text - Philip Dulle
Fotos - mark glassner
Nie wieder Bonsai!
Er entkam dem Tiroler Gastgewerbe, wurde Österreichs zurückhaltendster Popstar und will eigentlich nur eines: auch einmal vorne stehen. Die Verwandlung des Hubert Mauracher in fünf Akten.
Vor vier Jahren ist Hubert Mauracher an einem Punkt angekommen, wo es für ihn kein Vor und kein Zurück mehr gab. Die Songs seines vierten Studioalbums waren im Kasten – die CD lag fertig am Tisch. Die beteiligten Musiker warteten nur auf das finale Okay des ruhigen Klangzauberers im Hintergrund – doch der wusste nicht mehr weiter. Irgendetwas fehlte ihm. Seine Vision der neuen Platte hatte sich von einem Soloalbum mit Gastmusikern zu einem Bandprojekt ausgewachsen; man ging gemeinsam ins Studio, feilte im Kollektiv an den Songs und am Ende erkannte Mauracher die Mauracher-Kompositionen kaum noch wieder.

Also weg damit.

Für seine vier Mitmusiker war das plötzliche Aus natürlich ein Schock. Auch jetzt, vier Jahre später, rührt Mauracher unruhig in seinem Kaffee, wenn er sich an damals erinnert. Die keimende Ungewissheit mussten auch seine Mitmusiker gespürt haben. Er brauche eben Zeit, um aus seiner Haut zu kommen. „Am besten funktioniere ich, wenn ich in keinerlei Konkurrenz stehe – wenn ich allein für mich arbeite. Ein Song entsteht bei mir aus einem Gefühl heraus und ich weiß dann bereits ziemlich genau, wie der Song klingen soll. Die Instrumente und Musiker, die ich für die Umsetzung brauche, hole ich mir dann ins Studio. Hätte ich das Album vor vier Jahren veröffentlicht, es wäre wohl in einer Katastrophe geendet.“

Gitarrenlinien zu zerstören zerstört Menschen

Zwei Jahre ließ er das fertige Material liegen, musste sich erst wieder davon distanzieren. Noch viel schwieriger war es, die bestehenden Songs zu zerstören. „Weil man nicht nur irgendwelche Gitarrenlinien zerstört, sondern auch andere Menschen.“ Menschen, die viel zur Entstehung eines Stücks beigetragen haben. Nach fünf Jahren gemeinsamer Arbeit trennte sich Mauracher von seiner Sängerin Maja Racki. Ein schmerzvoller Prozess für beide, wie er heute zugibt: „Wir haben gemerkt, dass wir uns gegenseitig nicht mehr gefördert haben. Wir begriffen lange nicht, dass das Gemeinsame in der Musik längst vorbei war.“

Auf „Super Seven“, seinem neuen Album, sind einige der alten Songs wieder aufgetaucht – einige davon sogar mit denselben Titeln. Aber das täuscht, Gesangsmelodien und Instrumentierungen sind neu. Es ist ein Verwerfen, dem nichts Verwerfliches anhaftet.

Hubert Mauracher hat wieder einmal begonnen, nach einer geeigneten Sängerin für seine Songs zu suchen – und vielleicht, gibt er heute mit einem Schmunzeln im Gesicht zu, ist das Arbeiten mit ihm auch gar nicht so einfach. Das liegt wohl daran, dass er so nett wirkt und so lange grübelt und nichts sagt, bis es zu spät ist (oder eben ein ganzes Album fertig eingespielt ist).

