Headerbild Fleisch29 Interview

Interview - Markus Huber
Fotos - Dietz Fejer

In Würde altern
Der eine wurde gerade Vater, der andere Opa, die Dritte ist Doris Knecht vom Falter. Natürlich ist der Jungvater der Älteste der Runde. Und natürlich haben alle drei Jobs, für die sich manche 40-Jährige schon zu alt fühlen. 
Große, platte Frage: Wie wird man in Würde erwachsen?

Blumenau: Davon hab ich wirklich keine Ahnung, also: Auf Wiedersehen.

Gröbchen: Sollten wir das nicht schon seit 30 Jahren beantwortet haben?

Knecht: Nein. Wir reden nur seit 30 Jahren darüber, aber die richtige Antwort habe
zumindest ich noch nicht gefunden.

Gröbchen: Aber was ist schon erwachsen? Zunächst ist es ja eine biologische Frage. Sobald es aber um die Lebensumstände oder um die Einstellung geht, dann wird sie schwierig zu beantworten. Ich nehme zum Beispiel für mich in Anspruch, mein ganzes Leben lang ein kindischer Mensch gewesen zu sein.
Vielleicht muss man das in euren Jobs auch sein.

Knecht: Ich weiß nicht, ob unsere Jobs so superjugendlich sind. Sie werden nur als jugendlich oder als berufsjugendlich angesehen, weil sie eben weniger spießig sind als andere.

Blumenau: Das ist doch alles Blödsinn. Der jugendlichste Job, den ich kenne, ist kellnern. Das machen nämlich ausschließlich junge Menschen.
Na ja.

Blumenau: Ok, stimmt vielleicht nicht immer.

Gröbchen: Eigentlich denkt man übers Erwachsensein nicht nach, man ist es einfach. Oder eben nicht.

Knecht: Ich denke schon darüber nach. Man hat doch immer wieder Phasen, in denen man merkt, dass manche Sachen nicht mehr gehen. Dass man jetzt zum Beispiel nicht mehr Gitarristin einer Band werden kann.

Blumenau: Du kannst das an einem Punkt festmachen?

Knecht: Ja. Du musst einfach irgendwann akzeptieren, dass das nicht mehr geht, ohne peinlich zu sein.

Gröbchen: Aber das stimmt ja gar nicht. In einer Jazz-Band, zum Beispiel, da kann man das noch ohne Probleme.

Knecht: Für eine Jazz-Band bin ich noch nicht alt genug.

Gröbchen: Ok, dann lassen wir Jazz weg, aber bei Singer-Songwritern gilt das auch.

Knecht: Trotzdem gibt es den Punkt, an dem du irgendwelche Lebensträume, von denen du dir gedacht hast, das mach ich schon noch, einfach begräbst. Weil du weißt: Das wird jetzt nix mehr.

Gröbchen: Ernsthaft: Warum? Wir leben in einer Welt, in der 68-Jährige als Seniorenstudenten jeden Tag auf die Uni gehen.
Die gab es früher auch schon. Das waren die komischen Typen, die mit dem Flanellsakko in der ersten Reihe saßen. Da wollte man doch nie dazugehören.

Gröbchen: Das sagst du jetzt. Aber wenn mich Archäologie interessiert und mir meine Vita die Gelegenheit gibt, dieses Studium nachzuholen, dann mach ich das. Und wenn ich für den 22-jährigen Studenten der Opa aus der ersten Reihe, also eine kuriose Erscheinung bin, dann ist mir als Opa aus der ersten Reihe das doch wurscht. Man muss das Selbstbewusstsein haben, dass man seine Interessen vom Alter entkoppelt. Der einzige Bereich, wo es vielleicht anders ist, ist im Spitzensport. Da setzt einem der Körper irgendwann Grenzen.

Blumenau: Auch nicht unbedingt. Noriaki Kasai ist 41 und hat bei den Olympischen Spielen gerade Silber geholt.

Aber das sind ja wohl Einzelfälle. Und nicht nur im Sport, auch in unseren Jobs gehört man mit jenseits der 40 zu den Älteren. Habt ihr nicht manchmal Angst, dass ständig Jüngere kommen, die Dinge können, die ihr nicht könnt?

Gröbchen: Nein. Denn auch wenn das jetzt vielleicht zu erwachsen klingt, aber ich habe denen doch auch etwas voraus: Erfahrung. Natürlich kann man bei bestimmten Insignien nicht mithalten, man versteht gewisse Dinge nicht mehr. Ich maße mir zum Beispiel nicht an, frische Elektronik beurteilen zu können, da muss ich mich auf Urteile anderer verlassen.

