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text - Fabian Schmid, Martin STeinmüller

 

             Suicide by Cop anno 1914

Verschwörungstheorien gab es immer wieder, aber keine ist so spannend wie diese: Ein deutscher Forscher glaubt herausgefunden zu haben, dass der Mord an Franz Ferdinand von einem österreichischen Monarchen beauftragt worden war. Von Franz Ferdinand selbst. Wenn der Mann recht hat, dann müssen große Teile der österreichischen Geschichte neu geschrieben werden. Wir haben damit schon mal angefangen. 
Am 28. Juni 1914 nimmt in Sarajevo der Wagen des österreichischen Thronfolgers die falsche Abzweigung. Der Chauffeur, auf seinen Fehler aufmerksam gemacht, hält an, um zu wenden. Keine drei Meter entfernt zieht ein nicht einmal zwanzigjähriger Schüler eine Pistole aus seinem Mantel. Zwei Schüsse gibt Gavrilo Princip ab, beide treffen tödlich. Franz Ferdinand und seine Frau Sophie sterben noch in Sarajevo durch einen großserbisch-motivierten Anschlag, Österreich-Ungarn erklärt dem serbischen Königreich den Krieg, vier Jahre später wird Europa neu geordnet.

Das sind die Fakten, sie sind lange bekannt, tausendfach in Büchern und Artikeln nachzulesen, und in den nächsten Monaten, anlässlich des Gedenkjahres 2014, werden wir sie noch oft zu hören bekommen.
Und doch gibt es Menschen, die daran zweifeln. Ist das, was Wissenschaft und 100 Jahre Aufarbeitung hergeben, wirklich die ganze Wahrheit?

Das Spezialgebiet von Michael Hoffmann ist russische Exilliteratur im Berlin der 1920er-Jahre. Zu diesem Thema forscht der 34-jährige Deutsche schon länger, auch seine Habilitation an der Uni Potsdam will der Slawist dazu verfassen. Es ist ein großes Thema, weil sich nach der Oktoberrevolution viele Russen nach Berlin durchgeschlagen haben; es ist aber auch ein weitgehend unerforschtes Thema, weil das Berlin der 1920er-Jahre eben eine wilde Zeit war, in der die Menschen weniger an die Archive der Nachwelt als ans Leben und Überleben gedacht haben – besonders die russischen Exilanten.
Bis zu 3.000 Bücher, sagt Hoffmann, wären damals entstanden, „dazu kommt noch ein riesiger Fundus an unveröffentlichten, teilweise auch nur fragmentarisch erhaltenen Manuskripten“.

Während der Arbeit an seiner Habilitation stößt Hoffmann immer wieder auf derartige Texte, manche davon sind literarisch nicht unbedingt wertvoll, andere wirklich nur sehr fragmentarisch erhalten. Und dann findet Hoffmann noch einen Text.

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Michael Hoffmann in seinem Büro.

Es handelt sich dabei um eine Geschichte eines Russen mit Namen Mischa Petrov, die offenbar in den späten 20er-Jahren entstanden und 1931 fertiggestellt worden ist. Der Text ist nicht zur Gänze erhalten, ganze Passagen, vor allem im letzten Drittel der Erzählung, fehlen. Auch ist die Einleitung, im Gegensatz zum Restroman, noch nicht in Reinschrift, es gibt jede Menge handschriftliche Ergänzungen, Streichungen und Ähnliches. 

Nichtsdestotrotz lese sich der Roman sehr flott, sagt Hoffmann, stellenweise fast wie im Drogenrausch hingeschrieben. Und wie eine Drogenfantasie ist auch der Plot: Petrov erzählt in dem Roman, der übrigens keinen Titel hat, die Geschichte eines jungen
k. u. k. Offiziers namens Josef Wegerer, der im Vorkriegs-Österreich zum engsten Beraterstab von Franz Ferdinand gehörte. Zwischen den beiden entwickelt sich im Roman eine Männerfreundschaft, Franz Ferdinand zieht den jungen Offizier immer tiefer ins Vertrauen und bittet ihn am Ende, ein Attentat zu inszenieren. Ein ganz besonderes Attentat: den Anschlag von Sarajevo.

