text - Benjamin Koffu
Fotos - Ditz Fejer
Schrott der vergangenen Jahrzehnte
Wahnsinnig ruhmreich ist die Geschichte des österreichischen Bundesheeres ja nicht unbedingt. An der Grenze zwischen Kärnten und Slowenien war das Heer einmal beinahe in Kampfhandlungen verwickelt. Und ist es seit ein paar Jahren wieder. Allerdings kämpft jetzt der Kommandant von damals gegen die Heerführung von heute.
Am Grenzposten Wurzenpass ist niemand mehr. Keiner passt auf, wer reinkommt und wer ausreist. Nur vor dem Shop auf der slowenischen Seite stehen ein paar Autos mit österreichischen Kennzeichen. Zigaretten kosten dort viel weniger als im fünfzig Meter entfernten Kärnten. Aber sonst? Sonst sind sich beide Seiten der Grenze ziemlich ähnlich. Es sieht gleich aus und in den Telefonbüchern stehen die gleichen Familiennamen in unterschiedlicher Schreibweise. Pototschnig auf der einen, Potočnik auf der anderen Seite. Beide Länder haben eine gemeinsame Außengrenze und um die billigen Zigaretten zu kaufen, muss man kein Geld mehr wechseln.
1991 war die Grenze dicht. Hier spielte sich ab, was immer wieder als Argument für die Existenzberechtigung des Bundesheeres herhalten muss. Slowenien hatte sich unabhängig erklärt, die Jugoslawische Volksarmee war bis an die österreichische Grenze vorgedrungen und hatte das Bundesheer in Alarmbereitschaft versetzt. Es blieb bei der Bereitschaft. Oberst Andreas Scherer war damals im Einsatz und sagt, was er heute am Wurzenpass tue, solle auch an das erinnern, was zum Glück nicht eingetreten ist: den Ernstfall. „Heute sind wir von Freunden umzingelt“, sagt er. Aber darum gleich die Wehrpflicht abschaffen? Das sei großer Blödsinn. Andreas Scherer hält das Bundesheer für wichtig. Für so wichtig, dass er sich ein Militärareal ganz in der Nähe gekauft hat und dort ein Freilichtmuseum betreibt. Wie lange er das noch kann, ist allerdings offen. Von der Passstraße führt ein steiler Forstweg zu dem umzäunten Gebiet mitten im Wald. Am Zaun und dem Eingangstor sind Überwachungskameras angebracht. Dahinter steht neben einem Wachhäuschen ein alter Militärlaster, Panzersperren liegen am Waldboden.
"Abwehrkampf gegen diesen Wahnsinn"
Vor ein paar Wochen habe es am Wurzenpass Schnee gegeben, heute müsse man auch noch damit rechnen, sagt Andreas Scherer, zieht den Reißverschluss seines Bundesheerparkas zu und öffnet das Tor zu seinem Bunkermuseum. Wir betreten den Containerbau beim Eingang. Zwischen der Kassa und dem winzigen Souvenirshop beginnt er zu erzählen. Kein hölzerner Militärsprech, kein schneidiger Ton, dafür breiter Kärntner Dialekt und Hemdsärmeligkeit. Wenn Scherer loslegt und von „seinem Abwehrkampf gegen diesen Wahnsinn“ spricht, klingt nicht mal diese Phrase so ewiggestrig, wie sie eigentlich ist. Der Oberst ist ein freundlicher Mensch. Einen, dem eine Militärbunkeranlage an der Kärntner Grenze zu Slowenien gehört, stellt man sich irgendwie anders vor. Im Grunde sei er ja Pazifist, sagt Scherer dann noch und erklärt, welchen Wahnsinn er meint.

In seinem Museum gibt es alles, was sich der militärinteressierte Mensch wünschen kann. Schutzbunker, unterirdische Gänge, Panzer und Panzertürme, Flugabwehr- und Gulaschkanone, alles da. Noch, denn wenn es nach seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem Bundesministerium für Landesverteidigung, geht, soll sich das bald ändern. Scherer sei als Betreiber nicht mehr vertrauenswürdig, finden seine Ex-Kollegen in der Rossauer Kaserne. Alle Bewilligungen für das Museum, die er ursprünglich von ebendort bekam, wurden ihm wieder entzogen.
Dabei hatten Ministerium und Bundesheer die Leistungsschau lange unterstützt. Sämtliche Ausstellungsstücke kommen aus alten Heeresbeständen und hätten eigentlich verschrottet werden sollen. Bundesheer-LKWs karrten den Waffenschrott auf Scherers Betreiben aber auf den Bergpass und verteilten ihn im Wald. Soldaten, darunter etliche Grundwehrdiener, revitalisierten die Anlage, bauten sogar einen Bunker in Ottensheim an der Donau ab und hier wieder auf. Um etwas über Krieg und Frieden zu lernen, besuchten Rekruten aus der Militärakademie in Wiener Neustadt das Museum. „Taktische Reisen“ heißen solche Exkursionen im Militärjargon.
