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Text & Fotos: - Martin Steinmüller

Alt im Vollzug
Nur weil wir älter werden, heißt das nicht zwangsläufig, dass wir das als bessere Menschen tun. Im Gegenteil: Mit der Gesellschaft werden auch die Knackis älter. Die Gefängnisse sind aber nicht darauf vorbereitet, dass ihre Häftlinge plötzlich auch senil, bettlägrig oder inkontinent sein können. Oder doch?
5.000 Bücher hat Herbert Bogner in fünf Monaten geschafft und das ist keine schlechte Bilanz. Seit September hat er daran gearbeitet, fünf Vormittage die Woche, immer von 7 bis 14 Uhr. Band um Band hat er sortiert, katalogisiert und in die Regale geordnet. Er hat dabei nicht wirklich Hilfe gehabt, nichts außer einem Computer, und mit dem konnte er nicht ins Internet.

Das ist nämlich verboten.

Aber andererseits: Herr Bogner hat auch Zeit. Er ist erst 69 Jahre alt und wird noch ein paar Jahre hier in diesem Gebäude, in dem die Augustiner-Chorherren einst Kelche, Hostienschalen und Messgewänder aufbewahrt hatten, verbringen. Herr Bogner, der in Wirklichkeit einen Tick anders heißt, hat nämlich zwei Banken überfallen und sitzt bis auf Weiteres in der Haftanstalt Suben ein – für insgesamt elf Jahre.
69 Jahre ist Bogner alt. Das ist nicht wirklich alt. Normalerweise ist man da seit ein paar Jahren in der Pension angekommen und damit in einer zweiten oder dritten Welle für die Werbewirtschaft wieder interessant geworden – als sogenannter „Silver Ager“. Das sind diese Personen, diese Zielgruppen, die wieder über die Aufmerksamkeitsschwelle rücken, weil sie in der Regel nicht nur Tagesfreizeit haben, die sie mit Konsum verbringen können – sondern eben meistens auch das Geld, um sich diesen Konsum leisten zu können.

Der Markt brummt, die Tourismus- und Freizeitindustrie ist ganz versessen auf die Silver Ager, aber so wie diese Gruppe zunimmt, nimmt auch die Anzahl derer zu, die trotz des höheren Alters keinen Schritt unbeobachtet machen können.
Vier Prozent aller Häftlinge in Österreich sind älter als sechzig. Vor zehn Jahren waren es erst drei Prozent. Das ist zum einen das Ergebnis eines demografischen Wandels. Wenn die Gesellschaft immer älter wird, dann werden auch die Gefängnisinsassen immer älter.

Aber was bedeutet das für die Gefängnisse?

In Suben, einer der ältesten Justizanstalten Österreichs, haben Menschen wie Gerd Katzelberger, der Leiter der Justizanstalt, deswegen begonnen, darüber nachzudenken. Darüber, wie man mit Menschen wie Herrn Bogner umgehen soll, kann und darf. Mit Männern, die einen guten Teil ihres verbleibenden Lebens hinter Gittern verbringen werden.

Die Mauern, die das Gefängnis in Suben umschließen, sind das halbe Jahr lang unsichtbar. Verdeckt von den Bäumen, die Krone an Krone am Ufer des Inns stehen. Doch Anfang Februar ragen Stämme und Äste kahl in den Winterhimmel, geben den Blick frei auf fünf Meter hohen, weiß getünchten Beton, die Oberkante abgeschlossen mit Stacheldrahtrollen. 278 Männer sitzen dahinter ihre Strafe ab. Damit ist die Justizanstalt Suben in Österreich weder eines der wirklich großen noch der ganz kleinen Gefängnisse. Zwölf Häftlinge sind über sechzig. Auch das entspricht ziemlich genau dem österreichischen Durchschnitt.