Aus dem engsten Beraterstab Franz Ferdinands

„Komplett verrückt“, so Hoffmann, wäre das, und im Kern darauf zu reduzieren, dass Franz Ferdinand von seiner Frau betrogen wird und sich anschließend aus Gram über diese frevelhafte Tat in einen Selbstmord stürzen will. Weil er aber der Monarchie keinen zweiten Selbstmord eines Thronfolgers binnen weniger Jahre antun wollte, hätte er seinen Vertrauten gebeten, das Ganze wie ein Attentat aussehen zu lassen. Hoffmann hat die Geschichte 2010 im Deutschen Bundesarchiv aufgetan und sie für eine frühe Form eines Timur-Vermes-Romans gehalten. Für eine Satire, eine Klamotte, schließlich hat die Weltgeschichte anderes hinlänglich bewiesen. Und außerdem, und das hat Hoffmann recherchiert, hat es in Franz Ferdinands Stab keinen Josef Wegerer gegeben.

Doch über die Monate kamen Hoffmann Zweifel. Bei der wiederholten Lektüre des Textes faszinierte ihn vor allem, wie exakt dieser Mischa Petrov einige der Originalschauplätze dargestellt hat. „Zum Beispiel die wirklich genauen Beschreibungen der Räumlichkeiten von Franz Ferdinands Schloss Konopischt südlich von Prag in Böhmen“, so Hoffmann. Hier spielt eine der Schlüsselszenen des Texts. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es aber keinerlei schriftliche Quellen über dieses Schloss, zumindest nicht über das Interieur. Hoffmann: „Petrov stammt aus Wolgograd, er war selbst nie vor Ort.“

Aber woher kennt er dann die Details? Wer hat sie ihm erzählt? Und wenn die Details des Schlosses stimmen, was stimmt dann noch? Gab es Josef Wegerer etwa doch? Oder zumindest eine reale Person hinter einem fiktiven Namen? Unwahrscheinlich, zugegeben, aber wenn, dann müssten weite Teile der österreichischen Geschichte neu geschrieben werden. Eher aus Spaß denn aus Forschergeist machte sich Hoffmann auf die Suche quer durch die Archive. Und er wurde fündig.

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Aus dem Roman-Manuskript von Mischa Petrov
Stefan Wagner von Wagenau wird 1876 in Tarvis als Sohn von Norbert und Teresa Wagner von Wagenau geboren. Der Vater ist niederer Adel und Militär, die Mutter betrügt ihn und lässt sich 1889 – sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit – scheiden. Der damals 13-jährige Stefan soll in die Fußstapfen des Vaters treten und durchläuft die klassische militärische Ausbildung. Nach dem Abschluss der Militärschule wird von Wagenau ins 2. Kaiserjägerregiment nach Tirol versetzt. Dort lernt er den Offizier Alexander Brosch von Aarenau kennen. Die beiden Männer verstehen sich, der sechs Jahre ältere von Aarenau wird von Wagenau auch mit dem Thronfolger bekannt machen. Doch zuvor zieht es von Wagenau nach Berlin – er wird Sekretär des k. u. k. Militärattachés.

Wagner von Wagenau ist real

Als Michael Hoffmann zum ersten Mal auf den realen Wagner von Wagenau stößt, hält er das zunächst für einen Scherz. Genau diese biografischen Eckdaten verrät Petrov auch über seinen Helden Josef Wegerer. Dieser lebt ebenfalls nach 1900 für kurze Zeit in Berlin, stammt auch ursprünglich aus Tarvis, hat geschiedene Eltern – und holt in Berlin sehr ausschweifend seine Jugend nach. Ist Wegerer also die Literatur gewordene Figur Stefan Wagner von Wagenau? Und was bedeutet das? 

Die Romanfigur zieht jedenfalls in Berlin um die Häuser und lernt illustre Gestalten kennen, darunter den „Serben“, einen bulligen Offizier, dessen Spitzname „Stier“ lautet.

