Text - Georg Hoffmann-ostenhof
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Warum?
profil-Kommentator Georg Hoffmann-Ostenhof beschreibt – teilweise ungelöste – sechs Rätsel, die sich ihm in seinem Leben gestellt haben. 
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Wilder Wein oder: Wieso bleibt mein Verbrechen unentdeckt?


Mödling. Ich war gerade sieben Jahre alt geworden. Unser Haus sei das beste in der ganzen Straße, behauptete ich auf dem Schulweg. Es gab schönere – Jugendstil-Juwele, palaisartige Gründerzeit-Bauten –, aber die Villa meiner Kindheit war tatsächlich etwas ganz Besonderes. Und das lag am Veitschi: Der wilde Wein bedeckte das inmitten eines großen Obstgartens stehen de, in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts errichtete Haus fast vollständig – saftig grün im Sommer, purpurrot im Herbst. Ich war überzeugt: Ich wohnte in einem Märchenschloss.

Im Winter freilich sah alles ein wenig kärglich aus. Da rankten sich die Reben blattlos wie ein Spinnennetz die schäbige, seit langem nicht frisch angestrichene Fassade empor. „Du darfst auf keinen Fall da herumkraxeln“, schärfte mir meine Mutter ein, „denn wenn da auch nur ein einziger Zweig abbricht, dann werden im Frühling die Blätter nicht wachsen!“ Dann wäre es aus mit der Veitschi-Pracht. Die Ermahnung war vergebens, die Versuchung, mich doch an den Verästelungen entlang in die Höhe zu ziehen, zu groß. Es passierte: Ich rutschte etwa eineinhalb Meter über dem Erdboden ab. Es knackte. Ein Ästchen nach dem anderen brach ab! Ich erstarrte, denn ich wusste: Spätestens im April, wenn der Bewuchs wie jedes Jahr zu sprossen begänne, würde meine Untat ans Tageslicht kommen, denn dann, so fürchtete ich, würde zumindest der rechte Teil des Hauses kahl und schäbig bleiben.

Zwei Monate lang träumte ich von den abgebrochenen Zweigen. Fast jede Nacht wälzte ich mich unruhig in meinem Bett. Ich wartete nur darauf, meiner Missetat überführt zu werden. Doch als der Winter dem Frühling Platz machte, hüllte sich unsere Villa auf wundersame Weise wieder in ihr wunderbares Grün. Auch die rechte Seite bedeckte sich vollständig mit den Veitschi-Blättern. Mein Verbrechen war nicht entdeckt. Warum aber der wilde Wein trotz seiner von mir zugefügten schweren Verletzung so kraftvoll wuchs, blieb für mich lange ein Rätsel.

Im Schatten der Kastanie oder: Warum glauben, wo wir doch wissen?

Ein heißer Sommertag. Wir saßen im Schatten der großen Kastanie unseres Gartens und delektierten uns an süßen Milchbroten, die meine Mutter mit selbst eingekochter Kirschenmarmelade bestrichen hatte. Ossi, 13, der Freund aus dem Nachbarhaus, Lintschi, unser Dienstmädchen aus dem Burgenland, 15, und ich, 11, redeten über Gott und die Welt – im Wortsinn. Ich war zu diesem Zeitpunkt überaus fromm. Der Religionslehrer im Gymnasium hatte uns zwar beruhigt: Nein, so richtig im Feuer brutzeln werden die Sünder nicht. Aber wenn einer eine Todsünde begangen hat und ohne Absolution stirbt, dann sei er dennoch auf ewig verdammt. Was das im Konkreten heißen sollte, sagte er nicht.

Umso bedrohlicher erschien es mir.

Und als Todsünde gilt bald etwas, das wussten wir aus den Religionsbüchern. Sicher ist sicher, dachte ich mir damals, unter ein Auto kann man ja jeden Augenblick geraten. Ewig verdammt zu sein, nein, davor hatte ich eine Heidenangst.
Und so beschloss ich, obwohl ich noch kein besonders hartnäckiger Sünder war, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen, um meine kleinen Vergehen dem Dechant zu beichten.
Wie aus heiterem Himmel sagte plötzlich Ossi, ein Marmeladenbrot mampfend: „Aber geh’, es gibt gar keinen Gott.“ Ich war elektrisiert. „Stimmt das wirklich?“, fragte ich. Und Lintschi bestätigte , fast beiläufig: „Klar, gibt es nicht. Hat ihn denn irgendwer jemals gesehen?“ Das rüttelte mich auf. Schließlich sagte das Ossi, ein erfahrener, älterer Freund. Und Lintschi war sogar schon 15! (Und hatte bereits, wie sie mir bis ins kleinste Detail geschildert hatte, schwer gegen das 6. Gebot verstoßen.) Wenn das, was Ossi und Lintschi sagten, wahr sein sollte, dann wäre meine Angst vor der ewigen Verdammnis überflüssig!
Ich fühlte mich gewaltig erleichtert.

