfall.
Aber macht das die Party schlechter? Und was kann die Party dafür, dass wir vielleicht ein bisschen schlecht drauf sind?

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Wahrscheinlich funktioniert eine Party nur dann, wenn wir uns ein Stück weit aus der Realität rausschießen. Am Ende geht das wohl auch mit der kontrollierten Kontrollabgabe bei einer Party einher und macht das die Qualität einer Party aus. Bei einer Party können wir nicht nur den ganzen Dreck und Druck, den wir im Alltag haben, hinter uns lassen – wir müssen das auch. Eine Party ist eine Zeit ohne Sorgen, es gibt keine Schularbeiten und das Seminar an der Uni ist weit weit weg. Wir haben keinen Stress mit der Freundin, und wenn, dann erst am nächsten Morgen, der ja noch weit weit weg ist. Wir haben noch nicht mal Geldprobleme (Wenn wir auf einer Housewarming-Party sind) und selbst wenn, auf einer Party findet sich immer wer, der einem ein Bier ausgibt (Sorry, Bankomat-Karte vergessen). Und wenn nicht, dann ist zumindest das Tanzen gratis (Find mich mal hier im Getümmel, liebe Briefträgerin, mit deinem RSA-Brief vom Finanzamt/der SVA).

Wenn die Party nett ist, kommt sie uns ein bisschen entgegen.

Aber klar: Eine Party ist eine Einstellungsfrage, wir müssen bereit für sie sein. Wenn die Party nett ist, dann kommt sie uns zwar ein bisschen entgegen, sie holt uns, wenn man so will, auf halbem Weg ab. Aber wenn wir nicht wollen, wenn wir schmollen, dann hat selbst die netteste Party keine Chance. Wie soll sie dir den Drink auch in die Arme drücken, wenn du Depp die Hände vor dem Oberkörper verschränkt hast? Mach dich doch locker, komm schon, zumindest nur für einen kurzen Augenblick. Drogen? Okay, das ist ein Streitfall (Wobei, nein, eigentlich nicht). Sie helfen, wenn du willst, aber nicht kannst. Sie helfen noch mehr, wenn du willst, aber einfach zu doof zum Loslassen bist. Sie können aber natürlich schon unpassend sein, wenn du zu früh damit anfängst. Das gilt im alterstechnischen (Kindergarten, Volksschule) genauso wie im uhrzeitlichen Sinn (Fünf-Uhr-Tee). Außer natürlich, du hast vor, eine Party wirklich zu crashen (Was auch seinen Reiz haben kann, aber bitte nicht, wenn wir die Party veranstalten!).

Aber lassen wir das. Wir sind mittlerweile in einem gewissen Alter, wir haben ein paar Erfahrungen gesammelt, und weil das so ist, wissen wir den Wert einer Party eigentlich zu schätzen. Obwohl es natürlich manchmal schon sehr anstrengend ist. Es gibt Partys, die dauern einfach. Sie ziehen sich, sie wollen einfach nicht in Gang kommen, nichts will passieren. Das sind diese Partys, die dann so unglaublich peinlich sind (Und was machst du beruflich?), bei denen wir schier end- lose Gespräche führen, bei denen wir uns selbst nicht zuhören wollen würden (Nein, dein Ex hat wirklich kein Taktgefühl), bei denen wir aber wissen: Wir müssen nur durchhalten. Irgendwann kommt er, der Flow (Wir müssen jetzt aber nicht wirklich Telefonnummern austauschen, oder?).

Eine Party ist der Moment, an dem alles irgendwann Sinn macht, und wir sind mittlerweile so erwachsen, dass wir wissen: Es geht. Es braucht nur manchmal einen etwas längeren Anlauf. Und weil wir das wissen, machen wir immer wieder mit, oder noch besser: Wir sind immer noch dabei. Vielleicht haben wir mittlerweile Sachzwänge, die dafür sorgen, dass es nicht mehr so oft passiert.

Wir haben Kinder, Familie, wir haben Jobs, die darauf aufbauen, dass wir so gegen 9 Uhr 30 irgendwo halbwegs ausgeschlafen und zu klaren Gedanken fähig in Meetings sitzen. Das führt dazu, dass wir ruhiger wurden, aber das bedeutet nicht, dass wir vergessen haben. Es bedeutet nicht, dass wir nicht mehr wissen. Und vielleicht schätzen wir die Party dadurch umso mehr. Wir gehen aus, wir warten, auf diesen einen Glücksmoment, an dem alles inei- nandergreift. Der Moment, in dem keine Fragen mehr notwendig sind. Robert beschreibt Fleisch manchmal als eine einzige Party. Als eine Party, die seit mittlerweile zehn Jahren dauert. Man muss ein bisschen nachdenken, aber dann stellt man fest: Er hat Recht. In jeder Beziehung.

Wollt ihr uns nicht auch mal besuchen kommen? Ja?

Dann schaut mal bei uns Im ERSTEN vorbei. Wir feiern dort – eine Party.


Erschienen im Herbst 2014

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