Stier? „Als Slawist war mir schon bei der ersten Lektüre klar, dass es für diese Figur ein reales Vorbild gibt“, sagt Forscher Hoffmann, „es musste sich um Dragutin Dimitrijević handeln, den Mitbegründer der ,Schwarzen Hand‘.“ Genau jener terroristischen Vereinigung also, die für das Attentat auf Franz Ferdinand verantwortlich zeichnet.

Für Hoffmann ist das Auftauchen von Dimitrijević ein weiterer Beleg dafür, dass Petrovs vermeintliche Drogenfantasie einen realen Kern haben muss. Hoffmann: „Petrov kann eigentlich nicht gewusst haben, dass Dimitrijević 1906 und 1907 in Berlin war. Dimitrijevićs Biografie wurde erst im Zuge des Revisionsprozesses 1953 in Belgrad für eine breitere Öffentlichkeit aufgearbeitet.“

Langjährige Vorbereitungen auf das Attentat

Ein Attentat auf den Thronfolger ist in der Berliner Zeit freilich noch kein Thema. „Auch Dimitrijević ließ es sich in Berlin gut gehen“, weiß Hoffmann. Der Serbe hatte eine steile Karriere in der Armee hinter sich. Er war bereits 1903 maßgeblich am Sturz des damaligen serbischen Königs Alexander beteiligt gewesen, später hielt er sich in Berlin auf, um Deutsch zu lernen – so die offizielle Version. Tatsächlich könnte er aber auch im Auftrag des serbischen Geheimdienstes unterwegs gewesen sein. Das erklärt zumindest, warum „der Stier“ die Nähe zu Wegerer, immerhin Mitarbeiter des k. u. k. Militärattachés, sucht. „Die Romanfigur Wegerer“, sagt Hoffmann, „ist in Petrovs Roman extrem von der schillernden Persönlichkeit des Serben fasziniert.“

Aber was, wenn auch das nicht nur auf die Romanfigur beschränkt ist? Wenn also Josef Wegerer tatsächlich eine Eins-zu-eins-Darstellung von Stefan Wagner von Wagenau ist? Dann hätte ein enger Berater des österreichischen Thronfolges Franz Ferdinand tatsächlich einen der Drahtzieher des späteren Attentats von Sarajevo gekannt. „Und wenn das so ist – wer sagt, dass dann die komplett verrückte Geschichte von Mischa Petrov nicht die Realität zeigen könnte?“, so Hoffmann: „Dann müssten wir tatsächlich die Geschichte der untergehenden Habsburgermonarchie neu schreiben.“

Die Parallelitäten sind jedenfalls erschreckend. So wie der Romanheld Wegerer wird auch der reale von Wagenau 1908 nach Wien zurückbeordert. Sein ehemaliger Vorgesetzter Brosch von Aarenau ist dort mittlerweile zum Leiter der „kleinen Militärkanzlei“ im Belvedere aufgestiegen. Ein wichtiger, zukunftsträchtiger Posten, da die Militärkanzlei nicht weniger als das „Schattenkabinett“ des Thronfolgers Franz Ferdinand war.

Parallelitäten Roman und Realität

„Brosch baute die Militärkanzlei des Thronfolgers, die seit 1899 im Unteren Belvedere stationiert war, zu einer Art ‚Nebenregierung‘ aus. Mit seinen Mitarbeitern, die mit der Zeit auf vierzehn Offiziere angewachsen waren, arbeitete er Entwürfe, Stellungnahmen und Denkschriften zu allen Problemen aus, die den Staat berührten. Das Belvedere wurde zum rivalisierenden Hauptquartier der Hofburg und Schönbrunns“, schreibt der Historiker Friedrich Weissensteiner in seiner Franz-Ferdinand-Biografie „Franz Ferdinand. Der verhinderte Herrscher“.

In dieser Kanzlei übernimmt von Wagenau eine Schlüsselrolle: Er ist für die interne Korrespondenz zwischen Kanzlei und Franz Ferdinand zuständig. Da sich dieser aufgrund einer Lungenkrankheit nur selten in Wien befand, mussten die Depeschen an ihn weitergeleitet werden. Franz Ferdinand wartete meist ungeduldig auf Nachrichten und verband alsbald von Wagenaus Person mit der Korrespondenz. „Eine klassische Konditionierung“, scherzt Hoffmann.