Am nächsten Sonntag, im Dunkel der majestätischen gotischen Othmar-Kirche – vor mir der leidende Christus am Kreuz, ganz vorne der glänzende Barockaltar mit all seinem Gold und seinen Engeln, hinter mir die aufbrausende Orgel –, kamen mir doch noch Zweifel: Wie konnte es sein, dass die Erwachsenen über Jahrhunderte hinweg die prachtvollsten Kathedralen errichteten, die erhabenste Musik komponierten und die schönsten Kunstwerke kreierten – alles, um einen Gott zu ehren und zu preisen, der, wie nun schon wir Kinder wussten, gar nicht existierte?

Die letzten Zweifel an dem im Schatten der Kastanie bei Marmeladenbroten erworbenen Atheismus verscheuchte ich sehr bald. Dass erwachsene, intelligente Menschen an Himmel, Gott und Hölle glauben, blieb aber für mich, allen gelehrten Erklärungsversuchen zum Trotz, ein Rätsel. Bis zum heutigen Tage.

Bild-im-Text Fleisch26 Essay 01

Kryptische Fröhlichkeit oder: Was verbindet uns bloß?

Ein Herr im mittleren Alter mit Wuschelkopf, in Anzug und Krawatte, blickt überaus fröhlich in die Kamera. Rechts neben ihm steht ein junger Mann in hellem Sakko und Jeans und sieht lachend – bewundernd? vertraut? – zu dem Älteren auf. Ein vergilbtes Foto, das ich während eines Umzugs in einer Schachtel gefunden habe.
Es zeigt mich als Journalisten der „Arbeiterzeitung“ („AZ“, eingestellt 1992) mit dem sozialistischen Politiker Lionel Jospin.

An das Treffen kann ich mich nur dunkel erinnern. Es dürfte im Sommer des Jahres 1981 stattgefunden haben. François Mitterrand hatte im Mai desselben Jahres die französischen Präsidentschaftswahlen gewonnen. Die de la Gauche triumphierte. Der frisch gekürte Staatspräsident Mitterrand gab den Vorsitz der Sozialistischen Partei Frankreichs ab, sein Nachfolger wurde Lionel Jospin. In der neuen Funktion machte er wohl in Wien einen Antrittsbesuch bei der österreichischen Schwesterpartei, deren Vorsitzender Bundeskanzler Bruno Kreisky war. Dieser wiederum beorderte einen außenpolitischen Redakteur „seiner“ AZ zur Berichterstattung auf den Ballhausplatz.

Das Foto zeugt von einer rätselhaften Fröhlichkeit. Warum bloß waren der französische Politiker und der österreichische Journalist damals, im Jahre 1981, so überaus gut aufgelegt? Der protestantische Franzose, der später Premierminister wurde, galt immer als staubtrockener Patron, als nüchterner Pragmatiker, der wenig Spaß versteht. Ein Geheimnis verband den Politiker und den Journalisten, doch das konnte niemand ahnen.
Auch ich nicht.

Anfang 2001 musste ich lachen. Ein Jahr vor der Präsidentenwahl, die Jospin gegen Jacques Chirac verlieren sollte, platzte ein kleiner Skandal. Jospin hatte es immer geleugnet, jetzt musste er zugeben, was in einem Buch enthüllt wurde: Er war lange Zeit Mitglied einer trotzkistischen Organisation gewesen, zu der er immer noch gute Beziehungen unter hielt, als er bereits die Führung der Sozialisten innehatte. Er müsse „nicht erröten“ ob seiner Vergangenheit in einer antikapitalistischen und antistalinistischen Gruppe, entgegnete er. Dass er, wie es heißt, von seiner trotzkistischen Organisation quasi als Maulwurf in die Sozialistische Partei geschickt worden war, in der er unerkannt seine revolutionäre Propaganda treiben sollte, nahm ihm die französische Öffentlichkeit nicht sonderlich übel. Eine linksradikale Jugend haben in Frankreich viele, bevor sie ins Establishment aufsteigen. Bloß dass Jospin seine trotzkistische Vergangenheit verschwiegen hatte, wurde als Skandal empfunden.

