Text - Fabian Schmid
Fotos - Andreas Jakwerth
Mein Freund der Popstar
„The Boys You Know“ heißt die Band von Thomas Hangweyrer und – sorry für den schlechten Scherz – nur wenige kennen den 22-Jährigen so gut wie unser Autor. Er wohnt nämlich mit ihm zusammen. Und fragt sich: Warum bitte will Tom ausgerechnet Musik machen?
Menschen, die in Österreich eine Indie-Band gründen und ernsthaft glauben, davon leben zu können, müssen entweder ziemlich genügsam sein. Oder masochistisch. Oder naiv. Oder – im Zweifel – alles zusammen.

Um das zu wissen, muss man nicht unbedingt in der Branche arbeiten, es reicht, wenn man sich die Biografien österreichischer Popstars ansieht. Selbst Superstars sehen sich anderweitig um, Gustav zum Beispiel, die macht mittlerweile in Hochkultur, die fünf Burgenländer von „Ja, Panik“ sind nach Berlin geflüchtet und um zu wissen, was sie dort machen, muss man sehr wohl in der Branche arbeiten.

Also: Was genau wollte mir mein Freund damals vor gut 18 Monaten wirklich sagen, als er mir sagte, er würde gerne eine Band gründen?

Ich erklärte ihn für verrückt und ging zunächst nicht weiter darauf ein. Eine Band – wozu? Das Geschäft ist so hart, dass selbst Tourneen mittlerweile als Erfolg gelten, wenn sie sogenannte „Nullnummern“ sind – wenn also die Kosten für Autoverleih, Sprit und Über- nachtungen die Gagen, die man für die Konzerte bekommt, nicht übersteigen.

Dabei waren die Konzerte bis vor kurzem noch die einzige Möglichkeit, als Musiker Geld zu verdienen, weil der CD-Verkauf alleine mit etwas Pech gerade mal die Produktions- und Studiokosten deckt. Für viele österreichische Bands ist es schon ein Riesenerfolg, wenn der CD-Verkauf vierstellig wird. Von der Musik zu leben ist für Indie-Pop-Menschen also sehr schwer, eine ganze Band zu ernähren komplett unmöglich.

Warum also sollte Tom das ernsthaft wollen?

Zumal er sich, wenn ich ehrlich bin, in der Musikbranche, in dieser durchaus depressiven Szene, deutlich besser auskennt als ich. Knapp fünf Jahre hat er Musikvideos gemacht, als Regisseur unter dem Namen „Tehafilm“ für so ziemlich alle hoffnungsvollen Indie-Bands und Sing-a-Song-Writer gearbeitet, zum Beispiel für Clara Luzia, Ja, Panik und Ernst Molden. A Life, A Song, A Cigarette widmete er mit „A different spring“ einen ganzen Film. Und dann hat er sogar ein Video für Troy van Leeuwen, den Gitarristen von Queens of the Stone Age gemacht. Er hat trotzdem mit der Filmproduktion aufgehört, um einem normalen Job nachzugehen – eine Entscheidung, die ich, der Spießer von uns beiden, bedingungslos gut fand, schließlich musste ich mir dadurch wenigstens um seinen Mietkostenanteil keine Sorgen mehr machen.

Headerbild Fleisch25 Hangweyrer

Und jetzt also eine Band? Gratuliere!

Ich wusste, seit ich Tom kenne, dass er nicht ganz unmusikalisch ist, aber erst als wir zusammenzogen, wurde mir klar, wie talentiert er ist. Während ich mir beim Klavierspielen mühsam Note für Note antrainiere, setzt er sich hin und spielt spontan irgendwelche Kla- vier-Balladen. Ohne Noten, wozu sollte er die auch brauchen? Kann gut sein, dass ich vielleicht irgendwann mal gesagt habe: „Wenn du das so gut kannst, dann beweis das doch bitte vor Publikum. Spiel irgendwas und sing dazu.“ Das hab ich vielleicht gesagt – singen deshalb, weil Tom als ehemaliger Wiener Sängerknabe ja auch eine ernsthafte Gesangs ausbildung nachweisen kann.

Aber andererseits: So was ist schnell dahingesagt.
Und sonst hört er ja auch nicht immer auf mich.

Dennoch begann Tom tatsächlich, eigene Songs zu schreiben. Warum und warum erst jetzt, ist ihm wohl selbst nicht ganz klar. Hatte er Sehnsucht nach dem Musikgeschäft? Wohl kaum. Nichts Besseres zu tun? Bestimmt nicht. Ganz offensichtlich wollte er all das, was sich in den Jahren als Musikvideoregisseur, Flex-DJ und Sängerknabe angesammelt hat, mal rauslassen.

Für den Mitbewohner (= für mich) war das keine leichte Zeit. Es verging kaum eine freie Sekunde, in der aus dem anderen Zimmer nicht Gitarrenklänge zu hören waren. Und dann musste man als Mitbewohner (= also ich) jedes Demo beurteilen, ohne die Gefühle des Künst- lers zu verletzen. Der Künstler (= Tom) ist dabei durchaus ein stolzer Mensch. Nach jedem neuen Akkord blickt er kurz auf und lächelt triumphierend, beinahe kindlich erfreut über die Harmonie.