In Petrovs Roman speist Wegerer sogar mit dem Thronfolger und begleitet ihn auf die Jagd. Hoffmann: „Wegerer kam meist abends mit der Post. Franz Ferdinand las die Briefe und Berichte vorm Zubettgehen, am nächsten Tag ging er auf die Jagd, wo er Zeit zum Nachdenken fand. Dann schrieb er Befehle und Repliken, mit denen sich von Wagenau am nächsten Abend wieder auf den Weg nach Wien machte. Die beiden verbrachten so einige Zeit miteinander.“

Während Hoffmann das erzählt, fällt ihm auf, dass er nun zum ersten Mal die reale und die fiktionale Person miteinander verwechselt hat: „Tatsächlich glaube ich, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt.“ Und vielleicht sollten wir für diese Geschichte dieses Gedankenexperiment durchziehen?

Wegerer vs. Wagenau

Fest steht: Franz Ferdinand schätzt den jungen Wegerer alias von Wagenau, hält ihn für loyal. Im Februar 1910 vertraut er ihm deshalb, laut Petrov, eine heikle Aufgabe an: Franz Ferdinand habe einen persönlichen Brief an den deutschen Kaiser geschrieben, den der junge Militär geheim nach Berlin bringen solle. Es ist zu vermuten, dass der Thronfolger darin seine Pläne für die Zeit nach Franz Josephs Tod an Wilhelm II. übermittelt habe. Davon durfte wiederum Kaiser Franz Joseph nichts erfahren. „Petrov geht im Manuskript nicht näher auf den Brief ein“, erklärt Hoffmann, „von Wagenau hat den Auftrag allerdings bravourös ausgeführt.“ Daraufhin ist er endgültig in den Kreis von Franz Ferdinands Vertrauten aufgestiegen – ein kleiner Kreis, gilt der Thronfolger doch gemeinhin als Misanthrop und Choleriker.

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Stefan Wagner von Wagenau, Jamiano 7. Juni 1917. Bild: derstandard.at, 29. 11.2013

„Auf den ersten Blick erscheint die Freundschaft unwahrscheinlich“, meint Hoffmann dazu, „doch bei genauerer Betrachtung ist sie durchaus schlüssig: Der Großteil des Hofstaats hing sehr an Franz Joseph, ein anderer Teil wollte, dass die Regentschaft direkt auf Karl überging. Franz Ferdinand hatte also allen Grund, der Elite zu misstrauen und auf Männer wie von Aarenau und von Wagenau zu setzen, die ohnehin Außenseiter waren.“

Vob Wagenaus Lebensschuld gegenüber Franz Ferdinand

Im Sommer 1911 passiert etwas, das Franz Ferdinand und Wegerer alias von Wagenau noch enger zusammenschweißen sollte. Petrov schildert in seinem Roman einen Jagdausflug in den Wäldern um Konopischt. Wegerer zielt schlecht, der Schuss streift den anvisierten Wildeber nur an der Seite. „Das waidwunde Tier warf sich dem Schützen in rasender Agonie entgegen. Das Trampeln der Hufe hallte in Wegerers Kopf wider, kalte Angst hatte sich wie eine dicke Bleischicht auf seine Glieder gelegt“, so Petrovs blumige Schilderung. Im letzten Moment tötet Franz Ferdinand den Eber mit einem gezielten Schuss.

Tatsächlich war der Thronfolger im Schießen von Wild geübt wie kein anderer, Aufzeichnungen zeugen von über 270.000 erlegten Tieren. „Franz Ferdinand hat von Wagenau das Leben gerettet“, so Hoffmann, „daraufhin schwor ihm dieser ewige Treue – die Lebensschuld.“ Eine Lebensschuld mit Implikationen für den gesamten Globus.

