text - Thomas Melle

 

             Erstes Kapitel – Auszug aus einem neuen Roman

Dieser Auszug aus Thomas Melles Roman "3000 Euro" erschien im Winter 2013. Der Roman steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2014.

Da ist ein Mensch drin, auch wenn es nicht so scheint. Unter den Flicken und Fetzen bewegt sich nichts. Die Passanten gehen an dem Haufen vorbei, als wäre er nicht da. Jeder sieht es, aber die Blicke wandern sofort weiter. Keiner will es gesehen haben. Zwei Flaschen stehen neben dem Haufen, trübe und abgegriffen. Die Sonne knallt herunter. Es riecht streng, nach Urin, nach Säure und frühem Alter.
Anton träumt einen dünnen Traum, in ihm sind alle Arschlöcher weg. Jana betritt sein Zimmer, oder ist es eine industrielle Höhle; Anton muss eine Maschine bedienen, die etwas stanzt. Jana hockt sich zu ihm nieder und lächelt mit großen Augen. Ihr Hemd steht offen, die Brüste sind halb sichtbar. Anton nickt. Jana legt sich zu ihm, sie reden. Noch berühren sie sich nicht.
Wenn Anton träumt in diesen Wochen, dann von den alten Zeiten, die es so nie gab. Alternative Versionen seiner Jugend: Das Personal ist zwar dasselbe, aber die Ereignisse sind komplett erfunden. Er schläft mit den Mädchen, die er nie haben konnte, er rettet die Freunde, die nicht mehr Teil seines Lebens sind, er feiert die Erfolge, die er nie hatte. Strandgut aus der Zeit, als noch alles möglich schien.
Der Haufen rührt sich. Die Passanten gehen weiter dran vorbei, machen teils einen größeren Bogen. Anton merkt, dass er aufwacht, gegen seinen Willen. Die Traumbilder sind durchsichtig, lösen sich auf. Jana ist weg, die Maschine auch. Der Traumkanal geht zu. Anton ärgert sich. Der Schlaf ist alles, was er noch hat. Er hält die Augen geschlossen, Schweiß läuft ihm die Wange hinunter. Noch nicht, denkt er, noch nicht, und versucht, den Schlaf zu verlängern.

Das ist eine Disziplin, in der Anton es früher zu einer Art Meisterschaft gebracht hat: den Schlaf verlängern, das Wegdämmern dehnen, den Traum stauchen und modulieren. Die Konsistenz des Schlafes willentlich verändern, das Bewusstsein verdünnen. Man ist noch da, aber unscharf, ganz tief unten, als tierische Präsenz, kein Gewahrwerden, nur Schemen. Wo normalerweise ein alarmierender Gedanke den Schlafenden zurück in die konkrete Realität riss, konnte Anton das Konkrete verwischen und im Ungenauen, Schläfrigen verweilen, die Schlafreste ausschöpfen. Manchmal kann er es noch heute.

Ein Sonnenstrahl trifft sein Gesicht, stichelt darin herum, die Augen erwachen und sehen rot. Das war’s. Er öffnet die Augen und orientiert sich, Bushaltestelle, Rucksack, Supermarkt, hier die Ecke, die nachts noch so gemütlich schien. Erster Müll um ihn herum. Sein Leben schießt ihm wieder in den Kopf, stimmt, so sieht das aus hier, so ist, was wurde, und er erinnert sich an seinen Entschluss, seinen Plan für die nächsten Tage, vor dem Gerichtstermin. Und er erinnert sich an die dreitausend Euro. Zunächst aber will er auf und weg von hier, wo er argwöhnisch beäugt wird, wohl den ganzen Morgen schon. Aufstehen, aufräumen, losgehen. Es ist ja wohl kaum so, dass er kein Zuhause habe! Denkt das nicht, Leute! Sein Zuhause ist das Übergangsheim im Westen der Stadt. Dort sind sein Bett, sein Schrank, sein Tisch, oh ja. Er hat sich einfach hierhin gelegt, und aus der kurzen Verschnaufpause wurde eine Nacht im Freien. Warum auch nicht. Einübungen in die Zukunft, Vorwegnahmen des Unausweichlichen. Oder nur ein Witz, denkt Anton, ein Witz wie alles. Er steht auf, macht eine Verbeugung, grüßt ins Ungewisse und geht.

Humpeln die Penner an uns vorbei, berührt uns das unangenehm. Nicht nur ist es eine ästhetische Belästigung, sondern auch ein moralischer Vorwurf. Wieso bitte ist dieser Mensch so tief gesunken, welche Gesellschaft lässt einen derartigen Verfall zu? Das ist schon kein Mensch mehr, das ist ein Gegenstand. Dann geht man weiter, angewidert fast, und verscheucht den Eindruck, lässt den Gegenstand zurück. Ein Schicksal, ja, unter vielen. Man hat Zeitungsgedanken, erinnert sich an Statistiken, die man nicht aufsagen könnte, und doch, kürzlich hat man da doch etwas gelesen, die Anzahl der Wohnungslosen hat wieder drastisch zugenommen, im Osten oder im Westen, oder war es nur in Berlin, und ordnet diesen Menschengegenstand irgendeinem abstrakten Gesellschaftskommentar zu. Der Diskurs kümmert sich schon drum. Die Gesellschaft ist im Grunde nicht böse. Und das Gesicht, das einen angeblickt hat, verschwimmt zu einer comicartigen Versoffenheit, zu einer Satire seiner selbst. Weg damit.