Es gibt noch Platz nach vorne

„Im hintersten Kopf will ich raus – ausbrechen aus meinem Schattendasein und nicht mehr im Hintergrund stehen. Aber irgendwas blockiert mich dann. Das ist ein Widerspruch, den ich in mir immer hin- und hertrage. Es gibt noch viel Platz nach vorne.“
Eigentlich gehe es ihm weniger darum, im Scheinwerferlicht zu stehen. Es gab eine Zeit, da war das Geldverdienen Motivation genug. Er wollte seinem Umfeld beweisen, dass er allein von seiner Leidenschaft leben kann.
„Irgendwann wurde aus der Musik aber ein Mittel zum Zweck und das Geld der größte Motivator.“

Geholfen hat ihm aus dieser Misere ein anderes Projekt. Ping Ping, ein rauschendes Synthie-Pop-Fest, das er 2010 gemeinsam mit der Sängerin und Produzentin Loretta Who als musikalisches Laissez-faire gegründet hat. Mauracher musste erst wieder lernen, Musik als pure Freude zu verstehen. Er verwertete alte Songideen und Soundschnipsel, die auf irgendwelchen Festplatten ihr Dasein fristeten; Ideen, die für seine Soloveröffentlichungen zu süß, zu verspielt erschienen.

Vor gut einem Jahr hat er zusammen mit der Sängerin und Gitarristin Sonia Sawoff wieder die Arbeit an seinem Album aufgenommen. Mit ihr verband der Soundtüftler keine Vorgeschichte, keine Scherben einer abgebrochenen Produktion. Stattdessen Leichtigkeit.

Das Tiroler Gastgewerbe

Die Rebellion im Kontext einer Kindheit und Jugend im Tiroler Gastgewerbe. Zwang war es im Falle Maurachers nicht, es gab schlicht und einfach keine Alternative. Der Zwillingsbruder übernahm die familieneigene Fleischhauerei und für Hubert blieb nur die Ausbildung zum Koch. Irgendwann sollte er dann den elterlichen Betrieb übernehmen. Unvorhergesehen begann er mit 17 Musik zu machen. Spielte Schlagzeug in einer Band.

Als Auflehnung gegen das Elternhaus und zur Flucht in eine andere Welt, mit spannenden Menschen und möglichst weit weg vom Einheitsbrei der Tiroler Tourismusküche. Richtig gastgewerbegeschädigt sei er damals gewesen. Nach seinem Umzug nach Wien wollte er partout nichts mehr mit seinem erlernten Beruf zu tun haben. Er setzte alles auf eine Karte, verschrieb sich ganz der Musik. Mit Funkbotendiensten am Fahrrad und anderen Stundenjobs hielt er sich zunächst über Wasser. Nur als Koch wollte er nicht mehr arbeiten, was er heute weniger dogmatisch sieht:
„Kochen ist dem Komponieren von Musik sehr ähnlich. Wenn man es gewissenhaft betreibt, ist es sogar derselbe Prozess: Man hat seine Zutaten, die Instrumente stehen für die Lebensmittel und im Kochtopf wird sinnbildlich ein neuer Song geboren.“

Musik wieder der Musik wegen

Paradox, dass ihm gerade seine Kenntnisse als gelernter Koch dabei geholfen haben, wieder einen Rhythmus im Leben zu finden. Seit drei Jahren kocht Mauracher viermal die Woche das Mittagsmenü für ein kleines Unternehmen, was ihm die Sicherheit gibt, Musik wieder ausschließlich wegen der Musik machen zu können. Zehn Jahre hat er nur von seiner Musik gelebt, jetzt kriegt er das Geld von anderswo.
„Der Erfolgsgedanke war mein ständiger Begleiter. Davon leben zu müssen. Geld verdienen zu müssen – irgendwann hat mir das dann selber keinen Spaß mehr gemacht, meinen Alltag dem Streben nach Erfolg und der Angst vor dem Flop unterzuordnen.“

Die Widersprüchlichkeit spiegelt sich auch in der eigenen Namensgebung wider. Obwohl Hubert Mauracher das Schattendasein gesucht hat, veröffentlichte er seine Songs von Anfang an unter seinem eigenen Familiennamen. Als er vor dreizehn Jahren nach Wien kam, wollte er sich eigentlich noch einen ganz anderen Namen geben. Das schlichte „Mauracher“ war ihm damals viel zu direkt. Seine Plattenfirma konnte ihn aber doch von der neuen Einfachheit überzeugen.

