Headerbild Fleisch29 Kurz-Formel

Text: - Martin Steinmüller

Die Kurz-Formel
Es gibt nicht viele Dinge, auf die man sich verlassen kann. Wer weiß schon, wie Wahlen ausgehen? Was die Krone macht? Und wie Matthias Strolz reagiert? Eines ist aber ziemlich fix: Irgendwann wird Sebastian Kurz als ÖVP-Spitzenkandidat in eine Nationalratswahl gehen. Bloß: Wann? Wir haben eine Formel entwickelt, die das beantwortet. Echt.

Der Erfahrungsfaktor

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Alter und politische Erfahrung – wer an die Spitze der ÖVP will, sollte genug von beidem mitbringen. Im Schnitt 48 Jahre alt waren die Obmänner der vergangenen Jahrzehnte, als sie der Parteivorstand mit der Obmannschaft betraute. Fünf Jahre hatten sie davor durchschnittlich auf der Regierungsbank gesessen. 15 Jahre wiederum waren die vergangenen ÖVP-Chefs in politischen Ämtern, also als gewählte Mandatare aktiv, bevor sie zum Parteichef aufstiegen.

Im Durchschnitt, natürlich: Wilhelm Molterer etwa wurde 1985 Gemeinderat in Sierning, Parteichef wurde er 22 Jahre später. Fast genauso lang musste sich Michael Spindelegger gedulden. 1992 in den Bundesrat gewählt, übernahm er erst 2011 die Parteiführung von Josef Pröll. Der wiederum drückt den Altersschnitt deutlich nach unten. Der Niederösterreicher war gerade 40, als er 2008 an die Spitze der Partei trat. Dafür hatte er damals bereits fünf Regierungsjahre hinter sich.

Würde Kurz erst im statistischen Mittel von 48 Jahren ÖVP-Chef werden, dann würde es noch einige Jahre dauern – 21, um genau zu sein. Weniger lang bräuchte er, wenn es nur nach den Mandatsjahren geht – da fehlen ihm zum Durchschnitt noch zehn Jahre. In Sachen Regierungsjahre müsste er sogar nur noch zwei Jahre warten.



Der Pröll-Faktor


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St. Pölten ist ohne Zweifel eine Konstante der Volkspartei. Bis auf Josef Riegler lagen bei keinem ÖVP-Obmann der vergangenen 35 Jahre mehr als 100 Kilometer zwischen Heimatort und der niederösterreichischen Landeshauptstadt. Und auch bei Riegler waren es gerade einmal 136 Kilometer Luftlinie. Wichtiger als der Ort selbst ist freilich der, der dort regiert. Seit 22 Jahren lenkt Erwin Pröll als Landeshauptmann nicht nur die Geschicke Niederösterreichs, sondern ist ein ebenso relevanter Faktor in der Bundespolitik. Stehen wichtige Entscheidungen auf Bundesebene an, blicken Politiker wie Medien nach St. Pölten. Pröll ist dabei noch ÖVPler vom alten Schlag. Bei den klassischen Kernthemen der Partei wie Familie, Bildung oder Landwirtschaft bleibt der promovierte Agrarökonom strikt auf Kurs.

Für die mediale Grundpräsenz des Landeshauptmanns sorgen verlässlich die Niederösterreichischen Nachrichten – kurz NÖN. Wer in der Wochenzeitung präsent ist, steht auch beim Landeshauptmann hoch im Kurs. Und das kann sich auch auf Bundesebene bezahlt machen.

Sebastian Kurz ist zwar Wiener und in der Wiener JVP sozialisiert. Doch der junge Politiker knüpft bereits seit Jahren Bande zur niederösterreichischen Landespartei. 2012 konnten die NÖN von einer Quasi-Adoption Kurz’ durch die Niederösterreichische Volkspartei schreiben. Bereits ein halbes Jahr zuvor druckten sie ein Interview mit dem damaligen Staatssekretär ab – als Serie auf drei Ausgaben verteilt.
Auf den jährlichen Sommerfesten von Pröll in Laxenburg ist Sebastian Kurz seit 2011 gerngesehener Gast. Da verwundert es wenig, dass der Landeshauptmann bereits mehr als einmal lobende Worte für den Jungpolitiker fand.



Der Vorzeigefaktor

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Uneheliche Kinder wirken sich auf eine ÖVP-Karriere ähnlich abträglich aus wie ein Austritt aus der katholischen Kirche. Und auch wer zu viele Leichen im biografischen Keller ansammelt, muss mit Gegenwind rechnen. Vor allem wenn sie sich zu handfesten Skandalen auswachsen. Kritik vom Regierungspartner mag das eigene Profil stärken. Zu viel davon kann ein aufstrebender Politiker aber ebenso wenig brauchen wie Gerüchte um den eigenen Rücktritt.