Dreitausend Euro sind es. Mehr eigentlich, addiert man alles zusammen, etwa zehntausend insgesamt, aber gerade geht es nur um dreitausend Euro. Dreitausend Euro, denkt Anton, während er durch die U-Bahn wankt, dreitausend Euro, wie viel ist das, wie wenig. Der Gerichtstermin rückt näher, noch zehn Tage. Anton hat sich diese Frist gesetzt. Bis dahin will er (und er denkt den Ausdruck wörtlich und grinst darüber) klar Schiff gemacht haben. Das Wort Deadline vermeidet er. Draußen ziehen die Gebäude vorbei, die Schulden der anderen. Anton rechnet mit und nickt.

/

Die Uhr ist ständig eingeblendet in einem kleinen Sonnensymbol, eine Sonnenuhr der neueren Sorte, und darin rattern die Minuten weg, sind viel zu kurz und schnell wieder. Die Moderatoren grinsen in den Morgen hinein und scherzen. Denise mag sie sehr. Sie wäre gerne so fröhlich und blond wie sie. Aber sie ist, wie sie ist. Dann dröhnt ein Jingle, dass die kleinen Boxen scheppern, dann kommt ein Beitrag über die nächste Mode. Denise sucht Lindas blaue Jacke und findet sie nicht, nicht im Schrank, nicht im Wäschehaufen, nicht auf der Anrichte, nicht in der Küche, wo die Frühstücksreste noch auf Tisch und Boden kleben. Eine smarte Frauenstimme spricht von irgendwelchen Hinguckern. Denise will eigentlich sehen, was da so sehenswert ist, bemerkt aber, dass Linda schon seit Minuten verdächtig still ist. Als sie im Kinderzimmer nachsieht, sitzt ihre Tochter noch immer im Schlafanzug da. Anziehen, aber schnell, zischt Denise, lässt Linda jedoch keine Zeit zu Umständlichkeiten, sondern zwängt sie bereits in die Hose. Linda wehrt sich, will fliehen. Denise atmet schwer. Es kann nicht sein, dass jeden Morgen dasselbe Theater ist. Das kann einfach nicht sein. Linda entwischt ihr, torkelt mit einem Hosenbein am Fuß in Richtung Schrank und schlägt mit dem Kopf dagegen. Sofort schreit sie auf und heult, das Gesicht verfärbt sich zu einer Boje. Denise reißt sich zusammen und schaut, ob es eine Wunde gibt. Nichts, nur verweinte Augen und dieses Kreischen, das ihr die Tochter zum fremden, verhassten Kind macht. Langsam, sagt sie sich, kein Monster sein. Linda ist erschöpft und lässt sich ankleiden, nicht ohne gesagt zu haben, dass sie Denise den Tod wünscht. Sie sagt: Du sollst tot sein. Doch das sagt sie alle paar Tage. Es heißt nur, dass sie sich ergeben hat.

Vor der Praxis der Ergotherapeutin raucht Denise ihre erste Zigarette. Drinnen schleppt ihre Tochter sich jetzt über Böcke und Würfel, greift nach Turnringen, schwingt ins Leere, während sie sanft gehalten wird. Linda liebt diese Dreiviertelstunde bei der Ergotherapie. Für sie ist es ein morgendlicher Ausflug zu einem geheimen Spielplatz.

Die erste Zigarette am Tag ist die beste, und Denise genießt den Flash, der sie nach den ersten Zügen durchfährt. Rauchen ist atmen, bisweilen, wie nach einem langen Sprint. Die Welt in ihrem Kopf fühlt sich kurz weicher an, wie gepolstert, die Gedanken betäubt, die Glieder leicht gelähmt. Denise starrt ins Nichts und doch die Straße an, auf der die Autos kurz verschwimmen. Noch ein Zug, tiefer jetzt. Die Verwaltungsgebäude um sie herum, aus welchem langweiligen Jahrzehnt auch immer, bekommen einen Stich ins Metallene. Der Himmel weitet sich, und für einen Augenblick sieht sie es wieder, die Stadt, die sich über alle anderen schiebt, wenn sie es nur will: New York. Ein New York aber, das keiner je sah, das nur sie kennt, mit hoch aufgeschossenen Wolkenkratzern, in denen sich zehn Sonnen spiegeln, die so hellgelb strahlen wie die Taxis, aus denen cremefarbene Models steigen, von denen Denise eines hätte sein können, wenn sie nur gewollt hätte, und zusammen mit ihnen würde sie diese Luxusversion, diesen Traum des Kurfürstendamms bevölkern, wenn Straßen denn träumen könnten, mit Hoteldienern in Livree, welche freundlich grüßten und die glattschwarzen Zylinder lüfteten, Limousinen, die nicht protzen, sondern sind, an jeder Ecke ein Candyman, rot-weiß-blaue Fransen in den Bäumen und Pollen in der Luft, so leicht und süß wie Zuckerwatte. Und ohne Geräusch würde sich der Fahrstuhl hinter ihr schließen, hoch gleich in das ideale Apartment, so dezent und geschmackvoll, dass Börsenfilme aus den Achtzigern hier stattfinden könnten, mit einem paranoiden Michael Douglas. Aber hat Michael Douglas nicht Krebs? Oder hat er ihn schon besiegt? Weg ist das Traumbild, die Limousinen sind wieder Rostbeulen, die Bauten Verwaltungsklötze, und Denise ist Denise und hat aufgeraucht.

