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              Mensch Werner

Werner Faymann ist drauf und dran wieder Kanzler zu werden. So wie 2008. Damals haben wir uns gefragt, wer ist der Typ eigentlich? Und jetzt stellen wir fest: das kann man sich alles genau so immer noch fragen. Hier also eine kleine Auffrischung aus dem Archiv.
Werner Faymann ist 53, ein Mann, von dem man alles weiß, weil er permanent in den Medien präsent ist. Aber was weiß man wirklich über ihn, außer, dass er eine hohe Stimme hat? Werner Faymann hat keine Ecken und Kanten, er hat keine Vorlieben, keine Hobbys, er hat noch nicht einmal Fehler gemacht. Was ist das für ein Typ, der uns da regieren wird? Wir haben Menschen gefragt, die das wissen müssen. Seine Familie, seine Freunde, alte Weggefährten und ein paar seiner wenigen Feinde.

ALOIS STÖGER, Gesundheitsminister im Kabinett von Werner Faymann.

"Mich beeindruckt, wie Werner Faymann es geschafft hat, eine positive Grundhaltung in die österreichische Innen- politik zu bringen und wie er auf die Menschen zugeht."

Die frühen Jahre
EIN EXMITARBEITER aus Faymanns Zeit als Wohnbaustadtrat, der anonym bleiben will.

"In den Jahren, die ich für ihn gearbeitet habe, waren seine Familie und seine Herkunft nie ein Thema. Ich weiß nur, dass er im 15. Bezirk in die Schule gegangen ist. Was seine Eltern beruflich gemacht haben? Welche Partei sie gewählt haben? Keine Ahnung. – In all den Jahren habe ich Faymanns Vater nur ein Mal und seine Mutter nie gesehen, weder bei der Partei, noch bei privaten Veranstaltungen."
WERNER BAJLICZ, Direktor des Gymnasiums Henriettenplatz in Wien 15, an dem Faymann 1978 maturiert hat.

"Wir haben über Werner Faymann gar nichts: keine Unterlagen, keine Jahresberichte. Alle Lehrer, Schulwarte und auch die Betreiber des Schulbuffets von damals sind nicht mehr bei uns im Haus. Wir haben auch keinerlei Kontakt zu ihnen."
WALTRAUD KARNER-KREMSER, Klubchefin der SPÖ Liesing, kennt Werner Faymann seit 1978.

"Werners Eltern sind nette Menschen. Sie sind und waren nicht politisch. Werner mag Hunde. Er ist mit einem Dobermann aufgewachsen, hat jetzt aber keinen Hund, da er momentan zu wenig Zeit hat und sich niemand um das Tier kümmern könnte."
DORIS BURES, Infrastrukturministerin, war in den 70er- Jahren mit Faymann Mitglied der SJ Liesing – und seitdem in wechselnden Funktionen immer an seiner Seite.

"Werner Faymann hat mich schon damals in der Anti- AKW-Bewegung beeindruckt, weil er sehr begeisterungsfähig war und in den Diskussionen – und davon gab es nun wirklich viele – ein überzeugender, interessanter und immer interessierter Diskussionspartner war. Daran hat sich eigentlich nichts geändert."
MARTIN MARGULIES, Grünen-Gemeinderat in Wien, in den 80ern gemeinsam mit Faymann in der SJ engagiert.

"Werner Faymann war in der SJ einfach ein braver Bub, der in den Sitzungen nicht viel gesagt hat. Alfred Gusenbauer und Josef Cap sind damals aufgefallen, was bei Werner nicht wirklich der Fall war. Dass jemand, der so brav agiert wie er, einmal Kanzler wird, habe ich mir damals nicht vorstellen können."

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Der Karrieremensch

JOSEF CAP, Klubobmann im Nationalrat, SJ-Vorsitzender von 1978 bis 1984.

"Werner Faymann hat ein Gespür für die Menschen. Er versucht, sie mitzunehmen und nicht von oben herab zu behandeln. Das zeichnet ihn aus und ist wohl seine größte Stärke."
BERNHARD ODEHNAL, Osteuropa-Korrespondent des Zürcher „Tages-Anzeiger“, mit Faymann in der SJ aktiv.

"Die Zeit in der SJ hat uns alle geprägt – wir sind damals schließlich alle sozialisiert worden. Wir haben dort Freunde gefunden, Partys gefeiert, uns verliebt – eben alles gemacht. Der Werner hat da nie viel mitgemacht. Er ist immer ein bisschen am Rand gestanden. Er war irgendwie schon mit 20 alt. Immer freundlich, aber immer auch distanziert."
GEORG NIEDERMÜHLBICHLER, SPÖ-Gemeinderat in Wien und mit Faymann seit 1983 befreundet.

"Der Werner Faymann von heute unterscheidet sich vom Werner Faymann von damals nur durch seine grauen Haare. Das ist auch das Faszinierende an ihm. Er war nie ein Revoluzzer, hat sich auch nie so stark positioniert wie Josef Cap oder Alfred Gusenbauer. Aber er hat sich linear weiterentwickelt. Ich erinnere mich an eine Episode aus dem Jahr 1985: Werner war gerade Gemeinderat geworden. Wir wollten als SJ sieben Thesen am Rathaus anschlagen. Normalerweise geht man da als SJ hin, nimmt einen Nagel und einen Hammer, nagelt den Zettel an und fertig. Der Werner hat das aber nicht so gemacht. Er hat vorher im Rathaus angerufen und die Aktion angekündigt. Die Rathauswache hat dann eine Holztafel montiert und auf die haben wir den Zettel montiert – damit dem Rathaus ja nichts passiert. Das ist auch typisch Werner: Auf der einen Seite schauen, dass es genügend Aufmerksamkeit gibt, und auf der anderen Seite auch schauen, dass es keine unnötigen Konfrontationen gibt. Entscheidend ist, dass das Bild von ihm in der Zeitung ist."
WOLFGANG JANSKY, von 1994 bis 2004 Faymanns Pressesprecher und nun Geschäftsführer von „Heute“.