Doch bevor von Wagenau seine Schuld einlösen muss, vergehen einige Monate. Im Mai 1913 findet in London die Friedenskonferenz zum Ersten Balkankrieg statt. Für Hoffmann ein weiterer Anhaltspunkt, um in Petrovs Romanfigur den historischen Stefan Wagner von Wagenau zu erkennen. „Österreich-Ungarn war zwar keine der Kriegsparteien, entsandte aber wie die anderen europäischen Großmächte eine Delegation zu den Friedensverhandlungen“, sagt Hoffmann.

Ein Name auf der Delegationsliste: Stefan Wagner von Wagenau. Hoffmann meint von Wagenau sogar auf einer historischen Darstellung der Vertragsverhandlungen erkennen zu können. Auch in der serbischen Delegation findet sich ein bekannter Name: Dragutin Dimitrijević. „Der Stier war zum Minotaurus geworden, gefangen im Labyrinth der Balkanpolitik“, schreibt Petrov, „ein menschenfressendes Ungeheuer.“ Von Wagenau erkennt den alten Dimitrijević kaum wieder. Er sei nun dogmatischer Nationalist, der vor allem gegen die Donaumonarchie wettere. Von Wagenau gegenüber ist der Serbe wohlgesinnt, doch der Österreicher hat Bedenken gegen eine Fortführung der Freundschaft – bis er den Serben plötzlich für eine unglaubliche Mission braucht.

Der Verdacht: Sophie betrügt den Thronfolger

Schon auf der Rückreise beschleicht die Hauptfigur in Petrovs Roman ein Gefühl der Unruhe. Tatsächlich lädt ihn Franz Ferdinand nach Schloss Konopischt ein. Sie gehen jagen. Wegerer „war klar, dass dem Thronfolger etwas auf dem Herzen lag; verfehlte jener doch zwei Fasane“, schreibt Petrov. Und tatsächlich: Franz Ferdinand weiht ihn in einen furchtbaren Verdacht ein. Seine Frau Sophie, für die er sogar auf die Thronfolge seiner Kinder verzichtet hatte, solle ihn betrügen.

Franz Ferdinand ist außer sich. Er bittet seinen Vertrauten, ein Auge auf Sophie zu haben, „um den Verdacht, so bitte ich Gott, doch zu entkräftigen“. Von Wagenau kann es nicht glauben: Gerade Sophie, das sei nicht möglich! Er verspricht Franz Ferdinand, Sophie zu beschatten, und schwört sich insgeheim, den Verdacht alsbald zu zerstreuen. Zu abwegig erscheint ihm der Gedanke: Was hatte Franz Ferdinand nicht alles für Sophie geopfert; welch’ wundervolle Liebesgeschichte verband die beiden!

Tatsächlich erscheint Historikern die Ehe zwischen Franz Ferdinand und Sophie mehr einem Heimatfilm als der harten habsburgischen Heiratspolitik entsprungen: In den 1890er-Jahren lernen sich die beiden in Prag kennen. Sie verlieben sich ineinander, müssen die Beziehung jedoch geheim halten, da Sophie nur aus dem niederen Adel stammt. 1898 bringt Franz Ferdinand Sophie in die Nähe von Wien, verschafft ihr eine Position im Gefolge der Isabella von Croy-Dülmen in Pressburg. Isabella hofft selbst, eine ihrer – standesgemäßen – Töchter mit Franz Ferdinand zu vermählen.

Doch Franz Ferdinand setzt alle Hebel in Bewegung, schickt sogar seine Stiefmutter zur Fürbitte bei Kaiser Franz Joseph. Schließlich gibt der Kaiser auf und akzeptiert den Heiratswunsch – unter der Bedingung, dass sämtliche Nachfolgen aus der sogenannten morganatischen Ehe von der weiteren Thronfolge ausgeschlossen seien.

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Im Eintrag vom 17. Dezember 1913 findet sich im Gästebuch des Grand Hotel de Londres in Istanbul der Name Joseph Wegerer.

Franz Ferdinand, nicht unfroh, seinen Kindern das Schicksal als Erben der Dynastie zu ersparen, willigt ein. 1900 wird geheiratet, seitdem sind die beiden unzertrennlich. „Also kann ich dir sagen, liebste Mama, unter vier Augen, daß Sophie ein Schatz ist, daß ich unsagbar glücklich bin. Sie sorgt so für mich, mir geht es famos, ich bin gesund und viel weniger nervös“, schreibt Franz Ferdinand bald nach der Hochzeit an seine Stiefmutter. Und nun sollte Sophie Franz Ferdinand betrügen?

