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text - Thomas von Steinaecker
Erinnerungen Ti t'e da Wan Dulis, der ältesten Schildkröte des Erdkreises, am Ende ihrer Tage
Auszug aus einem neuen Roman des deutschen Autors Thomas von Steinaecker.
Ich erblickte das Licht dieser schönen Welt, die nicht zufällig so rund ist wie der Panzer der Schildkröte, im Jahre 1728 am Strand des afrikanischen Königreichs von Tola. Weil der britische Seefahrer und Entdecker James Cook in Anwesenheit des Königs Tela té Du Gefallen an meiner Art bekundete, der die Menschen nicht ganz zu Unrecht den Beinamen gigantea verliehen haben, ging ich zur Besänftigung seines Gemüts & zur Schaffung günstiger Handelsbeziehungen in seinen Besitz über. Dass man ausgerechnet mich am Strand packte und Cook vor die Galoschen warf, war eine Laune des Schicksals, nehme ich an. Möglich, dass etwas an meinem Gang oder meinem Aussehen, das auffallende Zackenmuster an meinem Hals etwa, für meine Auswahl maßgeblich war. Obschon ich mich eine Weile vor Angst kaum mehr aus meinem Panzer wagte, kann ich mich im Rückblick glücklich schätzen. Denn nachdem Cook Tola übereilt verlassen musste, da seine rüpelhafte Mannschaft den Königspalast té Dus geplündert hatte, ließ mir mein Herr jedwede erdenkliche Aufmerksamkeit angedeihen und verleibte mich endlich 1771, bei einem Aufenthalt in seiner Heimat Großbritannien, seiner bedeutenden Sammlung von Trophäen ein. Zwar befiel mich im Nebel Londons oft Heimweh nach den sonnigen afrikanischen Stränden, was sich nicht zuletzt in einem langen asthmatischen Leiden niederschlug; doch die Diener meines Besitzers, in deren Obhut ich befohlen worden war, bemühten sich aufs Redlichste, mir mein Dasein in dem landläufigen Park des Cook’schen Anwesens so angenehm als möglich zu gestalten.
Wenn ich auch innerhalb seiner Mauern die einzige Vertreterin des Schildkröten-Geschlechts darstellte, freundete ich mich rasch mit den anderen animalischen Bewohnern an, insbesondere mit einem kleinen Kapuzineräffchen, dessen größter Tadel es freilich war, unentwegt an Plänen zu stricken, aus London und über das Meer zurück nach Brasilien zu fliehen, eine Unternehmung, die ich ihm oft genug ob ihrer offensichtlichen Undurchführbarkeit aus seinem schütter behaarten Köpfchen zu schlagen versuchte – was es indes nicht daran hinderte, es dennoch zu versuchen. Je mehr Zeit nach seinem Ausbruch verstrich, desto hoffnungsvoller wurde ich, es könne aller Vernunft zum Trotze erfolgreich gewesen sein – bis ich es eines Tages mit den Armen von einem Ast baumelnd, als spiele es, sowie für immer aufgerissenem Maul & ausgestopft im Studierzimmer meines Besitzers erblickte.
Nach dessen gewaltsamem Ableben auf Hawaii wurde ich Ihrer Majestät, dem britischen König Georg III., vermacht. Ich blicke auf diese Jahre mit gemischten Gefühlen zurück. Ohne Zweifel handelte es sich bei mir um den seltenen Fall eines Haustieres, das ohne Einschränkung von jedermann, von den Oberen wie Unteren, von alt wie jung, allein aufgrund meines Erscheinungsbildes und dem Zustand der Gemütlichkeit, mit dem man uns Schildkröten fälschlicherweise so gern in Verbindung bringt, geschätzt wurde, sodass es undankbar wäre, allzu sehr zu lamentieren. Doch es wird einleuchten, dass die Lage für mich keine günstige war: der für mich erst nach jahrelangem Studium in seinem Grundriss als solcher verstandener Palast mit den schier endlosen rutschigen Fluren, der stickigen Lüster-Luft und seinen Bewohnern, die es nicht lassen konnten, meinen Panzer zerkratzend auf seine Stärke hin zu prüfen und mir statt der von mir bevorzugten Salat-Kost zweifellos wohlmeinend, nichtsdestotrotz mein Leben gefährdend Petit Fours verabreichten, die ich anfangs neugierig in mich hineinmampfte, bis mich Magenschmerzen plagten.