Bald fehlte nur mehr eine Band.
Höflicherweise wurde ich zuerst gefragt, ob ich Mitglied werden möchte. Da ich es aber hasse, auf einer Bühne zu stehen, und mich bereits darauf freute, bei Tourneen die Wohnung für mich allein zu haben, lehnte ich sofort ab. Ich empfahl ihm allerdings meine Freundin Sophie, die ziemlich gut Bass spielen konnte. Erstens ist Sophie cool, zweitens sind Bands mit Bassistinnen ausnahmslos super (Sonic Youth, Pixies, Velojet). Fehlten nur noch Leadgitarre und Drums. Tom begann, nach geeigneten Mitstreitern zu suchen. Er wurde fün- dig: Gitarrist Mathias „Mats“ Kollos und Schlagzeuger Benjamin „Benni“ Philip- povich (Drums) komplettieren die Band. Mittlerweile kennen sich die Jungs und das Mädel seit über einem Jahr. Die Che- mie in der Band stimmt, von Basisdemokratie ist man weit entfernt. In der Band regiert das Führerprinzip, in der Musikwelt charmanter als „Frontman“-Methode umschrieben. Tom weiß meistens genau, was er will. Und dann soll es auch genauso passieren.

Natürlich haben die anderen ein Wörtchen mitzureden. Aber warum sollten sie, wenn Tom eh einen Plan hat? (So sagt es zumindest Sophie, und ich als Mitbewohner halt mich da raus.)
Das Debüt. Auf der Boku.

Vor ziemlich genau einem jahr, im Mai 2012, war es dann so weit: „The Boys You Know“ gaben ihr Live-Debüt im Rahmen eines BOKU-Fests. Damals war noch kein einziger Song aufgenommen, die Band hatte erst ein paar Wochen gemeinsam geübt. Nervös waren sie alle, und ja, ich als Mitbewohner war das auch. Aber es funktionierte, jedenfalls so gut, dass sie erstens Zugaben spielen mussten und zweitens erst aufhörten, als der Tontechniker den Saft abdrehte. Seit damals haben sie jede Menge Konzerte gespielt und seit März auch ihre erste CD am Markt. „Waste Your Time“ enthält 14 Songs, und ich wäre kein guter Freund, wenn ich nicht voreingenommen wäre und es für das beste Album einer österreichischen Band aller Zeiten halten würde – mindestens. Die CD ist super produziert, von Wolf- gang Möstl nämlich, den man in der Szene kennt, sie ist im richtigen Maß professionell, gut geplant und doch spontan. Das ist eigentlich auch eine gute Beschreibung für Tom: ein beinahe pedantischer Tüftler, der bei unvorher- gesehenen Problemen drei Sekunden aus der Bahn geworfen wird, um dann schulterzuckend einfach zu machen.

Als Musiker also.
Es war tatsächlich kein Scherz damals, als er sagte, er würde das gerne machen. Aber macht es ihm Spaß?

Wenn „The Boys You Know“ Kon-zerte geben, dann ist er meistens richtiggehend ausgelaugt, als hätte er körperliche und geistige Schwerar- beit verrichtet. Hat er vermutlich auch. Die stundenlange Nervosität vor einem Konzert, dann der Adrenalinrausch, dann die Müdigkeit – das Sängerleben ist definitiv nicht nur die eine große Party.

Wenn ich nur daran denke, wie lange es gedauert hat, bis die 50 Minuten, die „Waste Your Time“ dauert, tatsächlich auf den Markt kamen. Im Herbst hatte Tom schon den ersten Rough Cut in der Hand, Wohnzimmer Records, das Label, bei dem zum Beispiel auch Kreisky erscheinen und das zu den großen der heimischen Branche gehört, veröffent- lichte es aber erst Anfang März. Davor und danach hieß es: Warten! Tom konnte nichts mehr tun, um die CD und den Erfolg in irgendeiner Weise zu beeinflussen.

Ein unangenehmer Zustand. Mal passiert lähmend lang nichts, dann wollen plötzlich internationale Labels die Rechte erwerben. Toms emotionaler Zustand fährt Achterbahn.

Im Moment ist er aber ziemlich oben. Das liegt übrigens auch an Mails wie jenem, das er vor kurzem aus Israel er- halten hat. Drei Freunde waren auf Wien-Trip und hätten auf FM4 eine Nummer von „The Boys You Know“ gehört. Sie könnten diese nirgends finden, dabei sei das doch ihre Wien- Nummer, für immer. Tom lächelte, als er mir das Mail vorlas und schickte ihnen die MP3-Datei.

Das brachte natürlich keine Kohle. Aber Spaß. Und ganz offensichtlich macht er die Band genau deswegen.
Erschienen im Frühling 2013
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