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Text – Markus Huber
Fotos – Max Kropitz

Millionen mit Nebenwirkungen
Christian W. Mucha hat mit seinen Medien Millionen gemacht. Doch bevor der Neid steigt – mit dem Geld kommen Zores, von denen Normalsterbliche keine
Ahnung haben.
Stellen Sie sich darauf ein, bei der Mietwagenfirma lange zu warten“, hatte Christian Mucha gesagt, als wir vor unserem Trip die Reisemodalitäten besprachen, „aber regen Sie sich nicht auf, brüllen Sie nicht rum, zeigen Sie Manieren. Die Frau am Schalter ist völlig überarbeitet, Sie müssen nett zu ihr sein. Wenn Sie also an der Reihe sind, schenken Sie ihr eine mitgebrachte Schokolade. Sie wird es Ihnen danken, und zwar mit einem guten Auto. Lachen Sie nicht, machen Sie es. “

Natürlich hatte ich gelacht, mir dann aber gedacht: Was, wenn er Recht hat? Ein paar Minuten Würde gegen ein vernünftiges Auto, das klingt doch eigentlich nach einem Deal! Ich kaufte also, sicher ist sicher, Schokolade, selbst essen konnte ich sie ja immer noch – und vielleicht würde ich im Flieger doch den Mut dazu finden, einmal im Leben etwas à la Mucha zu machen.

Christian W. Mucha ist ein Mann, der häufig Recht hat – und noch mehr richtig macht. Damit ist gar nicht so sehr der öffentliche „Mucha“ gemeint, diese Figur, die seit einiger Zeit in hellen Anzügen auf Society-Events erscheint, gegen anonyme Postings kämpft und sich mit Menschen matcht, die nur die Hälfte seiner Kragenweite haben oder ein Drittel seines Alters. Diesen öffentlichen Mucha können und wollen wir nicht beurteilen – aber jetzt wandert ohnehin ein anderer die frisch bepflasterte Einfahrt seines Anwesens an der Côte d’Azur herunter, ein Christian Mucha in khakifarbenen Shorts und Mokkasins. Man hört ihn viel früher als man ihn sieht, weil er übers Handy noch schnell mit einem Geschäftspartner Details zu einem Deal bespricht, dann öffnet er uns das Einfahrtstor zu seinem Haus, sagt „Hallo“, und, dann mit einem Seitenblick auf unser Auto: „DAS haben sie euch gegeben?“ Das ist der Mucha, der immer Recht hat. Der Mucha, von dem wir zweifelsfrei noch etwas lernen können.

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Seit 37 Jahren macht Mucha Medien und er macht das so gut, dass er sich damit einen vernünftigen Lebensstil finanzieren kann. Mucha fährt Rolls-Royce und fuhr Ferrari, er besitzt ein dreigeschoßiges Penthouse in der Wiener Innenstadt und eine Villa im Wienerwald, er hat ein Schloss in Kärnten, das er seit vielen Jahren renoviert, er hat eine sehr, sehr teure Scheidung hinter sich, und trotzdem ist er das, was man einen „mittelständischen Millionär“ nennt. Muchas Haupteinnahmequelle ist das Branchenblatt „extradienst“, ein Heft für Werber, Marketingchefs und Medien, das zehn Mal im Jahr erscheint und so perfekt vermarktet ist, dass sich auch noch dieses atemberaubende Anwesen ausgeht, das sich vor uns ausbreitet.

Wir laufen die Einfahrt hoch vorbei an einer Garage, die groß genug für drei von Muchas Autos ist (auch für den Rolls, Anm.); wir passieren einen Whirlpool und landen dann auf einer Terrasse, die größer ist als die Grundfläche einer Durchschnittsvilla. Das Beste an ihr ist nicht der Pool, sind nicht die Fliesen oder die Korbmöbel, das Beste an ihr ist die Aussicht: An klaren Tagen kann man von der Korbliege aus den gesamten Küstenstreifen von Saint Rafael bis zur Bucht Saint-Tropez überblicken, an noch klareren sieht man sogar die schneebedeckten Alpes-Maritimes. Und wenn es nicht so klar ist, bleibt immer noch das Haus. Schon klar: Geld ist nicht unbedingt alles, aber kein Geld ist ganz bestimmt nichts. Ungefähr so würde wohl Christian Mucha seine Lebenseinstellung beschreiben, er würde es nur besser formulieren.

