text - Jens Mühling
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Die   Insel   der   Muskelmänner
Es ist 40 Jahre her, dass zwei Freunde hier acht Schrauben in die Borke drillten und an der selbst gebauten Reckstange die ersten Riesenfelgen drehten.
Nicht weit von der Wasserkante entfernt, in Sichtweite der Bikinimädchen, die im Kiewer Sommer das Flussufer säumen, stehen zwei Pappeln. Zwischen ihnen, gut mannshoch über dem Boden, klemmt eine Eisenstange. Sie ist mit den Bäumen verwachsen, an ihren Enden haben sich knotige Holzgeschwüre gebildet. Es ist 40 Jahre her, dass zwei Freunde hier acht Schrauben in die Borke drillten und an der selbst gebauten Reckstange die ersten Riesenfelgen drehten, mit durchgestreckten Armen zwischen den Bäumen kreisend, herum und herum, bis sie die Blicke der Bikinimädchen spüren konnten.

Juri Kuk, langjähriger Mitarbeiter des Kiewer Instituts für Kybernetik, Spezialist für Supercomputer, ist inzwischen 66 Jahre alt. Seine Reckstange ist ihm mit der Zeit über den Kopf gewachsen, ähnlich wie die Bikinimädchen, die den pensionierten Mathematiker heute noch entschiedener überragen, als sie es damals schon getan haben müssen, denn groß war Kuk nie. Dafür war er stark. Unter seinem karierten Mathematikerhemd zeichnen sich noch immer massive Brustplatten ab, die erahnen lassen, dass dieser sanfte, leicht schafsäugige Rentner einst die Körperkraft eines Wolfs besaß.

Barren aus Heizungsrohren, Hanteln aus Felgen

Er verdankte sie nicht allein der Reckstange. Rund um die beiden Pappeln schraubte Kuk in den 70er Jahren bald allerlei anderes Gerät zusammen: Barren aus ausrangierten Heizungsrohren, Hanteln aus Autofelgen, riesige Stangengewichte, an deren Enden statt Eisenscheiben Industriezahnräder hingen. Vom Ufer aus bahnten sich die Geräte ihren Weg ins Innere der Dolobezkij-Insel, einem wasserumspülten Erholungspark, dessen länglicher Umriss in Kiew den Dnjepr scheidet. 40 Jahre lang wuchs und wuchs Kuks Athletenareal und heute bietet sich Spaziergängern, wenn sie die Dolobezkij-Insel betreten, ein einzigartiges Bild: Unter freiem Himmel erstreckt sich hier ein Bodybuilderparadies, das aus nichts als Schrott besteht.

Kuk führt stolz durch diesen Eisengarten, dem sich im Lauf der Jahrzehnte immer ausgefeiltere Kraftmaschinen beigesellt haben. Es ist ein sonniger Mainachmittag, ein vielstimmiges Quietschen liegt in der Luft, während ringsum monumentale Muskelmänner ihre Körper stählen. Konstrukte aus rostigen Bahngleisen verschieben sich im Takt kontrollierter Armbewegungen, ein krebsrot angelaufener Mann lässt einen rostigen Heizkörper auf- und abschnellen, ein anderer bewegt mit den Beinen das Gegengewicht eines Baukrans. Am freischwebenden Ende eines Stahlseils hebt und senkt sich ein Bündel aus unförmigen Metallteilen. „Panzerketten“, sagt Kuk trocken. „Fragen Sie mich nicht, wo ich die herhabe.“

Hochschullehrer, Bauarbeiter, DJs

Die Männer, die hier schwitzen, sind ähnlich bunt zusammengewürfelt wie die Bauteile ihrer Trainingsgeräte. Kuk kennt die meisten persönlich, fast im Sekundentakt schüttelt er Hände. Ein junger Mann mit solariumbraunem Kugelbizeps erzählt von seinem neuen Job als Hochzeitsfotograf, zwei Herren mit ergrauter Brustbehaarung schwärmen vom letzten Angelausflug. Seite an Seite trainieren hier Hochschullehrer und Bauarbeiter, Buchhalter und DJs, Rentner und Schüler. Was sie verbindet, ist die Lust an der frischen Luft – und ihr Geldmangel. Die Nutzung der Geräte kostet nichts, anders als in den neuen, schicken Sportstudios, die in den letzten zwei Jahrzehnten in Kiew aufgemacht haben. Leisten kann sich die nur, wer zur nicht sehr starken Mittelschicht gehört. Hier, auf der Dolobezkij-Insel, kann jeder mitmachen.