„Die gesetzlichen Voraussetzungen besagen, dass Strafgefangene ab dem Alter von 60 Jahren nicht mehr zur Arbeit verpflichtet sind“, sagt Oberst Katzelberger. „Das ist schön und gut, aber was heißt das für uns? Wir können ja nicht einfach sagen: Ok, ihr seid’s jetzt auch da, macht’s euch einen schönen Tag.“
Denn in Suben dreht sich viel um Arbeit. Bis 1975 war die Justizanstalt ein Arbeitshaus. Und auch wenn Christian Brodas Strafrechtsreform Ende der 70er Jahre den Terminus „Arbeitshaus“ verschwinden ließ – in Österreichs Gefängnissen herrscht nach wie vor Arbeitspflicht.

Auch in Suben arbeiten drei von vier Häftlingen.

Und zwar in einem der anstaltseigenen Betriebe. Es gibt eine Bäckerei, die täglich 220 Kilo Brot erzeugt und damit auch die Justizanstalten in Salzburg und Ried versorgt. In einer anderen Firma basteln Häftlinge aus Metallbügeln und Holzplatten Mausefallen – immerhin bis zu 5.000 Stück am Tag. „Wir sind ein Wirtschaftsfaktor, im Bezirk Schärding locker unter den Top-Ten-Betrieben“, sagt Katzelberger. Bereits sein Vater und Urgroßvater trugen die Uniform der Justizwache. Er selbst hat sich in zwanzig Dienstjahren zum Anstaltsleiter von Suben hochgearbeitet. Körperlich hat das wenig Spuren hinterlassen. Dass er nächstes Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag feiert, verrät bestenfalls der hinter die Stirn zurückgewichene Haaransatz. Man glaubt ihm, wenn er sagt: „Ich kann von mir aus schlecht beurteilen, was ein Senior haben will.“

Die Frage, was Senioren brauchen, stellt sich nicht nur hinter Gefängnismauern. In einer Anstalt, die ihren Tagesablauf darauf aufbaut, dass die Häftlinge tagsüber arbeiten, wird die Frage noch wichtiger. Was macht man als Gefängnisleitung, wenn von den Insassen manche nicht mehr arbeiten müssen und auch nicht mehr wollen? Oder nicht mehr können? Wie geht man damit um, wenn diese Zahl beständig wächst? Und steht hinter dem Arbeitsthema nicht eine größere Frage: Wie geht das überhaupt zusammen – alte Menschen und Haft?

Vordergründig ist die Antwort darauf in Suben ein bisschen grünes Linoleum und eierschalengelbe Farbe an den Wänden. Als 2007 der älteste Teil des Gefängnisses renoviert werden musste, hat man baulich gleich ein paar Dinge adaptiert, sagt Anstaltsleiter Katzelberger: „Das hat damals nicht mehr gekostet, war kein Aufwand und ist so nebenher gegangen.“

Aus einigen Hafträumen wurden sogenannte Kleinwohngruppen.

Jeweils drei Zellen wurden zu einer Art WG zusammengelegt, mit einem Aufenthaltsraum samt zwei Tischen, acht Stühlen und einer Kochnische. Wer will, kann in seiner Häfen-WG selbst kochen, die Lebensmittel, das Besteck und Geschirr gibt es im gefängniseigenen „Anstaltsladen“. Dann gibt es noch zwei weitere Zimmer mit je einem eigenen Bad. Insgesamt hat die Kleinwohngruppe also Platz für sechs bis acht Häftlinge. Und rein optisch unterscheidet sie sich gar nicht von einem Studentenheim in den Achzigern und Neunzigern – wären da nicht die Gitter vor den Fenstern.
Oder die Haltegriffe neben der Toilette.
Oder die Notruftaste in der Dusche. Hier sollen keine Studenten wohnen. Sondern bald bis zu 42 Häftlinge über 60 Jahren.

„Die größte Herausforderung ist jetzt, dass wir Senioren herbekommen“, sagt Katzelberger. Denn tatsächlich können sich in Österreich Häftlinge bis zu einem gewissen Grad aussuchen, wo sie ihre Haft absitzen, in der Regel wählen Häftlinge Haftanstalten in der Nähe ihrer Wohnorte, oder zumindest in der Nähe von Verwandten, die sie hin und wieder besuchen kommen.


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Alle vierzehn Tage bietet ein Künstler aus dem Ort im Gefängnis einen Malkurs an.