Nachdem sie Linda im Hort abgegeben hat, checkt sie im Bus einen ihrer drei Facebook-Accounts: den, der mit Bazoo verknüpft ist. Fünf neue Nachrichten, zehn neue Freundschaftsanfragen. Sie nimmt alle an. Danach checkt sie ihren Kontostand. Noch immer nichts eingegangen. Auf WhatsApp hat ihr Fred einen vertrockneten Blumenstrauß geschickt, und Janice ihren Sohn mit Burger-King-Krone. Denise macht ein Bild von sich als Antwort, findet sich dann aber hässlich und schickt es nicht ab. Sie schwitzt. Sie hatte das Schwitzen eigentlich überwunden, durch Autosuggestion und ein mehliges Antitranspirant aus Kalzium und Talk, aber in den letzten Tagen ist es zurückgekommen. Es liegt in der Familie. Ihr Großvater hatte immer so stark geschwitzt, hieß es, dass er sich regelmäßig die verkrusteten Achselhaare abschneiden musste. Solche Details bleiben haften, auch wenn sie nur einmal erwähnt werden. Und jetzt sie, hier an der Kasse, am Laufband. Sie spürt den Schweißfilm auf der Stirn, die Nässe am Rücken. Sie schämt sich dafür.

Das ewige Einerlei der Kassentöne und Waren macht sie schon lange nicht mehr schwindlig. Aber die Blicke tun es, neuerdings. Vielleicht bildet sie sich alles auch nur ein? Automatisch schiebt Denise die Produkte über den Scanner, es piept und piept und piept, dann die Geldübergabe, gerne auch Eurocard, Kasse auf, Kasse zu, Unterschrift her oder Wechselgeld hin und heimlich prüfen, ob ihr kein Falschgeld untergejubelt wurde. Sie meidet die Blicke der Kunden, vor allem die der männlichen. Sie triefen vor Geilheit, weiß sie, und sie haben allen Grund dazu. Nein, sie triefen nicht. Sie sind einfach nur da, bleiben an ihrem Piercing hängen, streifen ihren Lidschatten, tasten ihren Mund ab, verbeißen sich in ihrem Auge, wenn sie nicht schnell genug wegsieht. Sie fahren ihr über Schenkel und Brüste und Bauch und Hals. Normalität, würde sie sagen, wenn es nicht diesen Moment gäbe, wo es kurz im Gesicht des anderen zuckt, wo die Pupillen sich vielleicht zusammenziehen, wo irritiert erst weggesehen, dann wieder hingesehen wird.

Wer ist das? Kenne ich die nicht? Ich kenne sie. Woher? Doch nicht etwa –? Doch, doch, denkt Denise dann, genau daher, genau daher. Und hat inzwischen ein kaum merkbares Lächeln als Maske gewählt, während die Scham ihr Nadelkissenwellen den Rücken hinunterschickt. Gerade steht wieder einer vor ihr, ein Student vielleicht, mit rasierter Brust und einem T-Shirt mit einer Waschmaschine vorne drauf, und scheint nervös. Ist sie es? Ist sie es nicht? Sein Blick schweift umher, bleibt dezent an ihr hängen, dann sucht er in vorauseilendem Gehorsam das Geld aus dem Portemonnaie zusammen, rechnet mit der Kasse um die Wette. Nein, entscheidet sie sich, der hier kennt sie doch nicht. Jedenfalls nicht auf die obszöne Weise. Jedenfalls nicht aus dem Internet. Er kennt sie von hier, von der Kasse, er ist normal, sie ist normal. Die Kasse geht auf, geht zu. Sie muss nicht lächeln. Sie muss gar nichts, nur arbeiten. Sie ist nicht die aus dem Internet, sie ist die aus dem Supermarkt. Nächster.