Spenden sind gerne gesehen, aber gefordert werden sie nicht. Wer will, kann ein paar Münzen dalassen, oder, noch besser, eine Stoßstange, den alten Rasenmäher von der Datscha, ein paar ausrangierte Autofelgen, was immer gerade übrig ist, Hauptsache, es wiegt was.

Kuk erntet dankbare Blicke, wann immer er über den Platz läuft. Ein Hüne klopft ihm anerkennend auf die Schulter. „Unser Juri!“, ruft er. „Feiner Kerl! Was der hier aufgebaut hat, ist einzigartig, ein solches Paradies gab es in der ganzen Sowjet nicht! Und ich muss es wissen, ich war damals ständig auf Dienstreise!“

Der Beginn von "Rus"

Einzigartig ist dieser Ort noch aus anderen, geschichtlichen Gründen, die erst auf den zweiten Blick etwas mit Juri Kuk zu tun haben. Hier nämlich, an den Ufern des Dnjepr, begann einst die Geschichte eines Reichs, das sich „Rus“ nannte, bevor es Jahrhunderte später in Russland und die Ukraine zerfiel. Es geschah 988 nach Christus: Wladimir, Großfürst von Kiew, entschied, die heidnische Vielgötterei seiner Untertanen durch eine zeitgemäßere Staatsreligion zu ersetzen. Er sandte Kundschafter aus, die ihm vom Glauben der umliegenden Reiche berichten sollten. Den Islam verwarf der Großfürst sofort, als er von der Alkoholabstinenz der Muslime erfuhr. „Das Trinken ist die Freude der Rus“, soll er gesagt haben. „Ohne das können wir nicht sein.“

Vielversprechender klang, was Wladimirs Kundschafter über die prächtigen Gotteshäuser von Konstantinopel berichteten, so dass der Großfürst am Ende den Christengott wählte, in seiner griechisch-orthodoxen Erscheinungsform. Seine Untertanen ließ Wladimir gesammelt im Dnjepr taufen, bevor er befahl, die heidnischen Holzgötter in den Fluss zu stürzen, die bislang den slawischen Himmel regiert hatten.

Ein knappes Jahrtausend später eroberten Lenins Bolschewiken die Macht und das Schauspiel wiederholte sich: Die alten Götter wurden gestürzt, ihre Ebenbilder landeten im Dnjepr. Statt Holzgötzen trieben diesmal entweihte Heiligenbilder im Fluss. „Alles ist Materie!“, riefen die Bolschewiken den Ikonen nach, bevor sie neue Götzenbilder aufstellten: Muskulöse Schweißer und Melkerinnen, Sinnbilder des neuen, sozialistischen Menschen, Stein gewordene Arbeitskraft.

Das sozialistische Steinideal

Als sich ein paar Jahrzehnte später Juri Kuk und seine Inselfreunde anschickten, ihre Körper dem sozialistischen Steinideal anzunähern, machten sie sich paradoxerweise ideologisch verdächtig. „Bodybuilding galt als bourgeoiser Sport“, erinnert sich Kuk. Der sowjetische Mensch sollte seine Muskeln im Dienst der Produktion stählen, nicht im zweckfreien Ringen mit der Schwerkraft. Als in den 80er Jahren die ersten nach westlichem Vorbild zusammengeschweißten Kraftmaschinen auf der Dolobezkij-Insel auftauchten, wurden sie kritisch beäugt.

Es war das Glück der Muskelmänner, dass der sowjetische Staat zu diesem Zeitpunkt seine allumfassende Macht bereits eingebüßt hatte. Er lag in den letzten Zügen, während ein neuer Gott die Herzen der Kiewer eroberte, ein Gott, der den Körper eines antiken Griechen und den Namen eines österreichischen Gendarmensohns hatte: Arnold Schwarzenegger. „Sein Bild hing in allen Spinden“, erinnert sich Kuk. „Er war unser Held.“
Dann brach die Sowjet zusammen, die Ukraine wurde unabhängig und wieder stürzte man die alten Götter: Die Stalin-Statuen verschwanden zuerst, dann die Denkmäler des bolschewistischen Chefpolizisten Felix Dserschinskij, auch Lenin wurde vielerorts demontiert. In den 20 Jahren, die seitdem vergangen sind, wurde in Kiew immer mal wieder über den Verbleib der gestürzten Denkmäler diskutiert, bis in guter alter Tradition der Plan gefasst wurde, sie dem Dnjepr zu überantworten. Weil aber Stein nicht schwimmt, beschloss man, die Statuen auf der Dolobezkij-Insel zu entsorgen, in einem „Park der sowjetischen Epoche“, der in unmittelbarer Nachbarschaft der Muskelmänner angelegt werden soll.