Von den ersten Jobs zum ersten Ferrari

Seit einer Stunde sitzen wir schon bei ihm auf der Terrasse in Südfrankreich, wir haben schon einiges über Muchas Leben gehört, über seine Kindheit in finanziell bescheiden ausgestatteten Verhältnissen. Wir kennen seinen Weg von den ersten Jobs bis hin zu seinem ersten Ferrari. Mucha redet schnell, schneller als wir seine druckreifen Pointen mitschreiben können, vor allem weil uns seine wirklich nette Frau Ekaterina mit selbst zubereiteten Amuse-Gueules versorgt und Sprudel einschenkt.

Und plötzlich fällt ein überraschender Satz: „Bei allem Respekt vor jenen, die ihr Mitleid den Kindern der dritten Welt widmen. Auch die Millionäre haben ein wenig Mitleid verdient.“ Augenzwinkern. Das ist ein ganz schön heftiger Satz, vor allem, wenn man gerade die Führung durch jenes Anwesen beendet hat, das Mucha vor zwei Jahren um 1, 3 Millionen Euro gekauft hat: Keinen Stein hat er auf dem anderen belassen, hat Wände eingerissen, das Stiegenhaus versetzt, neben sein Schlafzimmer ein neues Bad gebaut und neben das seiner Frau auch. Er hat wirklich geschmackvollen Marmor aus Indien verarbeiten lassen, eine neue Küche eingebaut, weiße Sofas mit handverarbeitetem Leder in Wohnzimmer, Gästezimmer und sein eigenes Schlafzimmer gestellt und ansonsten das Haus bis hin zum geschmackvollen Nippes durchgängig in Art déco möbliert.  Christian Mucha hatte uns auch die Kunst an seinen Wänden gezeigt und darauf hingewiesen, dass viele davon Replika sind, „die echten hängen in meiner Kunstsammlung“. Und dann sollen wir ihm glauben, dass Millionäre „arme Hunde“ sind?

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Okay, der Satz könnte natürlich eine Provokation sein. Ein Bonmot so wie es Mucha häufig einsetzt, um abzutesten, ob man ihm bei seiner Erzählung noch folgt. Aber in dem Fall meint Mucha das wirklich so: „Durchschnittsverdiener haben doch schon genug damit zu tun, sich ihre Mieten zu leisten. Die haben keine Zeit für die richtigen Probleme. Erst wenn man ein bisschen Geld hat, die ersten paar Millionen, dann bekommt man so richtig Probleme.“ Mucha kann sich da richtig in Rage reden, vor allem darüber, dass Menschen von jemand, der Geld hat, immer „mehr Geld wollen, als das, was die Leistung wert ist: Wenn ein Installateur mein Haus sieht, dann schlägt er gleich einmal 40 Prozent drauf.“ Oder: „Wenn ich auf den Naschmarkt gehe, zahle ich für irgendetwas 100 Euro. Meine Frau zahlt 60 Euro. Und wenn unsere Haushälterin einkaufen geht, dann zahlt sie überhaupt nur 29 Euro. Und die glauben ernsthaft, dass ich mir das gefallen lasse.“

Also leistet Mucha Widerstand, und zwar egal ob am Naschmarkt, beim Installateur oder bei der Anschaffung eines neuen Chronometers. Der 60-jährige Verleger ist übrigens nicht der einzige, der abgezockt wird: „Wissen Sie, was man dafür bezahlen muss, wenn man in den Hafen von Monaco einfährt? Oder was ein Skipper von Ihnen verlangt, wenn Sie eine vernünftige Jacht haben?“ Und dann droht da noch das sogenannte „Gesetz der kleinen Serie“: „Bei einer Luxuskarrosse, von der jährlich nur ein paar hundert Stück produziert werden, schlagen die Kinderkrankheiten voll durch. Auch ein Golf kann natürlich Elektronik-Probleme haben. Doch bei bei vier Millionen Stück, die produziert werden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die frühzeitig entdeckt und behoben werden, deutlich größer als bei einem elitären Einzelstück.“

Die Kinderkrankheiten der kleinen Serie

Luxusprobleme, zugegeben, aber so ganz von der Hand zu weisen ist das tatsächlich nicht. Verlangen wir nicht alle mehr, wenn wir für Menschen arbeiten, die mehr Geld haben als der Rest? Und ist die statistische Wahrscheinlichkeit, ein Montagsauto zu bekommen, bei einem Auto an dem die Mechaniker gleich acht Wochen herumgeschraubt haben und nicht nur zwei Stunden, sogar deutlich höher? Und erst wenn man das erkannt hat, weiß man die Millionen wohl zu schätzen.

