text - Martina bachler
Fotos - Hbo
David Simon: „Damit Obama so einschlagen konnte, musste es uns zuvor erst wirklich dreckig gehen.“
Es gibt wahrscheinlich jede Menge Menschen, mit denen man über Obama reden könnte. Alle möglichen Berater und Experten, Journalisten und Politiker, Soziologen, Philosophen oder Wirtschaftsforscher. Und doch gibt es niemanden, der das Gesamtkunstwerk Obama so gut einschätzen kann wie er: David Simon. Denn er ist: Journalist und Soziologe, Philosoph und Wirtschaftsforscher, er ist Berater und Experte, und noch ein bisschen mehr. Der knapp 50-Jährige hat die beiden intelligentesten Fernsehserien entwickelt, die in den vergangenen zehn Jahren ausgestrahlt wurden: „The Wire“ über den Niedergang von Baltimore sowie „Tremé“ über den Wiederaufbau von New Orleans. Simon, vormals Polizeireporter, hat bei beiden Serien komplexe Handlungsstränge entwickelt, die sich – wie bei Obama – mindestens über vier Serienjahre erstreckten. Er hat sein Publikum mit der Tristesse des Alltags genauso gelangweilt wie mit kruden Ideen. In Simons Serien geht es oft ums Scheitern und dann auch wieder um Visionen. Also: Es gibt niemand Besseren, um über die erste Staffel von Obama zu reden. Wir haben ihn deshalb angerufen.
Mister Simon, in wenigen Wochen wählen die USA ihren Präsidenten für die nächsten vier Jahre. Wie nah sind Sie am Wahlkampf dran?

Ich verfolge ihn nicht so wirklich. Ich bin ja kein Journalist mehr und muss mir das nicht mehr in der gleichen Intensität antun wie früher. Außerdem beschäftige ich mich lieber mit den Problemen dieses Landes als mit den Wahlen. Unsere Form der Demokratie und das, was daraus geworden ist, haben mich enttäuscht.

Sie sind politikverdrossen?

Das Problem ist, dass in unserem politischen System Geld eine so große Rolle spielt. Grundsätzlich habe ich ja Vertrauen in den Hausverstand der Amerikaner, sie würden wahrscheinlich öfter das Richtige tun als das Falsche. Aber bei Wahlen können sie das gar nicht, weil es hier gar nicht um politische Ideen geht: Die, die das Geld haben, bestimmen, welche Politik gemacht wird. So einfach ist das. Das sind die USA! Und jetzt liefern sich zwei Parteien einen Wettkampf darin, die Wähler ruhigzustellen. Ich bin ein Linker, wissen Sie, ich werde für denjenigen stimmen, der den geringsten Schaden anrichtet. Für mich ist das Barack Obama. Aber nichts, das bei diesen Wahlen gesagt wird, ist irgendwie von Substanz. Niemand redet über die harten Wahrheiten.

Gut, dann reden wir jetzt über die harten Wahrheiten.

Wir können uns den Shit, den wir produzieren, nicht mehr leisten, weil sich der Reichtum bei einigen wenigen Menschen konzentriert. Vor 40 Jahren begann Amerika, das zu bekämpfen, was es eigentlich stark gemacht hatte – seine Mittelschicht. Wir haben Gewerkschaften aufgebrochen, wir haben aufgehört, im Kollektiv zu verhandeln, und waren unfähig zu sehen, wohin das führt: Diejenigen, die heute eigentlich für Konsum sorgen sollten, verdienen zu wenig. Wir sind nichts mehr wert! Und was tun wir dagegen? Unsere Spitzenkandidaten pflanzen Blumen! Sie wissen schon – ein bisschen gießen und in zwei Monaten blüht da was Hübsches. Wir bräuchten aber jemanden, der jetzt eine fucking Obstplantage anlegt! Wo es in vielleicht zwei, drei Jahren die ersten Früchte gibt! Nach vorne blicken, die Dynamiken verstehen! Wir aber wollen schnelle Ergebnisse, diese ganze Politik ist doch naiv! Viele Amerikaner spüren das. Sie wissen auch, dass die hohe Arbeitslosigkeit nicht Obamas Schuld ist. Es ist ja eigentlich ein Wunder, dass wir 2008 nicht gänzlich implodierten.

Also hat Obama nicht ganz so versagt, wie es vier Jahre nach dem großen Jubel über seinen Wahlsieg manchmal wirkt?