Spaghetti, Spaghetti, Tomatenmark, Bier und Katzenfutter. Die dazugehörigen Bilder der Wohnungen und Kühlschränke stellen sich nicht mehr ein, es ist eher wie eine Notenvergabe, ein schnelles Einschätzen des Lebensstandards, das eigentlich verboten ist. Man soll blind sein. Die Kundin hat es ihrerseits auch eilig und würdigt Denise keines Blickes. Sie hat Elefantenhaut im Dekolleté und ein feines Nest aus geplatzten Äderchen am Nasenflügel. Aber sie sah einmal schön aus, und das strahlt das ganze Leben nach. Denise sagt ihr die Endsumme, sie muss an das Wort „Endgegner“ denken, an Bushido, und schon hält sie wieder alle Männer, zumal die, die in ihrer Schlange stehen, für aggressive Schweine. Und es stehen wieder ausschließlich Männer in ihrer Schlange. Und ja, ihre Blicke triefen vor Geilheit. Ein Schweißtropfen rinnt ihr über die Schläfe, am Ohr vorbei, sie wischt ihn beiläufig weg. Vor ihr steht ein gutgekleideter Mittfünfziger und sieht nach Reichtum aus, ungewöhnlich für hier, er hat nur ein paar Gemüsesorten auf das Band gelegt. Seine Frau hat ihm das sicherlich noch auf dem Weg nach Hause aufgetragen, und er hat den nächstbesten Supermarkt genommen, es wird schon keiner merken.

Er starrt sie durchdringend an, vielleicht soll es auch freundlich sein, und kurz ist sich Denise sicher, das ist er, das ist der Mann, der sie heute mit Sicherheit kennt, der sich in einsamen Minuten für sie entschieden hat, der sie benutzt, sich an ihr vergangen hat, der ihr stellvertretend für die anderen gleich ein eindeutiges Zeichen geben wird, und sie weiß nicht einmal, ob sie sich dann geschmeichelt oder gedemütigt fühlen soll. Sie weicht seinem Blick aus, landet bei anderen Blicken, Schweine oder Nichtschweine, und stellt den Kopf, so gut es geht, auf Leere, auf Stand-by um, nur noch Zahlen haben Zutritt. Ihre Hände sollen die Arbeit einfach verrichten, nicht zittern. Es geht. Hinten am Pfandautomaten steht wieder der Typ, der anscheinend Flaschensammler ist, aber so wirkt, als mache er das nur aus Spaß oder als Projekt. Denise kennt sich nicht aus bei Projekten, aber sie weiß, dass die halbe Stadt aus ihnen besteht. Der Typ, den sie „Stanley“ nennt, sieht aus wie ein Student, der zu lange freihatte oder der sich in seinem Projekt, dessen Sinn Denise nie verstehen würde, völlig verloren hat. Er kommt auch immer zu ihr. Doch bei ihm hat sie keine Paranoia. Sie weiß, dass er sie nur von hier kennt, und selbst wenn nicht, wäre es bei ihm nicht so schlimm. Er hat etwas Sanftes, Fremdes. Gleich steht er vor ihr und wird, das hat sie schon erfasst, mit dem Pfandbon eine der billigen Tiefkühlpizzen kaufen. Keinen Alkohol.

Alkohol kauft er nie. Jedenfalls nicht bei ihr. Als Stanley vor ihr steht und grüßt, kann sie sich zu einem Lächeln durchringen, das sich wirklich wie ein Lächeln anfühlt. Gleichzeitig nimmt sie seinen strengen Geruch wahr, der auf dem Weg zum säuerlichen, dichten Gestank der Penner ist, aber noch nicht ganz. Sie muss sich schütteln und verbirgt das hinter einem Husten. Freundlich verabschiedet er sich, und sie blickt ihm hinterher. Als er aus der Tür ist, sieht sie ihn als Penner in New York, in einem Hoodie, vor einer brennenden Tonne, wie im Hip-Hop. Er hat die Kapuze auf und wärmt sich die Hände. Doch furchtbar, er kommt dem Feuer zu nahe und verbrennt im Zeitraffer, löst sich völlig in Asche auf, die wild und in Spiralen nach oben steigt. Entschuldigung, ich muss auch nach Hause, sagt eine Frau, und Denise erschrickt und nickt und schüttelt dann den Kopf, während ihre Hände wieder am Werk sind.

/

Supermärkte sind meist rot oder gelb. Rot steht hierbei für höherwertig, gelb für billig. Einen blauen Supermarkt hat Anton noch nie in seinem Leben gesehen. Warum nicht? Blau scheint für Tankstellen reserviert. Er betritt den Supermarkt, natürlich ist er gelb. Die Massen an lieblos aufgestapelten Waren sagen ihm nichts. Früher hat er es immer gehasst, für sich alleine einzukaufen, und wenn er heute noch manchmal einkauft, erinnert er sich stets an die furchtbare Bedrücktheit, die er schon vor Jahren beim Einkaufen gespürt hat, allein mit sich und den Waren. Das Piepen der Kassen schneidet durch die Luft. Vereinzelte Personen huschen durch die Gänge. Er nimmt eine Bananenstaude in die Hand und tut so, als würde er sie begutachten. Dann lässt er sie in den Korb fallen. Vor dem Kühlregal angekommen, kann er sich zwischen all den Billigwürsten nicht entscheiden. Er wählt den rohen Bauernschinken, den er vor Jahren stets fraglos mitnahm, und legt ihn in den Korb. Am liebsten würde er sich einfach dazulegen. Von den Toastbroten wählt er den Vollkorntoast, von der Butter die billigste, von den Milchtüten die blaueste. Bei der Cola fragt er sich, ob das Pfand für die Flasche auch bei anderen Märkten einlösbar ist. Dann schmunzelt er ob solcher Überlegungen. Schließlich verstaut er den halbvollen Korb irgendwo zwischen den Waschmitteln und geht zum Pfandautomaten. Eine Flasche nach der anderen schiebt er in das verschmierte Loch und sieht den Betrag langsam wachsen. Hinter ihm steht eine Frau und macht durch Flaschenklimpern auf sich aufmerksam. Gleich fertig, versucht er telepathisch zu übermitteln. Schließlich kauft er eine Salamipizza, um kein Aufsehen zu erregen. Die Kassiererin kennt er, sie ist auf prollige Weise sehr hübsch, und manchmal denkt er, wieso nicht so jemand.