Die EM

Inzwischen ist der Plan ein paar Jahre alt und bis heute sind die Statuen nicht aufgetaucht. Warum, weiß hier niemand. Wie überhaupt kaum jemand durchschaut, was auf dieser Insel so vor sich geht. Auf beiden Seiten der Fußgängerbrücke stehen schrapplige Containerbauten, in denen sich Schaschlikrestaurants angesiedelt haben, Diskotheken, Spielhallen, Schießbuden. Kaum einer dieser Läden hat eine Betriebsgenehmigung, sie verdanken ihr Dasein dem kapitalistischen Wildwuchs der 90er Jahre. Immer mal wieder wurden einzelne Buden behördlich geschlossen, vor der EM riss man die Container zu Dutzenden ab. Um das Stadtbild zu verschönern, hieß es offiziell. Um dem Sohn des Präsidenten, einem Bauunternehmer, neue Geschäftsfelder zu eröffnen, munkelte man. An den Inselufern tauchten zeitgleich die ersten Luxuslandhäuser auf, deren Besitzer man nun in abgedunkelten Geländewagen durch den Wald fahren sieht, obwohl das Autofahren hier eigentlich verboten ist.

Auch für den Trainingsplatz gab es nie eine Baugenehmigung und manchmal sieht Juri Kuk Männer in Anzügen zwischen den Geräten herumschleichen, deren grundstücksgierige Blicke nichts Gutes verheißen. Meist sind solche Konflikte schnell gelöst. Die Jungs, die am meisten Gewicht auf die Waage bringen, schlendern einfach geschlossen zu den Anzugträgern herüber und fragen nach ihrem Anliegen. Ganz höflich, nur die Brustmuskeln lassen sie ein bisschen zucken. Die Anzugträger verschwinden dann in der Regel sehr schnell.

„Scheiß Spekulanten“, flucht Ljocha. „Zu Sowjetzeiten hätte man die an die Wand gestellt.“ Ljocha ist zu jung, um viel über die Sowjetzeit zu wissen, er war zehn, als die alten Denkmäler stürzten. Aber er hat so seine Meinungen, auch wenn sie ihm nur in explosiven Schüben über die Lippen gehen, denn meist hat er Besseres zu tun, als zu reden. Schweißen nämlich. Gerade hat er den „Ab-Flyer“ nachgebaut, ein Gerät, das er in einem US-Werbespot entdeckt hat, er holt sich seine handwerklichen Inspirationen meist bei YouTube. „Der Ab-Flyer ist der Durchbruch für dein Sixpack!“, heißt es da, während ein computeranimierter musculus rectus abdominis zum Waschbrett mutiert. Der dazugehörige Mensch kniet auf einer achsengelagerten Drehscheibe, die im Video elegant in alle Richtungen schwingt. „Plastikscheiß“, knurrt Ljocha. „Das Ding würde bei uns keine drei Tage überleben.“ Ljochas „Ab-Flyer“ wird von daumendicken Schweißnähten zusammengehalten, wer ihn benutzt, kniet auf einem durchgescheuerten Autositz, aus dem links und rechts der Schaumstoff quillt. Er ist keine Schönheit. Aber er macht stark.

Juri Kuk dreht schon lange keine Felgen mehr am Reck. Anders sein Freund Kasimir Jagelskij, der Kuk einst die Schrauben reichte, als zwischen zwei Pappeln der Grundstein für den Eisenpark gelegt wurde. Jagelskij ist inzwischen 80, sein Gedächtnis ein Sieb, aber die Riesenfelge hat er immer noch drauf. Er braucht nur ein bisschen Hilfestellung beim Start, dann wirbelt er seinen sehnigen Körper um die Stange. „Hoppa“, ruft er bei jeder Drehung. „Hoppa! Hoppa! Hoppa!“ Die Bikinimädchen sehen immer noch zu.
Erschienen im Herbst 2012
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