Die erste Euphorie war doch nach acht Jahren schlichter Ignoranz überall nachvollziehbar. Und ja, es war ganz schön gut zu sagen: Ich habe einen Afroamerikaner zum Präsidenten. Die Idee von „Rassen“ spielt immer noch eine Rolle in den USA und wird es auch in den nächsten Generationen tun. Es war ein Zeichen der Verbesserung des Landes, dass wir diesen Mann wählten. Davor aber musste es uns natürlich erst so richtig dreckig gehen.
Und doch ist vom Anfangszauber nicht viel übrig.
Ich hätte nie gedacht, dass Obama den Mist, den die Wall Street mit unserer und der globalen Wirtschaft angerichtet hat, einfach so liegen lässt. Im Moment gibt es ja in der ganzen Welt viel „Spit & Chewing Gum“, also Zeug, das alles nur vorübergehend zusammenhalten kann. Und diese Jungs von der Wall Street tun so, als wäre nichts geschehen. Wenn ich mir anschaue, was da alles passierte, bin ich froh, dass es uns geht, wie es uns jetzt eben geht – und nicht noch schlechter. Auf den Stand von 2008 kommen wir sowieso nicht mehr. Immerhin sehen wir langsam, wie es um Amerika wirklich bestellt ist, wo es krank und kaputt ist.

Wie zeigt sich das in Baltimore, der Stadt, wo Sie mit Ihrer Familie leben?

Die Misere ist nicht mehr zu übersehen. Menschen ziehen weg, die Hälfte der afroamerikanischen Bevölkerung ist arbeitslos. Wir haben ein Wirtschaftssystem, das einfach nicht funktioniert, und das zeigt sich an den Städten, um die wir uns nicht kümmern. Wir haben geschluckt, dass ganze Industrien verschwinden, geschluckt, dass ganze Bezirke verelenden. Man sieht das Elend nicht nur bei den Ärmsten, man sieht, wie es die Vororte erreicht. Ich bin kein Marxist, verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin wahrscheinlich das, was ihr in Europa einen Sozialdemokraten nennt. Der Markt allein schafft einfach keine gerechte Gesellschaft und die steht gerade auf dem Spiel. Wir sehen momentan eine Ungleichheit, wie es sie seit der Industriellen Revolution nicht mehr gab.
Noch scheint es aber nicht, dass das besonders viele Menschen wirklich stören würde.

Occupy Wall Street ist ja auch fast verpufft.

Dabei fehlt vielen jegliche Perspektive und wenn man nicht mehr glaubt, dass es sich lohnt, an der Gesellschaft zu arbeiten, ist der nächste Pflasterstein nicht mehr weit. Ich fürchte, dass wir auf solche Unruhen zusteuern. Das kann dann so oder so ausgehen: Die Verzweiflung kann zu Verbesserungen führen, wenn die, die das Sagen haben, das überhaupt mitbekommen. Oder sie führt in den Totalitarismus. Die Unruhe ist da. Von seiner sozialen Schicht aufzusteigen ist heute ja so schwierig wie noch nie! Die Armut ist so verbreitet wie seit 1968 nicht mehr, als Martin Luther King ermordet wurde. Der Prozentsatz an schwarzen Kindern, die in Armut leben, ist heute so hoch wie damals. Dabei ist es uns nach Kings Tod ja gelungen, die Armut zu verringern, die Gesellschaft über Rassen hinweg fairer zu gestalten. Das ist doch eine der großen Episoden der amerikanischen Geschichte! Doch seit etwa 15 Jahren kehrt sich dieser Trend um.
Das würde man von den reichen, großen Vereinigten Staaten eigentlich nicht erwarten.

Kränkt das den amerikanischen Stolz?

Man hätte von den USA auch nicht erwartet, dass ihr Frühwarnsystem und ihr Notfallsmanagement vollkommen versagen, wie sie es taten, als Hurrican Katrina 2005 New Orleans quasi vernichtete. Das war ja nur ein Hurrican der Stufe 2! Es ist erstaunlich, wie wir von einem „Wir-können-alles-Land“ zu einem „Wir-können-das-nicht-Land“ geworden sind. Bei unserer Geschichte ist es doch faszinierend, mit wie wenig wir uns plötzlich zufriedengeben: „That’s the best we can do.“

Besser geht’s halt grad nicht – so fühlt sich die amerikanische Gesellschaft jetzt?

Ja. Wir sind das einzige westliche Land, in dem die gesundheitliche Basisversorgung nicht per Gesetz für jeden verankert ist. Das Land, in dem mittlerweile 40 Millionen Menschen nicht versichert sind, ist nicht mehr das Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg den Marshall-Plan schuf, das zum Mond flog, das Polio ausgerottet hat, das so viel unternommen hat, um als Gesellschaft zu wachsen. Wir sind geteilte Amerikas geworden: Wenn du Geld hast, bekommst du dieses Level an Service. Und wenn du das Geld dafür nicht hast: Fuck you.