„Zuhause“ angekommen, huscht Anton ins Gemeinschaftsbad, es ist nicht besetzt, und verriegelt hinter sich die Tür. Geschafft, sagt es in ihm, und er entledigt sich schnell seiner Kleider. Schon sprudelt der Hahn los. Er hat sich entschieden, ein Bad zu nehmen, wenn schon, denn schon. Eine leere Duschgelflasche füllt er auf, schüttelt sie und entlässt das leicht schaumige Wasser wieder in die Badewanne. Heiß, bitte, noch heißer. Einen Fuß taucht er probeweise ins Wasser, die Drecksflecken lösen sich von der Haut, es ist zu heiß, er mischt etwas kaltes Wasser hinzu.

Anton hat immer länger als andere gebraucht, um die eigene Lage zu erkennen. Als er die Pubertät bemerkte, war sie fast schon vorbei. Dann dauerte es fünfzehn Jahre, bis er erkannte, dass er „seelisch behindert“ ist, wie es im Sozialarbeitersprech jetzt heißt. Und zuletzt mussten etwa sechs Wochen verstreichen, bis er sich eingestand, obdachlos geworden zu sein. Solange man noch im Kontakt mit irgendwelchen Ämtern steht, kann man sich über den eigenen Status hinwegtäuschen. Das soziale Netz ist noch auf Tuchfühlung. Seit ein paar Tagen aber weiß er: Jetzt bin ich obdachlos, jetzt bin ich ganz unten, wie lange schon. Seitdem er im Übergangsheim wohnt? Glauben kann er es aber noch immer nicht ganz. Manchmal hält er unvermittelt inne und fragt sich, ob das wirklich er ist, der da gerade Flaschen aus dem Mülleimer fischt, der schlecht riecht, abgerissen aussieht, mehr torkelt als geht. Ich? Wirklich? Das war doch mal ganz anders angedacht. Dann aber geht das Torkeln weiter, und die Selbstvergessenheit, und das sinnlose Ablaufen der Momente. Und doch, den Kopf hält er hoch dabei, so hoch es eben nur geht.

Er taucht ein, das Wasser verfärbt sich und stichelt heiß und angenehm. Das ist genießbar wie nur noch wenig. Manches Essen macht noch Freude, der Cheeseburger vorgestern etwa, die Gulaschsuppe aus der Kanone der Volksküche vor einer Woche. Und jetzt dieser Verlust von Gewicht, eine Wohltat, die Schwere schwindet kurz aus den Gliedern, die Hitze wandert in den Körper ein. Er wäscht sich, wie er es gelernt hat. Dann zieht er den Stöpsel, duscht den Drecksfilm auf der Haut ab und steht auf. Durch das Fenster winken die Bäume. Es ist wohl ein schöner Tag.

Draußen auf dem Flur sind Schritte zu hören, ein Klopfen an der Bürotür, jemand redet aufgeregt. Wieder ein abgewiesener Antrag, irgendeine Unverschämtheit vom Amt, Anton kennt den empörten Tonfall des Unverständnisses, der sofort aufgefangen und kanalisiert wird, tatsächlich von Sonja, die Schicht zu haben scheint. Sonja ist auch Antons Sozialarbeiterin. Der Redeschwall versiegt, im Büro wird sich der Sache angenommen. Anton hört die Stimmen nur noch abgedämpft. Er zieht sich an, bemerkt jetzt erst den stechenden Geruch seiner Kleidung. Vor dem Spiegel richtet er sich das Haar, fährt mit den Fingern durch die Strähnen. Im Gesicht kommen ihm nur noch die Augen entfernt bekannt vor. Dann packt er seinen Rucksack, horcht durch die Türe, ob die Luft rein ist. Er öffnet die Tür und schlurft eilig den Flur hinab. Drei, vier Schritte. Dann ist er in seinem Zimmer. Es begrüßt ihn die Unordnung. Es begrüßen ihn die tausend Formulare und Schreiben, in zwei Ecken geworfen. Links die Rechnungen und Mahnungen und Inkassoschreiben und Gerichtsvorladungen und Urteile. Und rechts die anderen tausend Zuschriften, die er schon nicht mehr geöffnet hat. Vielleicht ist ein Haftbefehl darin, vielleicht auch nicht.