„Meinen Projektnamen von damals will ich eigentlich gar nicht ausplaudern. Man spürt einfach, wie klein ich mich damals gefühlt habe.“ „Dürfen wir es dennoch erfahren?“
„Mittlerweile ist es mir eigentlich egal. Ich wollte mich damals Bonsai nennen ...“

„Wie bitte?“

„Bonsai. Keine Ahnung, wie ich auf diesen Blödsinn gekommen bin. Mein Plattenlabel hat mich Gott sei Dank davon abgehalten.“ Merke: Nicht jeden Ratschlag einer Plattenfirma soll man in den Wind schlagen.

Flugplatzstunden

Mit dem Erfüllen eines Jugendtraumes hat sich Mauracher vergangenes Jahr ein weiteres Stück neue Freiheit zurückerobert. Er hat den Flugschein für Privatpersonen gemacht und verbringt jede freie Minute auf einem Flugplatz im südlichen Burgenland. „Ja, ganz genau, mit diesen kleinen Flugzeugen, die ständig runterfallen.“ Obwohl für die Anzahl der Flugbewegungen ja relativ wenig passiere, spricht er sich Mut zu. „Es sind halt auch viele Idioten unterwegs, wie überall.“ Das Fliegen hat ihn schon immer fasziniert. Als Kind die Modellfliegerei, später hat er sich nächtelang am Flugsimulator am Computer versucht – und irgendwie ist er nie mehr so richtig davon losgekommen.

„Fliegen ist eine der wenigen Sachen, wo ich meinen Kopf total freimachen kann – auch von der Musik. Beim Fliegen muss ich hundertprozentig bei mir sein.“
So nebenbei geht gar nichts, wenn man nicht abstürzen will. Dabei liegt für ihn der Reiz – aber auch die Schwierigkeit, manchmal Nein sagen zu müssen und mit beiden Beinen am Boden zu bleiben.

Bitte keine Vergleiche mit Felix Baumgartner.

37 ist nicht 30 und nicht 25.

Mauracher macht das nichts. Manchmal macht er sich unabsichtlich ein Jahr älter und schenkt sich dadurch wieder ein Jahr. Er findet, dass sein Leben stets ausgefüllt war; dieses Streben nach neuen Herausforderungen und der Versuch, genau das zu machen, was man gerade will. Auch wenn es dann einmal nicht funktioniert.

So auch der neue Albumtitel „Super Seven“. Die Zahl sieben, die für ihn symbolisch für das Leben steht. 2012 war für ihn ein bedeutsames Jahr. Zuerst ein Todesfall in der Familie, zeitgleich die Gewissheit, dass er Vater wird, und schließlich ein Album.
„Der Start auf der Rollbahn ist wie der Moment, bevor man die Bühne betritt. Dieser kurze Kick, bevor man den Gashebel nach vorne drückt und ganz genau weiß, dass jetzt nichts mehr schiefgehen darf. Man kann es noch so oft geprobt haben – aber man weiß nie, was wirklich passieren wird. Das ist das Spannende beim Fliegen wie in der Musik. Das Fliegen hat sich auch auf das neue Album ausgewirkt – die Musik ist schwebender geworden.“
Ganz in den Mittelpunkt will sich Mauracher auch auf seinem neuen Album „Super Seven“ immer noch nicht stellen. Seine Besetzung hat er von anfangs acht Musikern zunächst auf fünf und dann weiter auf drei reduziert. Die sanfte Zurücknahme seiner Mitmusiker gibt ihm genug Raum, um nicht wieder Gefahr zu laufen, sein eigenes Projekt aus den Augen zu verlieren.

Auf der Bühne steht das Trio jetzt in einer Linie. Hubert Mauracher ist in die erste Reihe vorgerückt. Er scheint mit sich im Reinen zu sein.
Erschienen im Herbst 2012
Share