Alles war so weit gut im ehemaligen Sperrgebiet, das nun ein Stück österreichische Heeresgeschichte dokumentierte. Von hier aus wollte man während des Kalten Krieges im Ernstfall den Kommunismus abwehren und die freie Welt verteidigen. In Übungen lernten mehrere Generationen Soldaten, darunter Scherer selbst, wie so etwas theoretisch geht. 1992 sah keiner mehr eine Bedrohung, die Anlage wurde geschlossen, aber noch zehn weitere Jahre einsatzbereit gehalten. Vorsichtshalber. Letzter aktiver Kommandant der Kompanie Wurzen: Andreas Scherer. Gerade jetzt, wo zur Debatte steht, ob ein Land wie Österreich überhaupt ein Heer braucht, soll Scherer endgültig weg vom Wurzenpass und die Waffen wieder beim Heeresgeschichtlichen Museum abliefern. 162 Tonnen schrottreifes Kriegsgerät von Kärnten nach Wien zu bringen ist nicht gerade günstig. Laut einem Kostenvoranschlag, den Scherer eingeholt hat, müsste er dafür 276.000 Euro zahlen. Damit wäre sein Museum am Ende und er im Privatkonkurs: „Ich wäre persönlich ruiniert, was aber die höhere Absicht ist.“ Also ist es Scherers höhere Absicht, genau das zu verhindern und seinen Besuchern weiterhin zu zeigen, was das Bundesheer alles könnte, wenn es denn müsste.
Bis vor einem Jahr arbeitete er selbst noch als Beamter in der Rossauer Kaserne. Unter anderem als Stellvertreter von Edmund Entacher, dem Generalstabschef, den Verteidigungsminister Norbert Darabos Anfang 2011 abberief und Ende des Jahres wieder einsetzen musste, nachdem eine Berufungskommission den Versetzungsbescheid aufgehoben hatte. Mittlerweile ist Andreas Scherer unbezahlt karenziert, lebt in Kärnten und nur noch vom Museum. Was war passiert?
Alle waren da: Hochrangige Mitarbeiter des Ministeriums, Landespolitiker
Vor zehn Jahren pachtet Scherer das brachliegende Areal von der Republik und beginnt, es für den Museumsbetrieb fit zu machen. 2005 wird das Freilichtmuseum eröffnet. Hochrangige Vertreter des Ministeriums sind ebenso anwesend wie Landespolitiker. Drei Jahre baut Scherer gemeinsam mit dem Bundesheer weiter aus. Wenig später bestellt Norbert Darabos ihn zum Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. Scherer bleibt auch dort einer der engsten Mitarbeiter Entachers. Seine Abteilung ist direkt dem Generalstab unterstellt. Museumsbetreiber ist Scherer damals vor allem wochenends. Ende 2009 kauft er der Republik das als „Grünland-Wald“ gewidmete Grundstück samt Bunkern für 10.600 Euro ab und verpflichtet sich, es dauerhaft als Museum zu bespielen.
Im Ministerium soll unterdessen die Organisation straffer werden. Unter anderem wird Scherers Abteilung aufgelöst. Sämtliche Bereiche, die mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun haben, sollen weg vom Generalstab und direkt dem Ministerbüro unterstellt werden. Scherer ist sauer und legt im Frühsommer 2010, einen Tag, bevor es so weit ist, einen ressortinternen Akt an, in dem er die Maßnahmen des Ministers kritisiert. Nachdem ein Auszug daraus in einer Kurzmeldung im profil zu lesen ist, geht alles sehr schnell. Es folgen ein Disziplinarverfahren und eine Strafanzeige wegen „Verdacht des Verstoßes gegen das Waffengesetz“. Auch wenn die Staatsanwaltschaft das Verfahren schnell einstellt, verliert Scherer die Genehmigungen für sein restliches Inventar. Seitdem bekämpfen sich der Soldat und sein Heer.
Beschwerde beim Verwaltungsgerichtshof
Scherer reicht beim Verwaltungsgerichtshof Beschwerde ein. Alles läuft irgendwie aus dem Ruder, der Rechtsstreit zieht sich in die Länge. So ähnlich stellt man sich hoffnungslose Nachbarschaftskonflikte vor. Heuer war es die zweite Saison, in der Scherer das Museum öffnete, obwohl er eigentlich nicht durfte. Der 45-Jährige hängt an den 11.400 Quadratmetern Wald mit Hunderten Kubikmetern Stahlbeton, Stacheldraht und dem verzweigten Gangsystem.