Was er tat, diese Strategie der Unterwanderung, nennt man in trotzkistischen Kreisen „Entrismus“. Eine Strategie, die mir nicht fremd war. Wie Jospin war ich in den siebziger Jahren Mitglied einer trotzkistischen Kleinpartei, der „Gruppe Revolutionäre Marxisten“ (GRM). Als ich 1979 Journalist der AZ wurde, war ich zwar kein „revolutionärer“ Aktivist mehr, ich hatte jedoch meine Brücken zur GRM längst noch nicht abgebrochen. Mein Aktivismus verlief parallel zu dem des berühmten Franzosen.

Das Rätsel der unerklärlichen bilateralen Verbundenheit war gelöst. An jenem Sommertag 1981 hatten sich vordergründig zwei Sozialdemokraten getroffen – ohne von der kryptotrotzkistischen Existenz des jeweils anderen zu wissen. Vielleicht haben beide unbewusst die „Verwandtschaft“ gespürt.

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Interview mit Lenin oder: Welches Talent schlummert noch in mir?

Als Kind wollte ich eigentlich Schauspieler werden. Schließlich verschlug es mich in den Journalismus. Lange Zeit wollte ich mich aber nicht endgültig damit abfinden. So spielte ich nebenbei zuweilen als Statist in Filmproduktionen. In dem durchaus nicht bemerkenswerten Spielfilm „Lucona “ durfte ich etwa als ebenso beleibter wie korrupter österreichischer Sozialdemokrat in der Kulisse des Club 45 einen einzigen Satz sagen, der so unbedeutend war, dass er mir längst entfallen ist. Ob ich aber wirklich schauspielerisches Talent habe, ob ich nicht gar eine große Film- oder Bühnenkarriere verpasst hatte – diese meine große Lebens frage konnte ich nicht beantworten: Dazu waren meine Auftritte zu kurz und zu wenig herausfordernd.

Dann kam das Angebot, ich sollte Lenin inter iewen. Doch, doch. Der bekannte italienische Regisseur Damiano Damiani drehte einen TV-Historienschinken über den Bolschewikenhäuptling, der aus dem Exil heimkehrt, um die Revolution zu machen. Ich sollte einen britischen Journalisten spielen, der diesen bei der Ankunft in Moskau fragt, was er zu tun gedenke. Gedreht wurde in der U-Bahnstation Heiligenstadt.

Lenin, gespielt von Ben Kingsley, verlässt mit großem Gefolge, allen voran Leslie Caron als Lenins Frau und Dominique Sanda als dessen Geliebte, den eben aus Deutschland eingetroffenen Zug. Die Gruppe setzt sich auf dem Bahnsteig in Bewegung. Ich muss mich inmitten anderer Journalisten vordrängen und Lenin folgende, nicht sonderlich geistvolle Frage stellen: „I am coming from the Manchester Tribune, Mister Uljanov, would you mind telling me, which political line your party intends taking?

Ich hatte den Satz stundenlang memoriert – die Melone auf dem Kopf, Block und Bleistift griff bereit. Und dann hieß es „Action“. Die revolutionären Emigranten beginnen sich vorwärts zu bewegen, ich beschleunige den Schritt, befinde mich auf gleicher Höhe mit Lenin. Ich bin aufgeregt und beginne meine Frage: „I am coming from the Herald Tr…“ Damiani bricht ab.

Der ganze Tross – die Dutzenden Statisten und die Starbesetzung – muss zum Ausgangspunkt zurück. Noch einmal heißt es „Action“, ich eile nach vorne und verhasple mich aufs Neue. Ein drittes Mal schmeiße ich die Szene.
Als ich beim vierten Take vor Scham und Nervosität schweißgebadet endlich meine Frage korrekt stelle und die Szene im Kasten ist, wendet sich Ben Kingsley alias Wladimir Uljanow Lenin zu mir und sagt scheinbar überaus freundlich: „Wonderful, you are so natural!“

Da wusste ich: Ich hatte ganz bestimmt keine große Schauspielerkarriere verpasst. Hollywood würde nie anrufen. Die Heiligenstädter Szene kommt im Film nicht vor. Sie wurde zur Gänze herausgeschnitten. Meine peinliche Performance soll nicht der Grund dafür gewesen sein.

Das Rätsel von der verlorenen Fernbedienung oder: Wie kann es sowas geben?

Es gibt den rätselhaften Alltag. Typisches Beispiel: der verschwundene zweite Socken. Mit ein wenig Fantasie kann man dennoch meist erahnen, wo der abgeblieben ist. Folgende Begebenheit entzieht sich jedoch jeglicher rationalen Erklärung und ist eines der bislang ungelösten Rätsel in unserer Familie: Wir sehen gern und oft fern. Eines Tages war die Fernbedienung unauffindbar. Jeder beschuldigte den anderen, diese verlegt zu haben. Wir suchten und fanden sie nicht. Eine Woche lang mussten wir auf vorsintflutliche Weise am Apparat herumdrehen, um Sender zu wechseln und die Lautstärke einzustellen.