"Werners Stärke ist, dass er sehr authentisch ist."
EIN LANGJÄHRIGER WEGGEFÄHRTE, der anonym bleiben will, weil er in Faymanns Einflussbereich arbeitet.

"Es ist kein Zufall, dass Faymann als sein Hobby „Skifahren“ angibt – kein anderes Hobby ist in Österreich so mehrheitsfähig. Würde er sagen, dass er Fußballfan ist, dann müsste er sich für einen Klub entscheiden, und das würde wiederum viele andere Fans ausschließen. In Wahrheit hat Faymann gar keine Hobbys. Es interessiert ihn nichts – außer Medien und Politik. Ganz im Gegensatz zu anderen Politikern hat er auch keine privaten Freunde, die nichts mit Politik – oder Medien – zu tun haben."
EVA DICHAND, Herausgeberin von „Heute“, mit der Familie Faymann befreundet.

"Werner Faymann ist ein geradliniger, dynamischer Politiker und Freund. Er ist sehr offen und scheut sich nicht, Leute um ihre Meinung zu fragen. Ich kenne ihn, seit wirdas Magazin „Unsere Stadt“ herausgegeben haben. Mittlerweile kenne ich ihn auch privat besser, weil wir zum Beispiel vor ein paar Jahren mit ihm und seiner Familie Drachensteigen am Cobenzl waren."
Der Familienmensch

JOSEF OSTERMAYER, Medien-Staatssekretär, seit 20 Jahren in wechselnden Funktionen an Faymanns Seite.

"Für den Privatmenschen Werner Faymann ist seine Familie, seine Frau Martina und seine beiden Töchter, sehr wichtig. Für die fünfjährige Flora nimmt er sich so oft er kann morgens Zeit."
MARTINA LUDWIG-FAYMANN, Wiener Landtagsabgeordnete, seit 2001 mit Werner Faymann verheiratet.

"Werner liebt seine Töchter sehr und versucht, sich so oft wie möglich fuür sie Zeit zu nehmen. Das gemeinsame Frühstück gehört zu einem gelungenen Tagesbeginn."
ANGELIKA FEIGL, seit 2007 Faymanns Pressesprecherin.

"Ein normaler Tag des Kanzlers beginnt um sechs Uhr morgens. Ab sieben Uhr telefoniert er, und seine Tage dauern meistens bis zehn oder elf Uhr abends. Ein Mitarbeiter, der ebenfalls anonym bleiben will. Faymann telefoniert sehr viel mit seinen Kindern, auch die fünfjährige Tochter hat bereits ein Handy. In seinem eigenen Telefon hat er seine beiden Töchter übrigens als „Kind 1“ und „Kind 2“ eingespeichert."

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Sein Arbeitsstil

RUDOLF HUNDSTORFER, Sozialminister, ehemaliger ÖGB-Präsident, Ex-Vorsitzender des Wiener Gemeinderats.

"Werner Faymann ist immer lösungs- und niemals konfliktorientiert. Er geht keinen Streit ein um des Streites willen. Da ist es ihm nämlich einfach um die Zeit und Energie zu schade."
WOLFGANG JANSKY

"Er ist einer er besten Motivatoren, die ich kenne, und er umgibt sich mit guten Mitarbeitern. Eine Stärke, die aber zugleich eine Schwäche ist, ist seine Genauigkeit. Er will
immer alles wissen und das macht es für seine Umgebung mitunter mühsam."
WALTRAUD KARNER-KREMSER

"Ich bin immer wieder überrascht, wie genau der Werner geworden ist: Früher war bei ihm alles immer so Daumen mal Pi. Jetzt ist er das genaue Gegenteil. Werner kann auch richtig böse werden, und ich wünsche dann niemandem, in seiner Nähe zu sein, ich wäre dann lieber im nächsten Mäuseloch. Er schmeißt zwar nicht mit Sachen oder schreit und tobt, aber er ist eiskalt und beinhart in seinem Zorn."
ANGELIKA FEIGL

"Er ist ein sehr umsichtiger und fürsorglicher Chef. Kein Chef im klassischen Sinn. Er erteilt keine Befehle, aber er erwartet, dass es funktioniert. Daher ist es sehr angenehm, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ein anderer Mitarbeiter Werner Faymann erteilt nie Befehle, er erwartet, dass man weiß, was er denkt und was man tun muss. Das ist nicht immer einfach."
GEORG NIEDERMÜHLBICHLER

"Eine seiner größten Stärken ist es, andere ins Boot zu holen und sie einzubinden. Denn je näher der Gegner bei mir ist, desto besser weiß ich, was er macht. Ich glaube, das kann er ganz gut."
LAURA RUDAS, SPÖ-Bundesgeschäftsführerin, im Wahlkampf 2008 häufig mit Faymann im Einsatz.

"Er ist jemand, der viel nachfragt, der viel hinterfragt, sich nicht versteckt, sondern mit anderen Menschen austauscht. Das macht ihn auch privat aus. Er ist einfach gerne mit Leuten zusammen. Das schätze ich sehr an ihm. Aber diesen Aspekt hat man oder nicht, und ich glaube, den habe ich auch. Deswegen arbeiten wir ja so gut zusammen." 

Erschienen in Fleisch Nummer 10, 2008

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