Im Schauraum des Museums läuft gerade eine Sonderausstellung, die Scherer sich und den Ereignissen gewidmet hat. Sie heißt „Bunkermuseum unter Attacke“. Der Oberst ist in die Offensive gegangen und das sollen alle mitbekommen, die das Museum besuchen.
Entsprechend offensiv erzählt Scherer einem seine Geschichte. Er spitzt sie zu und versichert sich der Zustimmung seines Gesprächspartners. „Ich war der letzte Kommandant am Wurzen. Damals hätte ich im Ernstfall 250 Soldaten in den Tod führen können. Jetzt soll ich auf einmal nicht mehr verlässlich sein.“ Ein schwieriger Vergleich. Aber ja, stimmt, so leuchtet das nicht ein. Manchmal zwinkert Andreas Scherer einem zu, wenn er zum Punkt kommt. Dann macht er zwischen Sätzen kurze Pausen, Zeit für den Zuhörer, das Gehörte kurz setzen zu lassen. Lange genug? Verstanden? Gut, dann weiter. Manchmal vergleicht er auch, was nicht vergleichbar ist, spricht im selben Atemzug von Stalinismus und der Vorgehensweise des Ministeriums.
„Sportlich wertlos“ sei das alles, sagt Scherer immer wieder und meint damit, wie absurd ihm seine Situation erscheint. Wie viele, die aus persönlichen Gründen protestieren, Bürgerinitiativen starten oder Unterschriften sammeln, hat auch Scherer etwas Verbohrtes an sich. Er sagt Sachen wie: „Ich bin Überzeugungstäter. Für das, woran ich glaube, tue ich alles.“ Und weil das stimmt, geht es mit ihm manchmal durch. Zum Beispiel, als er im April 2011 einen Leserbrief an mehrere Zeitungen schickt und Norbert Darabos Amtsmissbrauch vorwirft. Der Wehrdienstverweigerer sei ein Feind des Bundesheeres und eine Schande für einen pluralistischen Rechtsstaat, schreibt Scherer damals. Das Pamphlet wird mehrfach abgedruckt, Scherer muss vor eine Disziplinarkommission. Wieder einmal. Dass so ein Brief Öl ins Feuer ist, davon will Scherer auch heute nichts wissen. Wenn es ums Bundesheer geht, versteht der Oberst nämlich keinen Spaß. „Ich habe keinen Eid auf eine Partei oder eine Person abgelegt, aber auf die Republik und ihre Gesetze“, erklärt Scherer. „Ich war und bin ein Idealist und ich stehe hundertfünfzig Prozent zum Bundesheer.“
Scherer gegen das Bundesheer
In den Gängen seiner Anlage stehend, hat er gerade noch vom ausgeklügelten Funk- und Telefonsystem erzählt. Auch wenn er es eigentlich die ganze Zeit zu erklären versucht hat, fragt er jetzt: „Warum wollen die mich weghaben?“ Nach zwei Jahren gehe der Konflikt mit dem Ministerium langsam an die Substanz, sagt er ruhiger. Dass sich alles so lange hinziehen würde, habe er sich nie vorstellen können. Und gegen das Bundesheer, sein Bundesheer, einen Rechtsstreit zu führen, das ist das Letzte, was einer wie Scherer will. Ein paar Monate wird er noch warten müssen, dann steht die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes an.
Im Verteidigungsministerium will man keinen Kommentar zu dem laufenden Verfahren abgeben. Ressortsprecher Oberst Michael Bauer sagt, er könne zu dem Fall auch gar nichts sagen, da beide Parteien absolutes Stillschweigen vereinbart hätten. Stillschweigen? Absolutes? Scherer hat alles schon so vielen erzählt, dass es auf dieses eine Mal nicht ankommt.
Im Gasthaus beim unbesetzten Grenzübergang grüßen der Wirt und zwei an der Theke sitzende Stammgäste Andreas Scherer: „Ah, der Herr Oberst.“ Aus dem Fenster sieht man drüben in Slowenien ein paar Zigarettentouristen. Scherer hatte recht, es hat zu schneien begonnen. Hier oben ist er öfter. Vom Wirt bekommt er Gulasch, das er bei Veranstaltungen im Bunkermuseum ausgibt. Ausgezeichnet sei das, sagt Oberst Scherer, Bundesheerqualität. Ach, das Bundesheer. „Was mir am Bundesheer so taugt, ist, dass jeder General einmal als ganz kleiner Indianer genau gleich wie jeder andere angefangen hat. Mir tut weh, was gerade mit dem Heer aufgeführt wird.“ Sportlich wertlos eben, sagt Scherer.
Der Wirt bringt einen Teller Gulaschsuppe. Sie ist etwas angebrannt und sehr salzig. Nach dem Essen muss Andreas Scherer zur Chorprobe nach Villach. Kurz vor Weihnachten wird er mit dem Chor in Wiener Neustadt singen. In der Militärakademie.
Erschienen im Winter 2012
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