Knecht:
Ich hatte diese Angst schon – beim Plattenauflegen. Da dachte ich mir, dass so eine alte Schachtel wie ich irgendwie uncool ist, aber andererseits habe ich 50 Jahre Pop-Geschichte im Kopf. Ich kenne mich aus, ich weiß, was ich spiele, ich weiß, was ich mischen kann, und zwar von den 50ern bis zu den Nuller-Jahren.
Aber weißt du, was jemand hören will, der 22 Jahre alt ist?

Knecht: Kann sein, dass der was anderes hören mag, als ich auflege. Aber Auflegen kann ich. Das ist als Schauspielerin wohl schwieriger. Da hilft dir dein Können und deine Erfahrung irgendwann mal nicht mehr weiter, weil du dann eben nur mehr für Alte-Schachtel- oder Mutter-Rollen besetzt wirst.
Gut, dann ändert sich vielleicht die Rolle, aber es gibt eben auch diese andere Rolle. Und das Handwerk, das Schauspielen, ist ja nach wie vor gefragt. Aber wenn du kein Gefühl mehr dafür hast, was ein 22-Jähriger hören will, und nur noch Menschen gesucht werden, die für 22-Jährige auflegen – dann nützt dir all deine Erfahrung nichts mehr.

Knecht: Aber ich muss ja auch nicht für 22-Jährige auflegen. Wobei das natürlich auch lässig ist, wenn dann so ein 22-Jähriger dasteht und fragt: Hey, was hast du da jetzt gespielt, das war super – und ich sage: Das waren die Beatles.

Blumenau:
Aber es geht dabei ja gar nicht um die Erfahrung als Wert. Es geht darum, durch das, was man gelernt und gesehen hat, so etwas wie eine Einstellung, eine Marke zu bilden und dadurch unverzichtbar zu sein.

Knecht:
Oder erträglich.

Blumenau:
Aber im Optimalfall unverzichtbar. Oder zumindest so allein dastehend, dass man, wenn man etwas Bestimmtes will, an dir nicht vorbei kann. Und das ist doch bei uns hier allen so.

Gröbchen:
Na gut, „unverzichtbar“ ist wirklich zu hoch gegriffen – unverzichtbar ist nämlich fast niemand.

Blumenau:
Dann sagen wir einzigartig. Solitär.
Gröbchen: Es geht darum, attraktiv zu bleiben, attraktiv zu sein, aber ohne sich anzubiedern, weil das würde wieder völlig unattraktiv machen.

Knecht:
Ich spüre das mittlerweile am stärksten beim Kolumnen-Schreiben. Früher war das eine coole Erwachsenenkolumne, mit einer coolen Sprache, ein bisschen postpunk das Ganze, aber das geht jetzt nicht mehr. Weil: Irgendwann wurde das lächerlich. Und ich fand es schwer, die Kolumne neu einzurichten, sie zu etwas umzubauen, bei dem ich nicht völlig unglaubwürdig dastehe.
Warum? Weil du irgendwann mal die Sprache der 22-Jährigen nicht mehr gesprochen hast?

Knecht: Ja, aber das wollte ich auch gar nicht. Es ging eher um die Geschichten, die man erzählt. Dieses Post-Punk-Zeug wird irgendwann peinlich. Das ist so, als würdest du mit deinem Kind modisch konkurrieren und nur bei Forever 21 shoppen.

Blumenau:
Das prinzipielle Missverständnis ist doch zu glauben, wir würden primär oder ausschließlich für die ganz Jungen arbeiten: Das tun wir nämlich nicht. Die holen sich alles, was sie brauchen, sowieso aus anderen Quellen. Wenn sie mit jemand auf Augenhöhe reden wollen, dann machen sie das über WhatsApp. Aber nicht über die klassischen Medien.

Knecht:
Ich sag euch einmal, wie es in der Literatur ist. Da kommen nämlich eben nicht die jungen, hippen, sexy Leute zur Lesung. Bücher kaufen vorwiegend Frauen zwischen 40 und 65 Jahren. Und nicht die jungen Hipster mit den Bärten. Das ist so. Und das ist ok so. Die Bärte sind vielleicht auf dem Foto hübsch, aber die 40- bis 65-Jährigen lesen und kaufen dafür deine Bücher. Und wenn sie ihnen gefallen, schenken sie sie ihren Freundinnen weiter. Die sind ein tolles Publikum, das trotzdem nicht ernst genommen wird, aber das sind genau die, die Bestseller machen. Und deswegen muss man dieses Publikum ernster nehmen als die jungen Leute, auf die man Jahrzehnte lang hingearbeitet hat. Weil: Die haben ja eh keine Kohle. Die Älteren dagegen schon, und sie nehmen sich die Zeit zum Lesen. Die interessieren sich für Bücher und kaufen sie auch.

