Text - Robert treichler
foto - craig dillon
Die kennen wir doch! Aber warum?
In manchen Medien wird sie als Star gehandelt. Nach eigener Einschätzung ist ihre Karriere noch längst nicht am Zenit angelangt. Die Frage ist: Woran werden Sie sie wiedererkennen?
Sie kennen wahrscheinlich die „Zeit-Magazin“-Serie „Tratschke fragt: Wer war’s?“. Dort ging es darum, bedeutsame Persönlichkeiten aus der Geschichte, aus Literatur, Politik, Wissenschaft und Kunst zu erraten. Die Kolumne sollte zeigen, dass „auch die Weltberühmtheiten ihre großen und kleinen Sorgen hatten, ihre alltäglichen Probleme, ihre Nucken und Eitelkeiten – kurz, dass auch die ‚Unsterblichen’ Menschen gewesen sind“. Hier liegt der Fall ein klein wenig anders, was Bedeutsamkeit und Unsterblichkeit betrifft. Dafür bekommen Sie fünf Chancen, die gesuchte Person zu erraten.
Sollte sich jedoch nach fünf Versuchen am Ende herausstellen, dass Sie ihren Namen noch nie gehört und die Person noch nie gesehen haben, ist es auch nicht schlimm.
1. Versuch

Die Tür zu einer Dachgeschosswohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk öffnet sich. Da ist sie. Sie trägt eine graue Jogging-Hose und ein T-Shirt, das mit Pailletten dekoriert ist, und wenig Make-up. Ihre Haare sind nachgeholfen blond. Sie ist 31 Jahre alt.
Ihr Vater war einer der Autoren der „Perry Rhodan“-Heftromane. Daneben arbeitete er als Übersetzer. Ein Buch unter seinem eigenen Namen hat er nie veröffentlicht. „Dazu hat es offenbar nicht gereicht“, sagt die Tochter. Ihre Mutter war Assistentin in einem Anwaltsbüro. Die Eltern sind geschieden. Das einzige Kind wurde manchmal „Resi“ gerufen, wegen ihres zweiten Vornamens – Theres. Theres war ein braves Mädchen, neugierig und ein wenig lebhaft. Als Baby habe sie viel geschrien, weiß sie von ihrer Mutter, dafür blieben später ernsthafte Rebellionen aus.
Noch während ihrer Volksschulzeit trat Michael Jackson in ihr Leben. Zum Video „Thriller“ hüpfte sie wie aufgezogen im elterlichen Wohnzimmer herum und beschloss, Tänzerin zu werden.

Die Eltern brachten sie erst zum Kindertanzen, danach an ein Konservatorium. Sie lernte klassisches Ballett, Modern Dance, Steppen. Zu Hause schloss sie sich stundenlang im Kinderzimmer ein und transkribierte Michael Jacksons Texte, soweit sie die Worte verstand und im Wörterbuch finden konnte. Sie sammelte Poster und tapezierte damit die Wände. Heute hängt in ihrer Wohnung ein uninspiriert gezeichnetes Michael-Jackson-Porträt eines Straßenkünstlers aus Amsterdam. Aus der Karriere als Tänzerin wurde nichts. Mit 15 oder 16 schmiss Theres die Tanzschule hin, weil sie die Dreifachpirouette einfach nicht hinkriegte. Rückblickend sagt sie heute, das sei wohl besser so, sonst würde sie heute wahrscheinlich von Audition zu Audition kriechen.

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Sie sagt, es seien ihr schon so viele Dinge einfach zugefallen, ohne dass sie darauf habe hinarbeiten müssen. Wenn sie im Fernsehen auftritt, nennt sie das „on air“. Jahrelang war sie regelmäßig „on air“. Jetzt arbeitet sie „off air“ als Moderatorin. Events, Galas, Shop-Eröffnungen. Auf ihrem rechten Unterarm sind die Worte „Ewig dein, ewig dein, ewig uns“ tätowiert, am linken Handgelenk die sehr verschnörkelten Initialen „M J“. Die stehen für Michael Jackson. Sie sagt, sie sei ein Glückskind und lebe „eine große Leichtigkeit des Seins“. Eine ihrer beiden Katzen kommt ins Zimmer. Sie humpelt. Sie ist vor Jahren aus dem Fenster gefallen.