Durch Katrina waren 80 Prozent von New Orleans überschwemmt, ein Jahr nach der Katastrophe war die Stadt gespenstisch leer, selbst jetzt leben fast 20 Prozent weniger Menschen dort. Erholt sie sich wieder?

Die Menschen kämpfen darum, ihre Stadt wieder aufzubauen, und sie machen das ganz allein. Ein Großteil von dem Geld, mit dem die Stadt wieder errichtet werden sollte, wurde ja zum Fenster rausgeschmissen. Es gibt heute viele Leute in den USA, die einem Shit für Gold verkaufen. Irgendwann einmal haben wir daran gearbeitet, etwas aufzubauen. Jetzt schaut jeder, dass er möglichst viel selbst einstreifen kann. Aber in New Orleans gibt es Menschen, die einfach nirgends anders leben können. Sie wissen, was die Stadt für sie bedeutet und was diese Stadt für die Seele Amerikas bedeutet. Und sie wollen nicht, dass New Orleans stirbt. Sie sind zurückgekommen und halten durch und mit Tremé zeigen wir, wie Amerika sich selbst hilft.

Gerade von New Orleans heißt es doch, es sei nicht Amerika. Es sei viel freier, es sei etwas Eigenständiges.

Für mich ist New Orleans Amerika. Würde Amerika morgen einfach vom Globus verschwinden – was würde denn schon von uns bleiben? In hundert Jahren wird die Stärkung der Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg eine historische Anekdote sein. Wir können auch nicht behaupten, dass Hollywood unser großes Geschenk an die Menschheit ist. Das, was Amerika der Welt gegeben hat, das, was den amerikanischen Spirit ausmacht, ist afroamerikanische Musik. Von Rap über Jazz bis zu R’n’B und wieder zurück. Und all das kommt aus New Orleans, kommt aus einem vielleicht acht Blocks großen Stadtteil. Nirgendwo anders hätte das entstehen können und es geht hier immer noch weiter.

Oje, mir fiel als Allererstes Coffee to go ein.

Stimmt natürlich, was Produkte angeht, haben wir der Welt ganz schön viel gegeben! Aber auf der kulturellen Ebene? Das ist überschaubar. Ich habe das Gefühl, dass in den USA momentan alles Kulturelle auf dem Altar des freien Marktes geopfert wird. Jeder glaubt ja, der freie Markt habe etwas mit Freiheit zu tun. Aber ich glaube, was eine Republik von anderen Staatsformen unterscheidet, ist die Kombination von möglichst großer persönlicher Freiheit und gleichzeitiger Verantwortung. Das ist das, was wir verloren haben: zu wissen, dass mit großer Freiheit auch die Verantwortung größer wird. Niemand sagt das den Amerikanern, vor allem die Republikaner nicht. Deren Infantilität macht mich einfach nur noch sprachlos.

Die Wahrheit sagen – ist es das, was Sie mit Ihren Büchern und Serien schaffen wollen?

Na ja, ich mag es einfach, Geschichten zu erzählen. Und ja, weil ich aus dem Journalismus komme, möchte ich, dass meine Geschichten wahrhaftig sind. Ich habe aber nicht die Erwartung, dass sich dadurch etwas ändert. Mich interessiert es, mich der Welt anzuvertrauen, wie ich sie vor meinem Haus in Baltimore oder in New Orleans finde, ihre Probleme zu zeigen und auch, warum wir sie nicht angehen. Aber das sehe vielleicht nur ich so. Wahrscheinlich bin ich nicht besonders gut geeignet für die Entertainment-Industrie.

Von der unterscheiden Sie sich doch schon allein dadurch, dass es in Ihren Arbeiten kein klassisches Gut gegen Böse gibt.

Diese einfachen Moralspiele haben mich nie interessiert. Okay, ein paar Soziopathen habe ich als Journalist schon kennengelernt, aber es gibt nicht wirklich viele authentisch böse Menschen, genau so wenig, wie es viele wirklich durch und durch gute Menschen gibt. Die Soziopathen und die Heiligen machen also nur zwei Prozent der Menschen aus. Aber der Bereich dazwischen, der ist doch der spannende Teil. Hier ist die Gesellschaft, hier zeigt sich, wie Systeme wirken.

In den Systemen, wie Sie sie sehen, fehlt etwas total Amerikanisches: der Held.