Blumenau:
Die Jungen sind in Österreich eine so kleine Schnitte im gesamten Brotlaib, dass sich das gar nicht wirklich auszahlt.
Aber die werbetreibende Wirtschaft dreht sich genau nur um diese Gruppe.

Blumenau: Auch das ändert sich jetzt schon und das wird sich in den nächsten Jahren massiv ändern. Weil sie einfach kein Börserl haben.

Gröbchen:
In der Regel denkt man über das Älterwerden auch nicht wirklich nach. Nur in manchen Momenten, wenn zum Beispiel, wie vor nicht allzu langer Zeit, meine Tochter zu mir kommt und sagt: „Du wirst jetzt Großvater.“ Das ist zunächst ein abstrakter Begriff, dann wird er eigenartig, und dann muss man sich daran gewöhnen, dass man nicht mehr der Jüngste und die Tochter erwachsen ist. Oder auch im Job. Wenn mich jemand fragt und ich mir dann eingestehen muss, dass ich einen Sender wie FM4 nicht mehr programmieren könnte, weil ich nur noch oberflächlich Ahnung habe, nicht mehr alle Bandnamen kenne.

Knecht:
Du bist mehr der Radio-Wien-Typ.

Gröbchen:
Ich? Ja. Und ehrlicherweise bin ich, wenn ich in Programmformaten denke, nicht mehr Hörer von FM4, sondern von Ö1. Aber auch das stimmt nur bedingt, das Durchschnittsalter von FM4 ist ja auch nicht so jung, wie man vielleicht glauben würde, sondern irgendwo bei 35.

Blumenau:
Nicht ganz, sondern knapp darunter. Es liegt bei Anfang 30.


Aber gerade in deinen Sendungen: Wie alt sind die Leute, die mit dir interagieren, die dir schreiben oder dich anrufen?

Blumenau: Total gemischt, da rufen 18-Jährige genauso an wie Menschen, die älter sind als ich. Aber diese Altersfrage wird vor allem deswegen so diffus, weil allmählich Menschen ins Pensionsalter kommen, die in den späten 60ern sozialisiert wurden. Die haben Vorbilder wie Mick Jagger oder Neil Young, die auch die Jungen teilweise noch gut finden. Und denken wir das einmal weiter: Wenn du heute in ein Altersheim gehst, dann wirst du auf 50 Zimmern, in denen Katzenfotos hängen, vielleicht eines mit Bildern aus den frühen 60ern finden, das so etwas wie Klasse und Stil andeutet. Das wird sich in den nächsten zehn Jahren massiv ändern.


Weil dann auch die ersten Moderatoren vom Jugendradio FM4 bereits in Pension gegangen sind.

Gröbchen: Hoffentlich noch mit Golden Handshake.

Blumenau:
Na ja, die Ältesten bei FM4 sind Mitte 50. Das ist ja noch kein Alter.

Gröbchen:
Pensionierung ist ja auch so etwas: Da geht es um ein Lebensprinzip. Mir ist das völlig fremd, und auch für so Menschen wie für Martin wird es zwar wohl irgendwann mal eine formale Pensionierung geben, das heißt aber nicht, dass der dann Ruhe gibt.

Knecht:
Das wird bei uns ganz anders als bei unseren Eltern. Unter anderem deswegen, weil wir viel später Kinder bekommen haben als sie. Wir haben das hinausgezögert, ich bin so um 15 Jahre länger jung geblieben als meine Mama. In meinem Alter waren bei meiner Mutter die Kinder schon wieder aus dem Haus. Das macht aus uns jüngere Alte, weil wir kleine Kinder haben und so noch etwas von ihnen mitkriegen. Mein Vater ist mit 60 in Pension gegangen. Erstens geht mit 60 heute keiner mehr in Pension und zweitens war der damals schon irgendwie wirklich alt.

Gröbchen:
Der hatte seinen Lebensabend. Ich glaube nicht, dass heute jemand hier am Tisch sitzt und sagt: „Wir steuern auf unseren Lebensabend zu.“

Blumenau:
Eben. Wir steuern auf eine völlig neue Definition des Alterns zu.


Bild-im-Text Fleisch29 Interview


Apropos neue Definitionen: Martin, du bist 54 und vor einem Jahr zum ersten Mal Vater geworden. Da sieht man das vielleicht einen Tick anders.