Als mein Besitzer Georg III., den ich sonst kaum je zu Gesicht bekam, dem Wahnsinn verfiel, sich von Kronleuchter zu Kronleuchter schwang und mich johlend wie einen Ball durch die Korridore rollen ließ, und dessen Nachfolger, Georg IV., mich im Opiumrausch für seinen von den Toten zurückgekehrten Vater hielt, wurde ich 1828 dem Londoner Zoo übergeben. Auch über diese Zeit, die am Ende über zweihundertfünfzig Jahre umspannte, will ich mich nicht beklagen. Als Entschuldigung für so manche Tortur, die meinen Pflegern einfiel, die scheuernde Eisenkette, mit der sie mich anfangs anzubinden müssen meinten, oder der kaum geheizte Stall, den ich winters mit einigen wesentlich schlechter gestellten Giraffen und Elefanten teilte, lässt sich hervorbringen, dass die menschliche Spezies damals noch in den Kinderschuhen steckte, was die Erkenntnisse über das animalische Leben betraf. Als eine Art Wiedergutmachung, nehme ich an, gab man mir alsbald ein Riesenschildkröten-Männchen mit dem unpassenden Namen Mighty Edward als Gefährten zur Seite, der mich begatten sollte, da man mit meinem baldigen Ableben rechnete und zuvor noch lobenswerterweise meine Gattung im englischen Raum sichern wollte. Der Ärmste. Wieder und wieder mühte er sich, wobei ihm schon damals eine schwere Arthritis jede Bewegung zur Qual werden ließ & er aufgrund seiner geringen Intelligenz immer noch meinte, er befände sich auf der Insel der Inseln, Galapagos. Keinem meiner acht Kinder, die ich als Verbeugung vor meinen so von Jahres-, Bilanz- und Koordinaten-Zahlen faszinierten menschlichen Besitzern Nummer Eins bis Acht nennen wollte, gelang es, aus den Eiern, die ich unter großen Schmerzen ablegte, zu schlüpfen. Es waren traurige Jahre, ja, ich muss sagen: die schlimmsten. Der Verlust meines Nachwuchses und bald darauf des unglücklichen Edwards, die Enttäuschung meiner Pfleger darüber, die Gesichter der kindlichen Besucher, die mich staunend begafften & älter und älter wurden, bis sie ihre eigenen Kinder zu mir brachten, die dann selbst nach Jahren kahl und runzlig vor mir standen und mich immer mit demselben Vergnügen beobachteten – all das gave me the blues, wie der Engländer zu sagen pflegt. Ich ward schwermütig.

Letztlich verdanke ich es meinen berühmten Vorbesitzern & wohl auch meinem Alter, dass sich im 20. Jahrhundert meine Situation merklich besserte. Von einem Jahrzehnt aufs andere ließ man mir eine besondere Behandlung zukommen, errichtete mir ein eigenes kleines, wohltemperiertes Häuschen in der Form eines Pantex & versehen mit einer Plakette, die mich als früheres Eigentum Cooks und zweier Könige auswies. Ein Pfleger, er hieß Mickey, kümmerte sich einzig um mich; regelmäßig wog man mich. Überhaupt war man spürbar um mein leibliches Wohl bemüht. Als mir ein Besucher einen Stock auf den Panzer warf, der daraufhin einen kleinen Sprung hatte, wurde ich operiert und der Täter, soviel mir Mickey erzählte, mit Kerkerhaft bestraft. Mickey nannte mich seine old Lady. Manchmal küsste er mich, was ich wegen der Gefahr der Übertragung schädlicher menschlicher Viren gerne vermieden hätte; und beinahe täglich erzählte er mir von seinem Leben, seiner kleinen Wohnung, seiner Mutter, die er dort pflegte, wobei er nicht müde wurde zu betonen, dass ich seine Number one sei. Aus Dankbarkeit zwickte ich ihn ein paar Mal mit meinem Maul, was er aber als Akt der Aggression missverstand.