Von Wagenau auf Schloss Konopitsch

Doch der Verdacht erhärtet sich: Wegerer alias von Wagenau, der nun viel Zeit auf Schloss Konopischt verbringt, fällt ein ungarischer Gesandter auf, den Franz Ferdinand regelmäßig zu Gesprächen über die Zukunft der k. u. k. Armee einlädt. Der Ungar vertritt die Interessen der Honvéd, die als königlich-ungarische Landwehr Teil der gemeinsamen Armee ist. Der Thronfolger wurde wiederum bereits 1908 vom Kaiser beauftragt, die Wehrkraft der Streitkräfte zu analysieren. Wegerer/von Wagenau bemerkt, dass der ungarische Gesandte oft einen Tag zu früh oder zu spät abreist und dies meist mit den guten Straßenverhältnissen oder der schlechten Witterung begründet.

Kurioserweise fallen diese meist auf Tage, an denen Franz Ferdinand selbst noch nicht auf Schloss Konopischt angekommen ist oder zu einem Termin nach Wien eilen muss. Petrov schildert, wie sich sein Informant unsichtbar macht, nächtens im Schloss umhergeistert – und sieht, wie der Ungar Sophies Schlafzimmer betritt.

Am nächsten Morgen setzt Wegerer/von Wagenau Franz Ferdinand in Kenntnis, der keine Reaktion zeigt, sich lediglich bei ihm bedankt. Von Wagenau ist irritiert, da Franz Ferdinand für seine cholerischen Ausbrüche berüchtigt ist. Doch Wochen vergehen, in denen nichts passiert. Bis Franz Ferdinand mit einem Entschluss an ihn herantritt: Sophie müsse sterben. Eine Scheidung sei denkunmöglich, ein weiteres Zusammenleben genauso. Laut Roman versucht Wegerer/von Wagenau, Franz Ferdinand davon abzubringen. Doch der Thronfolger lässt sich nicht umstimmen, appelliert an das Pflichtbewusstsein seines Untergebenen. Der soll einen Plan ausarbeiten und dann wieder an Franz Ferdinand herantreten.

Wollte Franz Ferdinand Sophie töten lassen?

Wochenlang grübelt Wegerer alias von Wagenau über das weitere Vorgehen, als ihm das Schicksal einen Wink gibt: Die Militärkanzlei schickt ihn nach Serbien, das gerade in den Zweiten Balkankrieg eintritt. „Natürlich wurde in der Monarchie über die außenpolitischen Aktionen genau Buch geführt. Doch es ist wirklich erstaunlich, wo man in den Akten überall auf von Wagenau trifft“, resümiert Hoffmann über seine Recherchen in den österreichischen Archiven. Die Rückkehr von den Kriegsschauplätzen führt den österreichischen Offizier durch Belgrad, wo er seinen alten Freund Dragutin Dimitrijević trifft. Wegerer/von Wagenau wird klar, wie Sophie beseitigt werden kann: ein Attentat, am besten im „Grenzland“.

Das wäre nicht nur plausibel, zusätzlich lieferte es der Krone Argumente für eine stärkere militärische Präsenz am Balkan. Seine Wahl fällt auf Bosnien-Herzegowina, hat Wegerer/von Wagenau doch Verbindungen nach Sarajevo.

Schon von Wagenaus Vater stand Oscar Potiorek in Sarajevo nahe

Und auch das ist historisch überliefert und wird von Hoffmann auch in anderen Quellen gefunden: Von Wagenaus Vater Norbert diente dort von 1905 bis 1907 als Regimentskommandant. Seit 1910 ist der Familienfreund Oscar Potiorek Armeeinspektor in Sarajevo, 1911 ernennt ihn der Kaiser zum Landeschef von Bosnien und Herzegowina. Von Wagenau weiß, dass Potiorek neidvoll auf von Wagenaus Einfluss bei Franz Ferdinand blickt. Potioreks eigenes Verhältnis zum Thronfolger war alles andere als glücklich. So hatte Franz Ferdinand 1906 persönlich gegen Potiorek als Generalstabschef lobbyiert und dafür gesorgt, dass statt Potiorek Franz Conrad von Hötzendorf diesen Posten erhielt. Potiorek würde alles tun, um in Franz Ferdinands Gunst zu steigen, ist sich von Wagenau sicher.