Suben ist aber etwas ab vom Schuss, und deswegen sind Häftlinge wie Bogner eher die Ausnahme als die Regel. Noch während seiner Untersuchungshaft in Wels erfuhr er von den Subener Plänen. Er beantragte seine Verlegung, kam mit einem Umweg über die Justizanstalt Stein schließlich ins Innviertel. Und merkte, dass auch der Seniorenvollzug an Kinderkrankheiten leiden kann. „Die haben mir in einem Stockbett die obere Matratze gegeben. Wie soll ich denn da mit meinen kaputten Wirbeln jeden Tag rauf und wieder runter klettern?“ Für den Moment bewohnt Herr Bogner eine Einzelzelle. Bis sich in den Wohngruppen alles eingespielt habe, sei ihm das lieber.

„Wir sind eben erst am Anfang“, sagt Katzelberger. Immerhin sechs Seiten umfasst das Konzept, das die Justizanstalt Suben bei der Vollzugsdirektion eingereicht hat. Von einer extra Arztstunde pro Woche ist darin die Rede, von Group Councelling und Kreativ-Werkstätten. Und davon, die Senioren nicht von den restlichen Häftlingen zu trennen, um „Stigmatisierungen und Sonderstellungen zu vermeiden“.

Von Suben nach Deutschland sind es Luftlinie gerade einmal 200 Meter.

Aber gerade in Sachen alte Knackis doch weit mehr. Die Justizvollzugsanstalt in Singen am Bodensee nimmt nur Häftlinge jenseits der 50 auf. Im sächsischen Waldheim hat die Gefängnisleitung eine getrennte Station nur für Senioren eingerichtet. So weit wollen die österreichischen Kollegen vorerst nicht gehen, sagt auch Carmen Hois. Sie ist Sozialarbeiterin in Suben und ebenfalls für das Projekt zuständig. Und sie hat festgestellt, dass die älteren Herrschaften von den restlichen Häftlingen nicht abgeschottet werden wollen. Hois, rote Locken, Nasenpiercing, breites Lächeln und also rein optisch schon eine typische Sozialarbeiterin, redet von ihren Patienten wie von durchschnittlichen alten Männern, die in der Nachmittagssonne Karten spielen oder im Garten arbeiten. Seit letztem Frühling stehen zwei Hochbeete an der Außenmauer des Gefängnishofes, extra für die Alten.

Auf der anderen Seite der Mauer hört das nicht jeder gerne. Dass Häftlinge mehr sind als weggesperrte Verbrecher, macht sich nicht so gut in den Schlagzeilen des Boulevards. Nicht nur einmal betont Hois, dass ein Gefängnis trotz Seniorenvollzug immer noch ein Gefängnis bleibe. „Auch wenn wir auf die Bedürfnisse der Senioren achten, ist das eine freiheitsentziehende Maßnahme, eine Strafe.“
Eine Strafe, die „den Verurteilten zu einer rechtschaffenen und den Erfordernissen des Gemeinschaftslebens angepassten Lebenseinstellung verhelfen“ soll. So steht es unter „Zwecke des Strafvollzugs“ im Strafvollzugsgesetz aus 1969. Heute sprechen die Verantwortlichen lieber von Resozialisierung. Der Bericht des Justizministeriums zum Strafvollzug führt penibel alle Aus- und Weiterbildungsangebote in Österreichs Gefängnissen an.

Natürlich gehe es bei einem Siebzigjährigen nicht mehr darum, ihm nach der Haft einen Job zu verschaffen, sagt Hois. Aber Resozialisierung sei eben mehr als nur die Suche nach einem Arbeitsplatz. Dann erzählt sie von der Bedeutung familiärer Kontakte. Von alten Männern, auf die draußen niemand wartet. Im August wird einer der ältesten Häftlinge entlassen. Für ihn beginnt die Sozialarbeiterin jetzt schon eine Wohnung zu suchen. „Der ist schon so lang da, dass er in der Gegend bleiben möchte.“ Und wenn es mit dem Alleinewohnen schwierig wird, „müssen wir eben schauen, dass wir Kontakte zu Pflegeeinrichtungen oder betreutem Wohnen herstellen“.