Falls Sie die gesuchte Person jetzt schon erkannt haben, sind Sie uns ehrlich gesagt ein wenig unheimlich. Gut, wir haben zwar ihren Beruf, ihr Alter und den Michael-Jackson-Tick erraten, aber Theres gehört nicht zu den Leuten, die wegen ihres Berufs bekannt sind. Wenn von ihr in Zeitungen oder im Fernsehen die Rede ist, lautet die Beifügung zu ihrem Namen fast nie „Moderatorin“. Sie muss noch was anderes sein.
2. Versuch

Sie haben Theres mit großer Wahrscheinlichkeit schon mal nackt gesehen. Sie ist sehr ansehnlich. Die Bilder waren in mehreren Magazinen und Zeitungen. Bei der Gelegenheit erfuhr die Öffentlichkeit auch, dass ihr Busen seine Größe dank einer Operation erlangt hat. Auch die Nase sah früher anders aus, sie hatte einen Höcker. Theres flehte ihre Mutter an, sie begradigen lassen zu dürfen, doch sie musste warten, bis sie 18 war. Die Kosten für die Operation trug die Krankenkasse, wegen diagnostizierter Atemprobleme.
Für Theres waren die Nacktfotos eine weitere Stufe in der Karriere. Allein die Tatsache, dass sie sich Schönheitsoperationen unterzogen hatte, war so etwas wie Diskussionsstoff. Sie selbst kann das nicht nachvollziehen. „Ich wollte einen größeren Busen, also hab ich ihn machen lassen.“ Sie habe das nicht gemacht, um jemand Bestimmtem zu gefallen, das würde sie nie tun, sagt sie.
Theres mag starke Frauen. Sie steht finanziell auf eigenen Beinen, seit sie 20 ist. Von einem Ehemann will sie niemals abhängig sein. Angela Merkel findet sie „eine coole Alte“, nur optisch könnte man sie etwas aufpeppen, meint sie. Mit Paris Hilton kann sie nichts anfangen. Deren Image, von allem immer mehr haben zu wollen, sei ihr fremd. Dita von Teese?„Die macht ihr Ding, und scheißt drauf, was andere Leute denken.“ An Verona Feldbusch-Pooth findet sie die Vermarktung ihrer Person super, die sei erwachsen geworden. Eva Glawischnig? „Eine lässige Frau.“ Naddel? „Peinlich. Sie versucht mit allen Mitteln, in den Medien zu bleiben.“

Über ihr eigenes Image will sie nicht zu viel nachdenken. „Viele sagen sicher, dass etwas schiefgelaufen ist.“ Theres sagt, sie weiß, was sie kann und was nicht. Sie sei natürlich, ganz selbstverständlich, auch vor der Kamera; niemals überkandidelt. Schauspielen traue sie sich nicht zu, singen könne sie ganz ok.
Ihre Karriere sei noch lange nicht am Höhepunkt, da ist sich Theres ganz sicher. Sie wolle sich als Nächstes auch im Ausland umsehen, vielleicht in den USA. Sie habe auch schon auf Englisch Moderationen gemacht, und wenn sie ein paar Monate da drüben lebe, sei das sicher möglich. „Aber vielleicht bin ich auch naiv“, räumt sie ein.

Falls Sie den Namen der gesuchten Person jetzt gefunden haben, würde uns interessieren, ob sie auch der Meinung sind, dass sie eine große Zukunft im Ausland vor sich hat.
3. Versuch

Theres hat einen Freund, der auch Moderator ist, und zwar „on air“. Die beiden sind für weniger wählerische österreichische Medien eine Art Kristen Stewart und Robert Pattinson für die Hofer/Billa-Zielgruppe. Bisheriger Höhepunkt war ein Seitensprung von Theres, gefolgt von einer Trennung und dem Neuaufflammen der Beziehung. Theres schwört, sie sei lieber gar nicht in den Medien und ihrem Freund gehe das alles schwer auf die Nerven.