Im Roman tritt Wegerer alias von Wagenau kurz darauf an den Thronfolger heran und unterbreitet ihm seinen Plan, wohl noch in der Hoffnung, Franz Ferdinand hätte seinen Entschluss geändert. Doch jener stimmt zu, gratuliert ihm sogar zu seinem Plan. Im Dezember 1913 reist Wegerer/von Wagenau nach Istanbul, um sich inkognito mit Dimitrijević zu treffen. „Für mich ist dies einer der zentralen Punkte, an dem klar wird: Petrovs Roman handelt von Stefan Wagner von Wagenau“, ist Hoffmann überzeugt. Denn Petrov nennt in seinem Roman nicht nur das Datum, sondern auch den Ort der konspirativen Treffen von Dimitrijević und von Wagenau.

Am 17. Dezember sollen sie sich in Istanbul im Grand Hotel de Londres, knapp fünf Monate später im Grand Hotel Royal in Budapest verabredet haben. „Die Hotels mussten über ihre Gäste Buch führen. Es gab Gästelisten, die man regelmäßig an die zuständigen Verwaltungsstellen übermittelte. Deshalb haben sie bis heute in den staatlichen Archiven überdauert“, weiß Hoffmann um sein Forscherglück. Stieß der Slawist doch sowohl in Budapest als auch in Istanbul auf den Namen Joseph Wegerer. Hoffmann ist sich sicher: „Das ist nicht nur der Name der Hauptperson in Petrovs Werk, sondern von Wagenaus Deckname.“

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Das vermutlich letzte Telegramm von Wagenaus an Dimitrijevic.


Dieser muss Dimitrijević allerdings erst von seinem Plan überzeugen. Der Serbe ist skeptisch und vermutet eine Falle. Von Wagenau versucht, eine Win-win-Situation auszumalen: Ein gelungenes Attentat auf ein Mitglied der Dynastie sei ein Erfolg für die Nationalisten, gleichzeitig würde Sophies Tod einige Dinge für die Monarchie erleichtern; vielleicht sogar zu einer Thronübergabe an Franz Ferdinand führen. Dimitrijević zögert, will weiter nachdenken.

Franz Ferdinand sagt: nicht nur Sophie soll sterben. Auch er.

Dann geht alles Schlag auf Schlag: Im März 1914 fixiert Franz Ferdinand einen Besuch in Sarajevo. Kurz darauf erklärt sich Dimitrijević in einem chiffrierten Telegramm einverstanden, das Attentat auf Sophie auszuführen. Von Wagenau reist nach Sarajevo – offiziell, um den Besuch des Thronfolgers vorzubereiten. Tatsächlich bespricht er sich mit Potiorek und gibt diesem vermeintlich gute Ratschläge: So möge Franz Ferdinand keine starke Militärpräsenz in der Stadt; jedwede Planänderungen müssten direkt vom Thronfolger kommen. Potiorek versteht.

Im Mai 1914 sehen sich von Wagenau und Franz Ferdinand zum letzten Mal. Der Thronfolger bedankt sich bei von Wagenau für die „exzellente Arbeit“. Dann lässt er die Bombe platzen: „Ich werde mich zu Sophie setzen. Ein Leben ohne sie ist mir denkunmöglich.“ Von Wagenau ist schockiert – nicht nur aus altruistischen Motiven: Franz Ferdinands Tod würde auch seine Karriere jäh beenden. Doch die Lebensschuld gegenüber Franz Ferdinand lastet schwer auf ihm. So trifft er Dimitrijević ein letztes Mal, diesmal in Budapest. Besonders schwer macht es ihm der serbische Offizier nicht. Er erkennt in der Möglichkeit, Franz Ferdinand zu ermorden, eine einmalige Chance, am Balkan Feuer zu legen.

