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Text - Robert treichler

Ups! Fleisch mit Yellow beim Verlassen der Toilette

erwischt!
Wir haben diesmal den Qualitätsquatsch sein lassen und lieber zum Beispiel Promis aufglauert. Es kamen zwar nicht exakt die Richtigen, aber manche waren es zu 15 bis 40 Prozent. Das genügt.
Knaller!

Gute Freunde des Kulturmagazins Fleisch munkeln: „Zwischen den beiden läuft schon länger was!“ Yellow soll schon seit mehreren Monaten bei Fleisch ein- und ausgehen. Und nachdem Fleisch vergangene Woche für mehrere Stunden in einer Allgemeinmedizin-Klinik eincheckte, fragt sich die Branche: Ist Fleisch von Yellow schwanger? Oder klappt es nicht mit dem Babywunsch und Doktor In-Vitro soll ein bisschen nachhelfen? Ein Sprecher von Fleisch dazu: „Blödsinn, die beiden haben sich in der Litho kennengelernt und teilen ein harmloses Faible für unscharfe Fotos.“

Es ist aber wahr. Wir turteln fremd. Wir haben was mit Yellow angefangen.

Erst hatten wir, zugegeben, ein wenig Berührungsängste. Yellow, das ist schließlich Journalismus ohne jegliche Relevanz, produziert unter Missachtung einiger Qualitätskriterien. Gerüchte ohne Quelle; Fotos, die durch Verletzung der Privatsphäre zustande gekommen sind; Spekulationen, deren Haltlosigkeit dadurch abgemildert wird, dass in der nächsten Ausgabe ihr Gegenteil behauptet wird. Unfruchtbar? Babybauch! – Auseinandergelebt? Schmusen! – Say-no-to-drugs-Kampagne? Koks in der Handtasche! Und das alles ohne lästiges Fact-Checking, ohne Einholen von Stellungnahmen der Betroffenen, schließlich: ohne langes Nachdenken.

Wir fühlten uns wie François Hollande, als er sich auf den Sozius des Élysée-Scooters setzte, um sich nachts von den Politik- auf die Society-Seiten chauffieren zu lassen. Der Fahrtwind verbläst die Gewissheiten. Das Primat des Wohlüberlegten macht schlapp angesichts der plärrenden Andeutung. Die seitenlange Analyse stinkt ab gegenüber dem vielsagenden Schnappschuss.

Und die Wahrheit? Ach, die Wahrheit.

Die Mutmaßungen auf „promiflash.de“ sind nicht weiter von der Realität entfernt als die Konjunkturprognosen in der „Financial Times“. Die Darstellung der angeblichen Ehekrisen von Angelina Jolie und Brad Pitt in „Gala“ sind nicht weniger schlüssig als der Befund über den angeblichen Zustand des Kapitalismus von Slavoj Žižek im „Guardian“. Wer sich noch nie auf einem Supermarkt-Parkplatz im Schatten eines SUV auf die Lauer gelegt hat, um Heidi Klum beim Einladen der Wochenendeinkäufe abzuschießen, braucht uns keine Henri-Nannen-Preis-Shortlist aufzusagen. Ehrfurchtsdefizit.

Zugegeben, wir haben Heidi auch nicht gekriegt.
Nicht mal Thomas Muster.

Ehrlicherweise müssen wir eingestehen, dass wir bei unserer Safari an die Côte d’Azur überhaupt keinen Prominenten zu Gesicht bekommen haben, wenn man von dem netten Ehepaar Mucha absieht, das uns freundlicherweise eingeladen hat. Aber Yellow geht mit der Realität mindestens so kreativ um wie der Poststrukturalismus, und wenn Heidi sich nicht blicken lässt, dann nehmen wir eben die Beckhams, die des Weges schlendern. Wenngleich das Paar, das wir schlussendlich fotografiert haben, nicht hundertprozentig mit den Beckhams identisch ist, aber zu, sagen wir, 40 Prozent. Das ist für eine Yellow-Information keine schlechte Quote.

Gerade noch glaubhaft – und das, was wir für möglich halten

Yellow ist das Ausloten dessen, was der Konsument als gerade noch glaubhaft anzusehen bereit ist. Lassen Kim Kardashian und Kanye West tatsächlich eine Krankenstation in ihre Villa einbauen, um Töchterchen North West medizinisch versorgt zu wissen? Die Kollegen von „promiflash.de“ wissen das ebenso wenig wie wir, aber die schreiben es, weil sie annehmen, dass wir es zu 40 Prozent für möglich halten. Das ist Kann-ja-sein-Journalismus, der den Informationsfluss umkehrt: Tatsächlich erfahren Kim und Kanye auf diesem Weg, wozu wir sie für fähig halten.

Yellow ist oberflächlich, aber nicht eindimensional.

Die Auswahl des Personals; die Frage, was man über wen wissen möchte; schließlich die Skandalisierung – ist eine solche Komposition stimmig, dann hat sie ihre Berechtigung. Yellow ist als Kulturform näher an der Fuge als an der Nachrichtenproduktion. Eine Yellow-Figur muss erschaffen werden, es gibt sie nicht. Es kann eine erfolglose Teilnehmerin an einem Reality-TV-Format sein oder ein beliebter, verliebter Verteidigungsminister. Wir sollen uns mit ihnen identifizieren oder es soll uns vor ihnen gruseln. Und wir müssen nach einem Satz wissen, welche der beiden Regungen wir verspüren sollen.

Ach, Yellow, warum tust du uns das an? Wieso ist so schwierig, Zwölftonmusik zu genießen, und so leicht, dir zu verfallen?

Anders gefragt: Hatte Richard Gerstl den tolleren Body als Arnold Schönberg? Und war Alma Mahler ein It-Girl? Die anfangs frappierende Oberflächlichkeit verliert ihren Schrecken, wenn man die Terminologie des Boulevards begriffen hat. Ein positiv besetzter Mann etwa ist immer ein „Hottie“. Das entspricht in etwa der Bezeichnung „Hoffnungsträger“ in der Polit-Berichterstattung. Muss man wissen.

Wir wollen nicht so tun, als hätten wir Yellow wirklich kapiert.

Wir stehen immer noch fassungslos vor Titelzeilen wie „Sylvie Meis versus Sabia Boulahrouz – Wer ist glücklicher?“ und scrollen auf „Bild.de“ ein paar Laufmeter Fotos von zwei Frauen runter, die wir noch nie gesehen haben und aus deren Beschreibung auch nicht hervorgeht, wo wir sie gesehen haben könnten – und trotzdem wollen wir wissen, welche den besseren Jacht-Urlaub macht und den heißeren Körper hat. Aber warum?

Vielleicht taucht demnächst ein Sex-Video von Fleisch und Yellow auf. Wir werden dann sagen, wir haben keine Ahnung, woher das kommt, und dass jemand unseren Computer gehackt hat. Wir werden unsere Anwälte einschalten und alles klagen, aber erst, nachdem alle das Video gesehen haben. Wir wissen auch, was wir dann sagen müssen: Zwischen uns und Yellow läuft nichts Ernsthaftes. Wir sind bloß gute Freunde.

Erschienen im Sommer 2014. Fleisch Yellow Edition

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