In Wahrheit hat Theres ohne besonderen Aufwand den Lieferanteneingang in die österreichische Society-Berichterstattung genommen. Dort wird sie eisern als Prominente geführt und die Neuigkeiten aus ihrem Leben werden atemlos vermeldet. Auch wenn die Ereignisse in Theres’ Leben sich zu Breaking News eher so verhalten wie eine übergelaufene Badewanne zu einem Tsunami. Anstelle eines Drogenexzesses konnte die Gratis-Zeitung „Heute“ unlängst nur vermelden, dass Theres einen Termin bei der Polizei gehabt hatte, der eindeutig ergab, dass sie definitiv nicht die Kundin eines mutmaßlichen Innenstadt-Drogendealers sei.
Eine Anti-Klimax par excellence.
Das Wiedervereinigungs-Date von Theres und ihrem Freund fand übrigens in einem gediegenen Restaurant statt. Nein, Theres und ihr Lover sind auch nicht Kate Moss und Pete Doherty.

Ein Seitensprung sei nun wahrlich kein außergewöhnlicher Skandal, sagt Theres, und da hat sie recht. Ebenso wenig wie eine blonde Moderatorin mit optimiertem Busen und ambitionierter Selbsteinschätzung. Eine ihrer beiden Katzen versucht sich kurz am weiß gelackten Couchtisch, ehe sie rasch zum Kratzbaum weiterzieht. Mittlerweile sollten Sie die Frau erkannt haben, denn die wesentlichen Höhepunkte in ihrem Lebenslauf sind wir bereits durch.
4. Versuch

Nach dem Tod lebt die Seele weiter, sagt Theres. Vor einem dreiviertel Jahr hat sie zum ersten Mal einen toten Menschen gesehen. Da habe nur die körperliche Hülle gelegen und Theres sprach mit der Seele des Verstorbenen.
Sie hat sich intensiv mit dem Tod beschäftigt. Sie glaubt an etwas, das sie nicht Gott nennen will. Etwas, das uns gelegentlich helfe, Entscheidungen zu treffen. Ihre Mutter war vor einiger Zeit nach einer akuten Erkrankung knapp dem Tod entronnen, seither hat sich Theres der Betreuung todkranker Menschen verschrieben. Sie spricht mit ihnen, erledigt Besorgungen, sieht mit ihnen fern.
Das Nackt-Model als Totenengel – das ist eine mehr als durchschnittliche Boulevard-Story. Man kann Theres nicht den Vorwurf machen, sie inszeniert zu haben. Die Geschichte ist authentisch. Kürzlich war bei ihr ein Reporterteam des russischen Senders „Russia One“ zu Gast, um sie für eine Sendung zum Thema „Sterben“ zu filmen. Die Russen prophezeiten ihr, dass sie sofort nach Ausstrahlung Einladungen zu Talkshows bekommen werde.

Theres freut das. Es ist eine weitere Stufe in einer Karriere, bei der oben und unten vor allem dadurch unterschieden werden, wie hoch die jeweiligen Einschaltquoten sind.
Theres hat es nicht eilig. Sie spricht von sich selbst als „Mädel“. Sie ist glücklich mit ihrem Leben in ihrer Dachgeschoßwohnung. Sie mag ihren Busen, ihre Nase und ihre Katzen. Sie hat nicht das Gefühl, viel falsch gemacht zu haben. Ihr erster Freund war ein Arschloch. Sie war 16, er viel älter, und er behandelte sie mies. Seither hat sich Theres nicht mehr unterkriegen lassen.
5. Versuch

Falls Sie sie bisher nicht erkannt haben, wird Ihnen der Name wohl auch nicht weiterhelfen. In einschlägigen Medien nennt man sie je nach Beziehungsstatus Rafreiders Ex oder Rafreiders Freundin beziehungsweise das Playboy-Model oder die blonde Sterbebegleiterin.
Welch seltsames Wesen. Theres ist nicht allgegenwärtig wie Weichselbraun, nicht unappetitlich wie Lugner, nicht umwerfend wie Minichmayr. Nicht einmal sie selbst maßt sich irgendeinen Superlativ an. Das wahre Rätsel ist: Warum kennen wir sie dann eigentlich?
Erschienen im Sommer 2013
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