Erst im Jahr 2075 erfuhr ich vom Aussterben meiner Art. Der Plan der menschlichen Wissenschaftler klang in meinen Ohren von Anfang an riskant, obschon berechnet worden war, dass es um die Chancen seines Gelingens gut stand. So geschah es, dass ich, die Schildkröte, die sich kaum vom Boden abzudrücken vermag, zum ersten Mal in meinem langen Leben flog. In einem Flugzeug transportierte man mich von der Insel fort, die mir in den Jahrhunderten, die ich auf ihr verbrachte, zur widernatürlichen, aber am Ende doch lieben Heimat geworden war, in eine Region, von der man überzeugt war, dass sie dem Wiedererblühen meiner Art zupass kommen würde. Die künstliche Befruchtung mit tiefgefrorenen Spermien eines längst verstorbenen Vorfahrens in einem Labor im schönen Neuseeland verlief ausgezeichnet, sodass ich auf meine alten Tage noch die Freuden erleben durfte, als Mutter dem Gedeihen meiner elf Kinder zusehen zu dürfen. Wie fühlte ich mich verjüngt! Doch mochte es an dem Erbgut meines toten Partners liegen oder an einer Nachlässigkeit, die den menschlichen Zoologen in ihrer Euphorie unterlief – einige meiner Nachkommen zeugten am paradiesischen Strand mit den heimischen Schildkröten eine Brut, die zunächst noch bestaunt, dann aber, als sie sich rasant auszubreiten begann und in den Flüssen auch ins Landesinnere gelangte, wo sie zur Ausrottung einer Froschart führte, was wiederum das Massensterben meiner bedauerlichen Süßwasserfisch-Verwandten nach sich zog, die sich ausschließlich vom Laich ernährten, zur allseits gehassten und bekämpften Plage wurden.
Es kann als gesichert gelten, dass die Bastarde meiner Kinder und vielleicht auch am Ende sie selbst & ich der menschlichen Vergeltungswut zum Opfer gefallen wären, hätte nicht ein mir unerklärlicher Zwischenfall dazu geführt, dass nach einigen Tagen des Chaos, in dem Land und Wasser sich miteinander vermengten, kein Mensch mehr anzutreffen war. Zu Beginn machten wir uns in unseren Kolonien, deren Leitung ich innehatte, darüber keine Gedanken, bis eines Tages aus mir unerfindlichen Gründen ein neuer Schlag von Zweibeinern auf Neuseeland auftauchte, dem Menschen nicht unähnlich, doch wesentlich kleiner und leider auch rücksichtsloser, sodass wir sie, als Referenz auf die wohl untergegangenen Homines und ihre Vorliebe für Märchen, Kobolde tauften. Aufgrund meiner Erfahrung und Autorität gelang es mir, eine gewisse Anzahl der Vertreter meines Geschlechts zu einer abgelegenen Bucht zu führen, bevor die Kobolde auch sie, auf der Suche nach Essbarem, schlachten konnten. Beinahe vollständig erblindet, sitze ich nun in einer Höhle am Ufer des Meeres. Die Wellen benetzen meine lahm gewordenen schwieligen Füße, mit denen ich vormals so grazil die Küste entlang zu laufen pflegte. Früher oder später wird meinen Nachkommen die Bucht zu klein werden, sodass die Kolonie vor neue Aufgaben gestellt werden wird. Nach ihrer Lösung werden sie ohne mich suchen müssen. Ich erzähle ihnen aus meinem Leben. Allerdings muss ich konzedieren, dass ich die einzige meiner Art bin, die in gewisser Weise Faszination für die untergegangene Spezies des Menschen empfindet. Manchmal vermisse ich sie, ihre flüchtigen Gesichter, ihre doch recht amüsanten Launen, ihre hastigen Bewegungen.
Diese Anhänglichkeit mag aus der Not geboren sein, verbrachte ich doch die meiste Zeit meines allzu langen Lebens in ihrer Obhut, die oft genug den Charakter einer Gefangenschaft hatte. Hier und da jedoch war ihre Zuneigung deutlich zu spüren, selbst wenn sie in jenen Augenblicken in Wahrheit Verstorbene oder nicht erreichbare Geliebte ihrer eigenen Rasse auf mein freundliches Antlitz in mein gepanzertes Inneres projizierten. Es mag keine zweite Spezies auf diesem Erkreis gegeben haben, die stets auf ihre eigene Verderbtheit pochte und all das Schlechte herauskehrte, das durch sie in die Welt gekommen war. Dieser Zug machte sie am Ende doch drollig. Bald nun ist es an der Zeit für mich, Ti t’e da Wan Duli, den Weg zu gehen, den schon so viele meiner Geschwister vor mir beschritten, den Weg in die Tiefe, hinab auf den Meeresgrund, ins Reich der Jenseitigen und zurück unter den schützenden Panzer der mit ihren schwarzen Augen in jeden Körper & jedes Herz sehenden GROSSEN KURMA. Lebt wohl, meine Kinder. Lebt wohl.
Erschienen im Frühjahr 2013
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