Harald Schmidt macht einen Witz. Er macht das auf die naiv-arrogante Weise, die eine angebliche Empörung als überraschendes Politikum ausstellt und meist mit „Aber entschuldige mal bitte …“ anfängt. Das Publikum schmeißt sich weg, und Andrack presst ein nasales Grunzen hervor. Anton wacht auf, aber nicht von Schmidt, sondern von dem verbrannten Geruch in seinem Zimmer, von den Rauchschwaden, die aus der Kochecke dringen und ihn jetzt aufscheuchen. Seine Pizza ist verkohlt.

Als sie vor der kleinen Fensterscharte seiner Kochecke abgekühlt und der Rauch größtenteils abgezogen ist, begutachtet Anton die Pizza, schabt ein wenig vom Rand ab und isst sie schließlich am Tisch. Asche in sein Maul. Dabei klickt er eine neue Folge der Harald-Schmidt-Show an. Die Leute auf YouTube haben eine Menge Folgen hochgeladen. Anton sieht am liebsten die klassische Phase zwischen elftem September 2001 und der sogenannten Kreativpause Ende 2003. Da hatte Schmidt die größte Sicherheit und Lust, und auch Anton ging es damals gut, mit Helen, seiner Freundin. Er glaubt es kaum, dass das weit über zehn Jahre her sein soll. Eigentlich lebt er, kulturell gesehen, noch immer in dieser Zeit, die Witze versteht er alle, egal wie zeitbezogen, die Prominenten sind ihm sämtlich näher als die gängigen Namen von heute.

Während Schmidt mit Suzana, Zerlett und Andrack wichtelt, was jedes Mal eine besonders gelungene Folge garantiert, macht Anton auf der Rückseite eines Überweisungsvordrucks eine Liste aus Namen: Hermann, Mutter, Samuel, Peter, Nicole, Deidre, Max. Wie ein Fußballtrainer mit seiner Aufstellung hantiert Anton mit diesen Namen, streicht sie wieder durch, ersetzt sie, schickt andere ins Spiel. Auch Helen schreibt er versuchsweise hin, streicht sie dann entschlossen wieder durch. Es sind die Menschen, die er in den nächsten zwei Wochen besuchen will, um sich zu offenbaren. Offenbaren – Offenbarungseid? Das kennt er doch aus dem eigenen Leben. Wenn seine Mutter seinen Vater wieder auf Unterhalt verklagte, machte der einfach einen Offenbarungseid. Offenbar ein Wort für Versager! Doch betteln wird Anton nicht. Er will nur, dass sie ahnen, in welcher Lage er sich befindet. Zumindest sollen sie später nicht sagen können, sie hätten rein gar nichts gewusst. Und für manche dieser Namen müssten dreitausend Euro doch aus der sogenannten Portokasse zu zahlen sein, nicht wahr? Verdient Max das nicht an einem Tag? In einer Stunde? Er prägt sich die Namen ein und überkritzelt sie dann mit einer Emphase, die ihn überrascht. Dreitausend Euro, denkt Anton. Dreitausend Euro. Meine Ablösesumme. Kreisliga, Bezirksliga, Behindertenliga. Er steckt das letzte Stück Pizza in den Mund und lässt es krachen. Ein schwarzer Keks ist das, der nach nichts mehr schmeckt. Harald Schmidt macht einen Witz. Andrack grunzt durch die Nase. Das Publikum schmeißt sich wie auf Kommando weg.

/

Namen, einer über dem anderen, bekannte und unbekannte, Fakes und Stammchatter. Denise sucht ihn. Er ist nicht da. Sie loggt sich unter anderem Namen ein und beobachtet das Gespräch. Alle grüßen, dann Stille, also Stillstand. Dann reden sie über ihre Medikationen. Dann beschimpfen sie einander. Dann spammt einer den Bildschirm voll, dass es flackert. Die, die sie kennt, sind wohl im Privatchat. Sie sagen nichts. Denise geht in die anderen Räume, in denen er sein könnte. Es ist doch nicht so, dass er nur auf sie gewartet hat, um sie zu ködern? Er ködert doch sicherlich täglich, auch andere. Oder zumindest wöchentlich. Jemand schreibt Denise an, woher, wie alt. Sie lügt sich jünger. Linda ruft. Sie kann nicht schlafen. Sie will Wasser, sie will, dass die CD noch einmal neu gestartet wird. Denise macht das alles, gibt ihr einen Kuss auf die Wange und deckt sie zu. Das Licht bleibt an, die Tür offen. Zurück am PC haben sie wieder ein paar einsame Herzen oder kaputte Seelen angeschrieben. Oft fragt sie sich, wie es sein kann, dass sie mit mittlerer Reife korrekter schreibt als alle diese angeblichen Akademiker. Und es zeigt sich, wie abgefuckt die Menschen eigentlich sind. Die Naivsten werden schnell zu den bösesten Monstern. Aber alles nur unter dem Mantel der Anonymität, alle testen sich nur aus, Denise nicht anders.