Das Attentat führt nicht der Vertrauensmann aus

Am 28. 6. 1914 werden Franz Ferdinand und Sophie in Sarajevo von Gavrilo Princip erschossen. Princip ist einer von mehreren Attentätern, die entlang der Route postiert wurden – allesamt unerfahrene Schüler, Studenten, Arbeiter und Angestellte. Möglicherweise hat Dimitrijević seinem Freund doch nicht völlig über den Weg getraut. Einen Monat später bricht der Erste Weltkrieg aus. Von Wagenau lässt sich wieder zu seinem Regiment versetzen. Potiorek wird trotz der fatalen Ereignisse in Sarajevo zum Oberbefehlshaber der Balkanstreitmächte ernannt, bis ihn Franz Joseph nach einer Reihe an Niederlagen 1915 seines Amtes enthebt.

Am Ende seines Lebens, so heißt es, wird der hohe Militär von Selbstmordgedanken gequält. Dämmerte ihm, was in Sarajevo wirklich vorgefallen war? Dimitrijević wird 1917 von der serbischen Staatsführung gehängt, da er ein Attentat gegen den serbischen Prinzregenten geplant habe. Von Wagenau kämpft an der Ostfront, ab 1916 in Italien. Kurz vor Kriegsende täuscht er 1918 seinen Tod vor. Unter neuer Identität zieht er nach Berlin, wo er die schrecklichen Ereignisse vergessen möchte. In der deutschen Hauptstadt endet Petrovs Roman. Zumindest die von Hoffmann gefundenen Teile. Gerade das letzte Drittel des Romans, so der Slawist, ist nicht vollständig erhalten, es fehlen immer wieder Seiten, wichtige Anschlüsse des Plots sind dadurch verloren gegangen.

Die Spur von Wagneaus verliert sich nach dem Krieg

Fest steht für den Forscher aber, dass sich in Berlin die Wege des realen Wagner von Wagenau mit denen des russischen Autors gekreuzt haben müssen. „Ich habe zwar keine Belege dafür, dass die beiden Kontakt hatten“, sagt Hoffmann, „aber alles andere wäre unplausibel.“ Gut möglich, dass die beiden gemeinsam durch Berlin gezogen sind, der ehemalige k. u. k. Offizier dem Russen seine Lebensgeschichte erzählt hat. 1931 schreibt Petrov die Geschichte nieder.

Von Wagenau ist zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden, „vermutlich starb er als Obdachloser“, schließt Petrov, der seinen Roman mit einem Knalleffekt enden lässt. 1927 soll eine weitere illustre Gestalt die Berliner Szene betreten haben: der ungarische Offizier, mit dem Sophie untreu gewesen sei. Petrov beschreibt ein Treffen zwischen diesem und von Wagenau. Dabei gibt der Ungar zu, auf Schloss Konopischt eine Affäre gehabt zu haben. Allerdings nicht mit Sophie – sondern mit deren Kammerzofe, die im Zimmer daneben geschlafen habe.

War Sarajevo der erste Suicide by Cop?

Ein Treppenwitz der Geschichte, den selbst der Entdecker des Manuskripts infrage stellt. „Es könnte sein, dass sich Petrov diese Pointe ausgedacht hat“, so Hoffmann, „seine anderen Werke enden meist mit ähnlichen Pointen.“ Den Pointen eines schlechten Autors, denn Hoffman versteht, warum Petrov keinen Verlag fand: „Das Manuskript ist ein wirres, im Rausch verfasstes Werk, eigentlich schlechte Literatur.“

Doch Hoffmann sieht genau darin den Knackpunkt: „So verwirrt, wie Petrov am Schluss war, hätte er nie all diese Details recherchieren können.“ Er wolle das Manuskript nun übersetzen und das Gedenkjahr 1914 nutzen, um Aufmerksamkeit für Petrovs Version zu generieren.

„Denn vielleicht ist es keine Literatur“, so Hoffmann, „sondern: die Wahrheit.“


Erschienen im Winter 2014

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