Illustrationen – lena appl, birgit mayer
Dinge, die jeder Staat braucht
Wir gründen einen Staat. Aber was ist das überhaupt und was brauchen wir dafür? Vor gut hundert Jahren entwickelte der gebürtige Österreicher Georg Jelinek die "Drei-Elemente-Lehre". Die Theorie wurde in den folgenden Jahrzehnten zur allgemein gültigen völkerrechtlichen Staatsdefinition. Laut Jelinek braucht ein Staat:
1) Ein Staatsvolk
Wie viele Bürger ein Staat hat, interessiert den Völkerrechtler freilich wenig. Tendenziell sollte ein Staat mehr Mitglieder als eine Kleinfamilie haben. Und die Mitglieder sollten sich zu ihrem Staat bekennen. Andere potenzielle Zusammengehörigkeitsmerkmale (nennen wir sie: Religionen) sind für den Völkerrechtler aber unwesentlich.

2) Eine Staatsgewalt
Legislative, Judikative und Exekutive bilden gemeinsam die Staatsgewalt. In welcher Staatsform dieser ausgeübt wird, bleibt völkerrechtlich offen. Monarchie, Republik oder Diktatur - sie alle können ein funktionierender Staat sein. Zumindest nach völkerrechtlicher Definition.

3) Ein Staatsterritorium
Die Größe eines Territoriums ist nebensächlich, aber es muss existieren. Und zwar als fester Erdboden, der nicht vom Meer bedeckt ist und bis zum Erdkern reicht. Bohrinseln, Schiffe und ähnliche Hilfskonstruktionen sind nicht gestattet. Virtuelle Konstrukte (wir erinnern uns an Second Life) gelten daher auch nicht. Vorerst.
Das ist nicht neu. Diese Größen haben eine Staatsgründung bereits erfolgreich über die Bühne gebracht:

Wilhelm Tell - Schweiz
Lebensdaten unbekannt
Erbe: Fixer Bestanteil der Schweizer Folklore

George Washington – USA
22.2.1732 – 14.12.1799
Erbe: Ein Bundesstaat und die Hauptstadt der USA tragen seinen Namen

Kemal Atatürk – Türkei
19.5.1881 – 10.11.1938
Erbe: Sein Porträt prangt auf jeder türkischen Lira

Guiseppe Garibaldi – Italien
4.7.1807 – 2.6.1882
Erbe: Man kann ihn als sogenannte „Garibaldi-Kette“ tragen – um den Hals

David Ben-Gurion – Israel
16.10.1886 – 1.12.1973
Erbe: Ein Flughafen trägt seinen Namen

Mao Tse-Tung – VR China
26.12.1893 – 9.11.1976
Erbe: Er ist Autor des auflagenstärksten Buches nach der Bibel

Kim Il Sung – Nordkorea
15.4.1912 – 8.7.1994
Erbe: Hat eine eigene Zeitrechnung, auch wenn diese nur in Nordkorea gilt

Simón Bolívar – Groß-Kolumbien
24.7.1783 – 17.12.1830
Erbe: Ein ganzes Land trägt seinen Namen

Wilhelm I. von Oranien – Niederlande
24.4.1533 – 10.7.1584
Erbe: Sein Name färbt halbe Fußballstadien. Natürlich nur wenn darin die Niederlande spielen.
Diese Personen sind für ihre Staaten also mehr. Symbolfiguren nämlich. Und tatsächlich braucht jeder Staat Symbole. Welches fällt einem als erstes ein? Erraten – die Flagge. Was gilt es eigentlich bei der Flaggenwahl zu beachten? Diese vier Typen können helfen, die passende Antwort für unseren Staat zu finden.Bild-im-Text Fleisch28 Staatsgruendung 01
Kategorie 1: Flaggen, die so viel Symbolik enthalten, dass man sie nicht versteht

Beispiel Antigua und Barbuda
Die Sonne symbolisiert den Aufbruch in eine neue Ära, Schwarz steht für Vorfahren aus Afrika, Blau ist die Hoffnung, Rot die Kraft. Dann gibt es noch ein bisschen leicht zu entschlüsselnde Tourismuswerbung: Gelb, Blau und Weiß stehen für Sonne, Meer und die Strände beider Inseln.
Unserer Meinung nach ist diese Flagge besonders geeignet für: Ein Volk, das sich für schlau hält und gerne das Wort „Decoding“ verwendet.

Kategorie 2: Flaggen, die keine Fragen offen lassen
Beispiel Ecuador
Diese Flagge gehört zur Untergruppe „Reiseführer“. Man sieht auf ihr nämlich so gut wie alles, das das Land an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Der Chimborazo- Nationalpark, der Río Guayas, ein Boot fürs Rafting und eine goldene Sonne, die für präkolumbianische Brauchtumsveranstaltungen wirbt.
Besonders geeignet für: Völker, die stolz auf ihre Heimat sind und im Tourismussektor anpacken können.

Kategorie 3: Flaggen, die sich über Flaggenkonventionen lustig machen
Beispiel Nepal
Nur hier gibt es eine Nationalflagge, die nicht rechteckig ist, sondern aus zwei verbundenen Wimpeln besteht. Und damit auch jeder Nepalese seine eigene Flagge zeichnen und ausschneiden kann, enthält seit 1990 die nepalesische Verfassung eine Anleitung zu ihrer geometrischen Konstruktion. Man benötigt dafür übrigens nur einen Zirkel und ein Lineal.
Besonders geeignet für: Länder, die neben Ländern liegen, die das Brutto-National-Glück in der Verfassung haben.

Kategorie 4: Flaggen, die schön aussehen, aber auch sagen: Mit und ist nicht zu spaßen
Beispiel Saudi-Arabien
Diese Flagge gehört außerdem zur Untergruppe „Fahnen mit Textbotschaften“. Über dem weißen Schwert steht: „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Gesandter“. Und weil Gott immer ganz oben ist, wird die saudische Flagge nie auf Halbmast gesetzt.
Besonders geeignet für: Leute, die unmissverständliche Aussagen und bestechende Logik schätzen.
Erschienen im Winter 2014
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