Sie fragt Kimba, ob Maigret in letzter Zeit da war. Kimba verneint nach zehn Minuten, aber wie es Denise denn ginge? Denise vermutet Maigret hinter jedem zweiten Nick. Sie flirtet lustlos mit zwei Männern, die nicht Maigret sind, und checkt parallel ihren Kontostand. Wieder nichts. Daniela Katzenberger redet im TV in einem Special über ihre Sendung. Denise kann die Katzenberger nicht hassen, obwohl sie es gerne würde. Die Katzenberger, die will doch auch nichts Böses, denkt sie. Die macht doch nur das Beste aus allem. Würde Denise doch auch tun. Das heißt, Denise würde es eben nicht tun, weil sie ihre Chancen einfach nicht erkennt. Denise würde aus einer Castingshow herausfliegen und sich zurückziehen und die Wunden lecken, anstatt die Aufmerksamkeit zu nutzen. Sie würde beschämt zurück zum Lidl gehen.

Nein, Denise würde nicht einmal in eine Castingshow gehen. Denise würde ganz unten ansetzen. Sie würde in Pornos mitspielen. Denise würde echt in Pornos mitspielen. Unfassbar. Noch unfassbarer: Denise hat in Pornos mitgespielt. Sie hat wirklich in Pornos mitgespielt, keine drei Wochen her. Sie schwitzt. Stimmt das wirklich? Wie um sich zu vergewissern, geht sie auf die Pornoseite und gibt ihren Pornonamen ein. Sofort sind da die drei Videos, ganz oben in der Thumbnail-Liste. Eindeutig Denise. Eine Mischung aus Scham und Stolz durchströmt sie. Nein, sie will sich nicht nur vergewissern. Sie will die Kommentare lesen. Sie will die Geilheit lesen. Sie will wissen, was sie wert ist. Denise klickt das erste Video an, stellt den Ton ab und liest.

/

Rasierschaum knistert in seinem Gesicht. Ein Bart aus Kleister, humorig aufgetragen. Anton sieht bescheuert aus im Spiegel und muss fast lachen. Hermann tänzelt um ihn herum und gibt den Maestro. Die effeminierten Kickser und Gesten sind zu klischiert gespielt, aber das kennt Anton schon. Hermann dachte immer, er sei der geborene Schauspieler. Zum Vorsprechen war er nach dem Abitur in alle Schauspielschulen gefahren und meinte, sie hätten ihn nur nicht genommen, weil er schon nicht mehr formbar gewesen sei. Das jedenfalls sei ein häufiges Argument gewesen. Er interpretierte das als Charakterstärke und fuhr gut dabei. So wurde er Jurist, Rechtsanwalt, Pragmatiker und Schwiegersohn, und alle waren zufrieden. Hermann schwingt das Rasiermesser. Das Rasiermesser ist ein echtes, langes und scharfes Rasiermesser, und Hermann ficht damit wie mit einem Florett, lässt es dann auf- und zuschnappen. Zum Spaß setzt er es unter Antons Kehlkopf an, starrt ihm trocken in die Augen, und Anton sagt: Mach.

Mit jedem Rasierstrich, den Hermann professionell und mit der Präzision eines Coiffeurs ausführt, stellt er Anton eine Frage oder bringt soeben erhaltene Informationen auf den Punkt, übersetzt Problemstellungen in mögliche Handlungsanweisungen. Das Spielerische ist Anton bald ein Krampf, aber wenn Hermann mit der Situation so besser umgehen kann, bitte. Es soll Anton wohl die Rede erleichtern, angesichts seines Schicksals, das Hermann fremd, unheimlich und monströs erscheinen muss.

–Und du lebst noch immer da.
–Kann man so nennen.
–Mit den Knackis.
–Auch. Auch mit denen.
–Wir haben es dir gesagt. Das musste nicht passieren. Nimmst du die Medikamente.
–Ja. Aber darum geht es jetzt nicht.
–Darum geht es in erster Linie. Alles andere lässt sich regeln.
Contenance, Monsieur! Nase hoch. Helfen die dir?
–Die Medikamente?
–Die Sozialarbeiter, Depp.
–Ja, so weit sie können.
–Das ist gut. Schau, und gleich wirst du wieder ganz anders aussehen. Erscheinung ist nicht alles, aber es ist viel. Muss ich dir nicht sagen.
–Nein. Musst du nicht.
–Und was macht dir am meisten Sorgen? Der Prozess?
–Ja. Die Schulden.
–Warte ab, was der Prozess bringt. Wir schaffen das. Und einen Termin bei der Schuldnerberatung machen wir auch gleich.
–Das ist nett. Aber ich war schon da. Viermal.
–Alter Verwalter. Und was sagen die?
–Ich schreib alles auf und zahle erst einmal die kleinen Beträge, wo es geht.
–Genau, damit unten nichts nachwächst. Oben kommt dann später. Wir gehen das gleich durch. Hast du Unterlagen dabei?