Da tauchte die Fernbedienung plötzlich wieder auf: im Briefkasten im Parterre. Das Seltsame daran: Um sie da hineinzustecken, benötigt man den Schlüssel, da sie unmöglich durch den Schlitz passt. Es gibt nur zwei Schlüssel zu diesem Fach: Einen hat der Briefträger und einen meine Frau. Die Kinder haben also keine Möglichkeit, sie dort zu verstecken, um uns etwa einen Streich zu spielen. Und meine Frau ist überaus ordentlich, tüchtig und voll bei Sinnen, also unverdächtig, gänzlich absurde Handlungen zu vollziehen. Der Briefträger wiederum hat keinen Zugriff auf unsere Fernbedienung.

Selbst wenn einer von uns gedankenverloren das Ding mitgenommen und im Hausflur irgendwo hingelegt hätte, so hätte der Briefträger nicht wissen können, welcher Hauspartei er die Fernbedienung zuordnen sollte. Außerdem haben wir ihn gefragt, und er sah uns ein wenig zweifelnd an und antwortete, er wisse von unserer Fernbedienung nichts.

Gelegentlich lasse ich Freunde und Bekannte Vermutungen anstellen, wie sich das Verschwinden unserer Fernbedienung zugetragen haben könnte. Es muss aber betont werden, dass die erschreckende Unerklärlichkeit dieser Begebenheit weder das Leben meiner Familie besonders belastet, noch irgendeine Art von Glauben an paraphysikalische Phänomene in uns ausgelöst hat.

Das Rätsel von der schlechten Laune oder: Warum ist Pessimismus so attraktiv?

Nichts provoziert den Leser stärker als eine gute Nachricht. Da kann man Unsinn schreiben, Fakten verdrehen , Schockierendes von sich geben – Reaktionen bleiben aus oder sind verhältnismäßig gelassen. Sieht ein Journalist aber irgendwo eine Wende zum Guten, zeichnet er positive Zukunftsszenarien, ja, beharrt er darauf, dass es trotz allem einen menschlichen Fortschritt gibt, dann wird das Publikum ernsthaft böse.

Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Meine Erfahrung als altgedienter profil-Kommentator: Eine optimistische Interpretation von Ereignissen wird – und mag sie auch noch so sehr zu Recht erfolgen – im besten Fall als bodenlos-naive Blauäugigkeit belächelt, meist aber als bösartige Affirmation der untragbaren Realität gegeißelt.
Die Meldung etwa, dass in den vergangenen zwanzig Jahren – trotz oder wegen des Neoliberalismus – global mehr Personen aus der Armut herausgeholt wurden als in der gesamten Menschengeschichte davor, stößt auf ebenso wenig freundliche Aufmerksamkeit wie die Analysen, wonach es den Frauen (oder auch den Homosexuellen) noch nie so gut gegangen ist wie jetzt, der Rassismus in unseren Breiten eher zurückgeht oder die globale Gewalt seit Jahrzehnten im Abnehmen begriffen ist. Man hat fast den Eindruck, dass die Menschen danach zu hören gieren, dass die Verhältnisse immer unerträglicher werden und dass die Zukunft unweigerlich eine Katastrophe bereithält.

Es sind nicht so sehr jene, die tatsächlich in prekären Situationen stecken, also allen Grund für eine negative Sicht der Dinge hätten, sondern wohlsituierte Mittelschichtler, die sich da in einer fundamental pessimistischen und mieselsüchtigen Weltsicht suhlen. Warum aber ist das so? Nennen wir dies das Rätsel von der schlechten Laune.

Ein schüchterner Erklärungsversuch: Den Jungen geht die historische Dimension ab. Sie leben im Jetzt, und dieses Jetzt ist zweifellos ungerecht, skandalös und zutiefst kritikwürdig. Sie haben ja recht. Die Älteren wiederum haben zwar geschichtliche Erfahrung, tendieren jedoch gleichzeitig dazu, die „gute alte Zeit“ zu verklären, weil sie damals jung und frisch waren und ihnen die Zukunft offenstand.

In dem Maße, als es mit ihnen individuell zu Ende geht, soll sich, so wünschen sie insgeheim, auch der Zustand der Welt immer mehr verschlechtern. Beide Haltungen zusammen genommen schaffen die generalisierte schlechte Laune. Warum die aber gerade in unseren Breiten so besonders verbreitet ist, gilt es noch zu klären.
Erschienen im Sommer 2013
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