Ich halte nicht viel von Helden, auch nicht in der Geschichtstheorie. Ich glaube nicht daran, dass es unsere Probleme löst, jetzt mal den richtigen Kerl für vier Jahre ins Amt zu wählen. Das klappt vielleicht, wenn wir bei unserer Wahl immer richtig liegen und zulassen, dass uns unser Held dann auch immer die volle Wahrheit sagen kann. Aber ich glaube nicht daran, auch wenn es im Entertainment scheinbar überall diese Regel gibt, dass es einen Protagonisten braucht, einen Henry VI, einen Richard III ...

... einen Helden halt – aber warum?

Weil es so einfach ist! Viel einfacher, als sich über systemische Fragen den Kopf zu zerbrechen!

Und jedes Mal aufs Neue frustrierend!

Egal! Es ist wahnsinnig beruhigend zu glauben, man müsse nur den richtigen Verbrecher fassen, dann gäbe es keine Drogenprobleme mehr. Oder man muss nur den Richtigen wählen, dann läuft alles wieder wie geschmiert. Das Problem an der Demokratie ist aber, dass sie nie einfach ist. Dass sie ein konstanter Kampf ist, bei dem es darum geht, dass ihre Institutionen nicht einrosten, sondern der Allgemeinheit dienen. Amerika verrostet gerade. Dass das nicht passiert, geht nur mit einer aggressiv freien Presse und Parteien, die vor den Wahlen tatsächliche Probleme diskutieren. Es gibt da einen guten Satz: Freiheit kann nie gänzlich gewonnen, aber sie kann verloren werden. Dass wir immer darum kämpfen müssen, hat viele Menschen erschöpft. Viele haben aufgehört, wirklich nachzudenken. Sie wollen das Denken einfach, sie wollen alles einfach. Die Unterhaltungsindustrie spiegelt das wider.

Es gibt aber Menschen, die schon allein damit gut zu tun haben, sich irgendwie über Wasser zu halten – okay, wenn die nicht ständig am System arbeiten?

Nein. Es hat ja einen Grund, dass der einfache Weg der einfache ist. Ich weiß nicht, wo genau da die Grenze liegt, aber es gibt einen Punkt, an dem ein System kippt, weil zu viele nur noch die Frage stellen: Wird es MIR in vier Jahren besser gehen, wenn ich den einen oder den anderen wähle? Wenn keiner mehr an das Gesamte denkt, dann war’s das mit uns. Ich mache mir Sorgen. Auch, weil es mit dem öffentlichen Schulsystem so bergab geht und dort die zukünftigen Wähler sind.

Vermissen Sie das Amerika, das zum Mond flog, das Supermacht-Amerika?

Den Status als Supermacht finde ich dann gut, wenn Amerika versteht, dass es seine Macht zügeln muss. Es gibt ein Projekt, das ich wahnsinnig gerne angehen würde, wenn wir mit Tremé durch sind. Es wäre ein riesiges Projekt, es würde Unsummen verschlingen, unzählige Locations benötigen. Ich würde dafür sterben, für HBO die Geschichte der CIA seit dem Zweiten Weltkrieg zu machen, von ihrer Gründung bis zum 11. September 2001. Amerika hatte der Welt nach dem Weltkrieg das beste Paket anzubieten: den freien Markt und eine sozialdemokratisch ausgerichtete Politik. Genau das hätten wir der Welt zeigen sollen, aber auf eine gütige Art. Stattdessen haben wir uns in der Außenpolitik oft so aufgeführt, dass wir uns im Nachhinein in den Arsch beißen mussten. Iran, Kongo, Guatemala – all diese Geschichten würde ich gerne erzählen. Wenn Sie in ein paar Jahren ein Fernsehprojekt mit dem Namen „Legacy of Ashes“ sehen, wissen Sie, dass alles gut gegangen ist.

Kann es sein, dass Sie gerade optimistisch klingen? Sie?

Ich bin pessimistisch, grundpessimistisch, was Amerika betrifft. Aber das heißt ja nicht, dass man aufgeben darf! Es gibt keine Würde im Aufgeben! Es gibt keine Alternative dazu, aufzustehen und sich für die Dinge einzusetzen, von denen man denkt, dass sie wichtig sind. Und mein Job dabei ist es, sGeschichten so zu erzählen, wie sie sind. Alles, was damit passiert, kann ich nicht kontrollieren. Das habe ich als Reporter gelernt: Tu, was du am besten kannst, hoffe auf das Beste und befürchte das Schlimmste. Und: Verschwende keine Zeit. Du hast nicht viel davon.
Erschienen im Herbst 2012
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