Nein, hat er nicht, wieso auch. Hermann bemüht sich, Anton nicht zu offensichtlich auszufragen und aufzupäppeln, aber die Kumpelhaftigkeit, die er dabei bemüht, wirkt falsch. Sie sind nicht mehr auf einer Ebene. Dennoch fühlt Anton sich kurz aufgehoben. Ein ehemaliger Freund bemüht sich und kippt in Redensweisen von damals zurück. Jemand interessiert sich und scheint an Lösungen interessiert. Das ist nicht nichts. Schließlich ist die Rasur komplett. Hermann imitiert eine Fanfare und reißt Anton das Handtuch von der Brust. Der erkennt sich im Spiegel, erkennt aber vor allem das eigene Alter, das ihn erschreckt. „Zuhause“ im Heim ist das Licht so gedimmt, dort sieht er sich nie richtig. Hier jetzt erkennt er das Debakel, die eingefallenen Wangen, das dennoch Aufgedunsene, die schwindenden Augen, die Falten. Nicht schlecht, was?, ruft Hermann und verschwindet kurz. Da blickt Anton schon nicht mehr in den Spiegel. Er sieht nach draußen, in den Garten. Alles sieht so frisch und grün aus, fast obszön. Plötzlich hat er einen Kloß im Hals. Das ist seit Monaten nicht mehr passiert. Er will weinen. Er merkt kaum, wie Hermann ihn in einen neuen alten Anzug steckt, schwarz und elegant. Perfekt, meint Hermann, schau dich an, alter Charmeur. Anton zuckt mit den Achseln. Aber doch, der Anzug gefällt ihm. Er gefällt ihm wirklich. Hermann schnalzt mit der Zunge und macht einen militärischen Gruß.

/

Rihanna singt glasklar und vom Auto-Tune entseelt durch die Boxen, der Beat stampft, und Denise denkt, wieso nicht einen Undercut. Rihanna hat einen Undercut, einen krassen, und Denise möchte vielleicht auch einen, einen leichten, aber erkennbaren. Und eine neue Farbe. Das bisherige Schwarz, zu einem hohen Strangzopf gebunden, muss weg. Sie will die Kontrolle darüber haben, wer sie erkennt und wer nicht.

Als sie auf dem Stuhl sitzt, kämmt George, der bestimmt nicht George heißt, ihr das Haar und liebkost einzelne Strähnen. Dann atmet er durch und sagt, er sehe schon. Was siehst du, fragt Denise. Diesmal geht es dir nicht nur um die Spitzen, sagt George und hockt sich neben sie. Obwohl er offensichtlich nicht schwul ist, schwult er herum, stützt das Kinn auf die Faust, blickt sie ernst hinter seiner Ray-Ban-Brille an. Er sieht aus wie Mads aus dem Frühstücksfernsehen, der Modetyp, der aus hässlichen Entlein akkordweise hässliche Prinzessinnen macht. Denise sagt, du hast recht. Ich weiß, sagt George, das ist mein Schicksal. Undercut, sagt sie, aber nicht zu krass. Er markiert die mögliche Stelle, sie nickt. Und eine neue Farbe, sagt sie. Ich weiß, haucht George, ich weiß.

Er vermutet eine Trennung. Sie bejaht das mit einem zynischen Gesichtsausdruck. Sie zieht sich eine erdachte Beziehung aus der Nase, die gerade beendet sei. Marc also ist zurück zu seiner Exfrau. George verzieht den Mund und nickt. Und zurück zu seinem Kind. George atmet zischend ein, als habe er sich verbrannt. Und das Kind, ob das nicht schon lange vorher ein Problem gewesen sei? Ja, aber Denise habe es zuvor nicht so wahrgenommen. Sie war doch inzwischen auch meine Tochter!, verzweifelt sie. George schüttelt verständnisvoll den Kopf, während die strohigen, schwarzen Haare allerseits niederregnen. Irgendwann muss Denise gar nicht mehr viel erfinden, George konstruiert die Geschichte durch seine Vermutungen einfach mit, und es wird ein kleines Drama, das Schulzeit, Betrügereien und Abtreibungen miteinschließt. Als es an die Farbe geht, sie haben sich für einen düsteren Zobelton mit Lowlights entschieden, markiert das für George auch den Gezeitenwechsel: Flut statt Ebbe, Zukunft statt Vergangenheit. Er muntert die vermeintlich gebrochene Denise auf, macht dem scharfen Schnitt ihres Gesichts dezente Komplimente, schäkert mit ihr herum. Dann muss er kurz weg. Sie sitzt alleine da und bemerkt die Wartenden um sich. Die warten nur, denkt sie, die gucken nicht. Und wenn sie gucken, dann, weil sie warten.

Nach dem Färben sieht Denise aus wie frisch der Young Miss entsprungen, und sie hält den Kopf schräg und macht einen Schmollmund. Dann zieht sie eine Model-Grimasse in den Spiegel, ein poppiges Grinsen mit herausgestreckter Zunge. George muss lachen, klatscht in die Hände und sagt: Du bist ein Star, mein Schatz.

Erschienen im Winter 2013

Share