Blumenau: Es ist nicht wirklich anders. Es gibt Vorteile und Nachteile, wie bei allem. Die Nachteile sind, dass da eine Generation übersprungen wird und sich das irgendwann biologisch auswirken wird. Der Vorteil ist die höhere Präsenz. Ab einem gewissen Alter kann man sich sein Leben besser einteilen als mit Mitte 20. Ich muss mich nicht mehr 80 Stunden dem Wahnsinn widmen, dem man normalerweise in seinem Leben nachgeht. Und mit dem Alter wird man gelassener, auch im Umgang mit dem Kind. Wenn ich mir vorstelle, wie ich vor 20 Jahren mit einem Kleinkind umgegangen wäre – da hätte ich viel öfter die Nerven weggeworfen. Das kann mir jetzt nicht mehr passieren.


Apropos Neues: Wenn man längere Zeit im Kreativbereich arbeitet, dann hat man wohl irgendwann mal alles gesehen, alles gehört, jedes Zitat einer Band schon verstanden, bevor es überhaupt noch gefallen ist. Da muss man ja eigentlich zynisch werden, oder?


Gröbchen: Ich habe überhaupt nichts gegen Zynismus. Solange er nicht zu rückwärts gewandt ist. Weil dann wirkt er verbittert.

Blumenau:
Ich weiß gar nicht, ob man irgendwann alles gesehen hat. Natürlich hat man oft den Eindruck, dass man die Musik mancher Bands schon kennt und glaubt, nichts Neues mehr entdecken zu können. Aber dann sehe ich die glänzenden Augen meiner jungen Kollegen und wenn ich dann nachfrage, bringen sie mir Details, auf die ich vielleicht nicht geachtet habe, Querverweise, die mir entgangen sind, oder Querverbindungen zu anderen aktuellen Künstlern, die ich überhaupt nicht am Radar habe.

Knecht:
Wichtig ist einfach nur, dass man Neuem nicht zum Vorwurf macht, dass man Ähnliches schon gehört hat.

Gröbchen:
Richtig. Weil das wäre verbittert.

Knecht:
Und es muss dir am Ende wurscht sein, was die anderen von dir halten. Wenn jemand ein Problem damit hat, dass du zynisch bist, bitte.

Blumenau:
Wenn es dir wurscht ist, dann kriegst du auch Respekt. Wenn du dich anschleimst, dann kriegst du nichts.
Wie gehen bei FM4 die Kollegen von Mitte 20 mit dir um?

Knecht: Der Blumenau war doch immer schon deppert zu allen. Bei dem liegt das einfach am Charakter.

Blumenau:
Wenn man neugierig auf das ist, was die zu sagen oder zu erzählen haben, dann ist der Umgang ein ganz ein anderer, ein normaler. Manchmal streitet man dann über gewisse Punkte, manchmal stehe ich staunend vor dem, was die mir erzählen und vorspielen, und denke: Hätt ich mir nicht gedacht.

Gröbchen:
Behaupte bloß nicht, du wärst jetzt ein Elder Statesman! Weil sobald man sich so einschätzt, wird man es nie. Aber es gab ja auch früher schon gute Alte. Typen, die man interessant fand, schillernd, die einem was zu sagen hatten. Die man respektiert, um nicht zu sagen, bewundert hat. Und dann gab es früher auch schon die alten Trottel. Ich glaube, Erwachsenwerden ist der Moment der Erkenntnis, dass du natürlich etwas von deinen Eltern hast, dass du natürlich auch nicht viel anders wirst als die Generation davor.

Martin Blumenau, 53,
arbeitet seit 1981 als Journalist, seit 1983 beim Radio. Er war unter anderem bei der Ö3 Musicbox. 1994 konzipierte er FM4 mit und ist seit damals als Moderator on air. Blumenau hat einen einjährigen Sohn.
Walter Gröbchen, 52,
Journalist seit Anfang der 80er Jahre, zunächst bei Ö3, unter anderem für die Musicbox, aber auch für Ö1 Diagonal. Daneben schrieb er für diverse Magazine. Seit 1993 ist Gröbchen in diversen Funktionen für Plattenlabels tätig, seit 2000 für sein eigenes Label monkey music.
Doris Knecht, 48,
Journalistin, zunächst beim Falter, Ende der 90er Jahre bei profil, danach beim Schweizer Tagesanzeiger. Seit Mitte der 2000er Jahre ist Knecht in Österreich vor allem als Kolumnistin bekannt – und als Buchautorin.


Erschienen im Frühling 2014

 

Share