Gebrechlich genug für ein Pflegeheim ist in Suben niemand.

Darf auch niemand sein. „Mit dem Rollator wird es schon schwierig“, sagt Katzelberger. Nicht aus baulichen Gründen – da hat man vorgesorgt. Die Duschen sind barrierefrei, ein Aufzug verbindet die drei Stockwerke miteinander. Doch wer hilft einem gebrechlichen Häftling aus dem Bett? Wer zieht ihm Socken und Unterwäsche an, wenn er sich nicht mehr bücken kann? Hundert Angestellte arbeiten in Suben, neunzig davon Justizwachebeamte. Frauen und Männer, polizeitechnisch geschult. Altenpfleger ist keiner darunter.

Mag sein, dass sich das in Zukunft ändert. Letztes Jahr machte Katzelberger einem seiner Abteilungsleiter einen Vorschlag. Seit Februar ist Bezirksinspektor Alfred Gramatzky wieder in Ausbildung. Jeden zweiten Samstag steigt er ins Auto und fährt „zum Training“. Sein Ziel: Bildungshäuser der Diözese Linz. In Oberösterreich ist ehrenamtliche Ausbildung oft noch Kirchensache, die Diözese Hauptträgerin des Kurses „Selbstständig im Alter“. Gramatzky wird lernen, welche Bewegungsübungen funktionieren, wenn Beine und Arme nicht mehr alles mitmachen. Welche Gedächtnisübungen ältere Hirne fordern, aber nicht überfordern. Und welche Spiele man mit Menschen spielt, die kaum noch die Zielgruppe von Spieleentwicklern sind. Wenn er im Juni seine Trainerberichtigung bekommt, will er seine eigene Trainingsgruppe leiten – im Gefängnis.

Rollstühle schieben oder Windeln wechseln wird der Justizwachebeamte mit dem breiten Innviertler Dialekt aber auch in Zukunft nicht. Wer in Österreichs Gefängnissen zum Pflegefall wird, bleibt in den meisten Fällen nicht hinter Gittern. „Nachträglicher Aufschub des Strafvollzuges“ lautet der Passus im Strafvollzugsgesetz. Wer in der Haft schwer erkrankt oder „in einen sonstigen schweren körperlichen oder geistigen Schwächezustand verfällt“, den überlässt die Justiz – allein schon aus Kostengründen – in der Regel der Zivilgesellschaft.

Dennoch kommt es vor, dass Menschen im Gefängnis alt und krank werden und auch sterben. Seit 1975 können Richter den Maßnahmenvollzug anordnen. Gefährliche Rückfallstäter, entwöhnungsbedürftige und geistig abnorme Rechtsbrecher kann der Staat auf unbestimmte Zeit wegsperren – im Extremfall lebenslang. Selbst wenn die Justiz sich in so einem Fall doch noch für eine Entlassung aufgrund von Alter und Krankheit entscheidet: Welches Pflegeheim nimmt einen Menschen auf, den der Staat für so gefährlich hielt, dass er ihn ein Leben lang wegsperrte?

Bisher liegen solche Häftlinge in den Krankenabteilungen der Gefängnisse wie Stein oder Göllersdorf. Glücklich sind mit dieser Regelung die wenigsten. Eine bessere Lösung hat zurzeit niemand. Suben habe momentan weder die räumlichen noch die personalen Ressourcen für einen Maßnahmen- oder Hochsicherheitsvollzug, sagt Katzelberger, aber: „Schauen wir, wo es hingeht. Ich kann nicht ausschließen, dass wir in fünf Jahren auch Maßnahmenleute da haben werden.“

Zu diesem Zeitpunkt wird Herbert Bogner bereits auf der anderen Seite des Inns sein. Er ist nämlich deutscher Staatsbürger. Sobald er entlassen wird, wird er abgeschoben.
Über seine Resozialisierung muss sich in Österreich niemand den Kopf zerbrechen.

Erschienen im Frühling 2014

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