Mucha hat jedenfalls mittlerweile aufgehört, Coca Cola zu trinken und nimmt nun ebenfalls von den roten Getränken Abstand, die Ekaterina Mucha im Stundentakt auf den Tisch stellt. Die drei Telefone, die vor ihm liegen (zwei Mobiltelefone, eines Vertu, ein TAG Heuer, einmal Schnurlos-Festnetz, Anm.) haben vor gut 30 Minuten aufgehört zu läuten. Mucha hatte zuvor seiner Sekretärin in Wien die letzte Anweisung gegeben („Es ist 13.30 Uhr am Freitag, machen Sie früh Schluss“). Sein Sekretär, den wir zuvor am Whirlpool ge- sehen haben, ist mit ein einigen Säcken Unkraut zur Deponie aufgebrochen, die Assistentin von Ekaterina Mucha hat sich in die Küche zurückgezogen, mit einem Bügelbrett. Es wird angenehm ruhig an diesem ersten warmen Wochenende an der Côte d’Azur und die Muchas bereuen es keine Sekunde, dieses Haus gekauft zu haben.

Wobei es vor allem Ekaterinas Wunsch war, sagt Christian Mucha, „ihr ist es in Kärnten zu kalt“. Sie fällt ihm ins Wort: „Dort regnet es dauernd.“ Tatsächlich genießen die Muchas an der Côte d’Azur aber vor allem das lockere Umfeld der Internationalität: „Hieher zieht es die haute volée aus ganz Europa.“, sagt Ekaterina, die sich mittlerweile auch zu uns gesetzt hat: „Da gibt es keine Engstirnigkeit, da lassen sich sogar die Franzosen herab, ihr – meist armseliges – Englisch auszupacken. Man hat sich daran gewöhnt, dass hier alles international ist, deswegen haben Vorurteile und Diskriminierung an der Küste weniger Erfolg als anderswo.“

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Knapp 60 Minuten südlich von Nizza liegt die Villa der Muchas, auf halbem Weg zwischen Saint-Tropez und Cannes. Es ist nicht die teuerste Gegend der Côte d’Azur, in der die beiden leben, das hat aber auch den Vorteil, dass das auch die potenziellen Einbrecher wissen – und lieber zehn Kilometer weiter südlich einbrechen. Aber auch Muchas Anwesen ist gut bewacht, rund um die Siedlung führt ein Zaun, um vorzufahren muss man an einem Wärterhäuschen vorbei. Eine klassische „gated community“, so Mucha: „Hier ist keiner dem anderen etwas neidig. Links von uns wohnt ein Pariser Notar, rechts von uns der größte BMW-Händler Belgiens und unter uns der Herausgeber der drittgrößten finnischen Tageszeitung. In diesem Umfeld gibt es keine Eifersüchteleien und kein Imponiergehabe.“

Doch außerhalb dieser geschützten Bereiche, sagt Mucha, „kann es durchaus lebensgefährlich werden: Hier bricht man nämlich nicht ein, man überfällt. Da geht es nicht mehr darum, irgendwelche Fernseher aus den Häusern zu entwenden, sondern nur noch um Bargeld, Kreditkarten, Uhren und Juwelen. Also behängt man sich am besten nicht.“ Mucha kann durchaus Geschichten erzählen, wie gefährlich es an der Côte zugehen kann. Gleich mehrere Versuche, ihn auszurauben, hätte es gegeben, und einmal ist ihm in seinem Rolls sogar ein schäbiger Kleinwagen über fast 40 Kilometer gefolgt. Mucha umkreiste deswegen den Kreisverkehr gleich dreimal, sprang dann aus dem Wagen und hielt dem Verfolger eine größere Dose Pfefferspray unter die Nase. Samt der Aufforderung, sich zu vertschüssen. Was der Verfolger auch tat. Die Muchas sitzen seither meistens im Mercedes.

Erschienen im Sommer 2014. Fleisch Yellow Edition

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