Fast ein Muss ist dagegen die Ehe. Bis auf Schleinzer, Withalm und Gorbach waren alle ÖVP-Obmänner der Zweiten Republik verheiratet. Im Durchschnitt produzierte jede ÖVP-Chef-Ehe zwei Kinder.

Ein Spitzname und ein paar karikaturfähige Merkmale können das Gesamtbild abrunden, bleiben aber ein zweischneidiges Schwert. Ein klingender Spitzname erhöht zwar den Wiedererkennungswert. Nur prägen ihn selten wohlmeinende Freunde. Erhard Busek beugte dem übrigens vor. Als „dicke Knackwurst mit Brille“ hatte sich Busek zunächst vor allem selbst bezeichnet.

Bisher verlief Sebastian Kurz’ Leben als Politiker in sicheren Bahnen. Weder uneheliche Kinder noch große Skandale kreuzten seinen Weg und mittlerweile hält sich auch die Kritik an seiner Person in Grenzen. Wenig verwunderlich, dass er am OGM-Vertrauensindex auf dem guten sechsten Platz rangiert. Nur mit einer Familiengründung kann der ÖVP-Hoffnungsträger noch nicht punkten.



Der Raiffeisenfaktor

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Gut für die ÖVP, dass sie eine der größten Banken des Landes an ihrer Seite hat. 2.200 Filialen betreiben die 494 Raiffeisenbanken in ganz Österreich. Der Sparkassenverband kommt im Vergleich dazu gerade einmal auf 957 Filialen. Ebenfalls unter dem Dach des Raiffeisenverbands: 97 Lagerhausgenossenschaften mit insgesamt 1.064 Standorten. So viel Präsenz findet auch ihren Niederschlag in der Politik. In der Person von Christian Konrad hatte die politische Macht der Raiffeisenbank über viele Jahre ein Gesicht. Berühmtheit erlangte das jährliche Sauschädelessen, zu dem er als Generalanwalt des Raiffeisenverbands die Spitzen der österreichischen Gesellschaft einlud.

So bedeutend die Raiffeisenbank sein mag, die wahre Stütze der Partei sind die sechs Bünde. Eine Mitgliedschaft in einer dieser Teilorganisationen führt automatisch zu einer Mitgliedschaft in der ÖVP. Welche Bedeutung den Bünden innerhalb der Partei zukommt, zeigen die bisherigen Obmänner der Volkspartei. Jeder von ihnen hatte im Laufe seiner Politiker-Karriere eine Spitzenposition in einer der ÖVP-Teilorganisationen. Ähnliche Relevanz kommt vielleicht noch dem Mittelschüler-Kartell-Verband und dem Österreichischen Cartellverband zu. 12 der bisherigen 14 Parteiobmänner waren oder sind Mitglied in einer der katholischen Schüler- oder Studentenverbindungen.

Mit einer MKV- oder CV-Mitgliedschaft kann Sebastian Kurz nicht punkten. Auch seine Kontakte zur Raiffeisenbank halten sich für den Wiener in Grenzen. Dafür kann Kurz auf die Unterstützung zweier Bünde zählen. Seit 2009 ist er Obmann der Jungen ÖVP und neuerdings auch im Team des ÖAAB.



Der Studienfaktor

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Eines hat es bisher übrigens noch nie gegeben: einen ÖVP-Obmann ohne akademischen Titel. Die meisten ÖVP-Chefs hatten sich sogar bis zum Doktorat durchgekämpft. Statistisch waren die meisten ÖVP-Frontleute Juristen, immerhin acht aus zwölf. Die restlichen vier hatten ein Studium auf der landwirtschaftlichen Kaderschmiede namens BOKU abgeschlossen. Das passt eigentlich ganz gut zum Raiffeisensektor, den wir davor hoch bewertet haben. Interessant ist übrigens, dass die ÖVP noch nie von einem Betriebs- oder Volkswirt angeführt wurde. Aber das muss nichts zu bedeuten haben.

Akademischen Titel hat Sebastian Kurz noch keinen – er ist aber immerhin seit neun Jahren am Juridicum inskribiert. Das muss aber nicht heißen, dass er ein Bummelstudent ist. Immerhin hat Kurz in diesen Jahren nachweislich Praxiserfahrung gesammelt. In der ÖVP.



Unsere Berechnungen ergeben:
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Erschienen im Frühling 2014

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