collage - benjamin koffu

 

             Das ultimative Interview

Es soll ja Menschen geben, gar nicht so wenige übrigens, die behaupten, dass der ÖVP-Chef und Außenminister Michael Spindelegger in Interviews eher hölzerne Antworten gibt. Für diese Ausgabe, bei der wir nur am Strand rumlagen und wirklich viel Zeit hatten, haben wir uns alle Spindelegger-Interviews angesehen und können nun mit Recht sagen: Blödsinn. Herr Spindelegger gibt keine hölzernen Antworten. Man müsste ihm nur die richtigen Fragen stellen – so wie wir bei diesem Interview zur Lage des Sommers.
Sie seien im Urlaub, heißt es aus dem Ministerium. Wo haben wir Sie am Telefon erreicht, Herr Vizekanzler?

Michael Spindelegger: Ich bin gerade in Kroatien.

Wie lange bleiben Sie?

Wir werden das von den Entwicklungen in den nächsten Tagen abhängig machen.

Man sagt Ihnen nach, dass Sie mit Vorliebe in Italien unterwegs sind.
Wieso diesmal Kroatien?

Nach vielen Gesprächen und nach viel Zuspruch aus der ÖVP habe ich mich entschlossen, es zu machen. (...) Letztlich zählt nur die Frage, ob man sich dazu in der Lage sieht und ob man die nötige Unterstützung dafür hat. Beides ist notwendig, und ich habe mich entschlossen, nachdem ich beides bejahen konnte.

Weg vom konservativen, hin zu einem offeneren Urlaubsverhalten ...

Konservativ heißt, dass man auf Kontinuität und Werte setzt, aber in der Umsetzung pragmatisch ist, das heißt, aus Fehlern lernt und Veränderungen vornimmt, wo es nötig ist.

Mit Fehlern meinen Sie zum Beispiel den Club-Aufenthalt in Rimini im Vorjahr.

Ich maße mir nicht an, im Nachhinein zu sagen, dass das alles schlecht war. Es war das, was damals möglich war. Von heute aus betrachtet, war es aber zu wenig.

Wegen diesem All-Inclusive-Urlaub haben Sie scharfe Kritik geerntet. Ideenlosigkeit wurde Ihnen vorgeworfen. Sie hätten am falschen Eck gespart, meinten andere. War die Entscheidung zur Pauschalreise eine falsche?

Das sind Maßnahmen, die auch von allen mitgetragen wurden. Ich habe das im Parteivorstand und in meinem Klub zur Abstimmung gestellt und habe eine einhellige Zusicherung zum Gesamtpaket bekommen. (...) Aber auch hier gilt: An der Intention dieser Sparmaßnahmen darf sich nichts ändern.

Sie gelten als gewissenhaft. Wie lange im Voraus planen Sie Ihre Urlaube?

Eineinhalb Jahre.

Was, wenn trotz Planung etwas danebengeht?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass das gelingt. Wenn nicht, haben wir 2013 ein ganzes Jahr Zeit, uns im Notfall etwas anderes zu überlegen.

Böse Überraschungen kann es aber immer geben ...

So wie Sie nicht ausschließen können, ob das Wetter nächste Woche freundlich, sonnig oder Schneefall sein wird.

Jetzt im Sommer können wir Schneefall am Mittelmeer aber schon ausschließen.

Das ist aus meiner Sicht unmöglich.

Sie reisen mit Familie. Lastet da nicht großer Druck auf Ihnen?

Für mich ist wichtig, die Erwartungen, die es einfach auch gibt, jetzt zeitnah zu erfüllen. Nämlich die Erwartung, dass jeder wissen will, wie er selbst betroffen ist. (...) Wichtig ist doch, dass wir bald ein Ergebnis liefern. Und die Zeit kommt jetzt, dass dieses Ergebnis einfach auch bekannt werden muss, und dass man miteinander – und da stehe ich dazu –, dass man miteinander das auch präsentiert.

Klingt nach viel Arbeit für Ihre Frau und Sie.

Fad ist mir nicht geworden. (...) Das Schwierigste war, alles unter einen Hut zu bringen. (...) Das kann sich niemand vorstellen, was das für eine Aufgabe ist.

Aber prinzipiell herrscht Einigkeit über zukünftige Urlaube?

Man kann sich über Kleinigkeiten natürlich noch unterhalten, muss man auch. Wir haben auch noch einen kleinen Fehlbetrag, den wir noch schließen müssen. Ich unterschätze diese Arbeit nicht.

Wo werden Sie Ihren Herbsturlaub verbringen?

Es wird für viele eine große Überraschung sein.

Sie verraten es noch nicht?

Ich glaube, dass Spanien gute Chancen hat. Wir werden sehen.

Es ist also noch nicht fixiert?

Ich sage Ihnen noch einmal, man kann das ja relativ leicht aufklären und ich habe es gerade getan.

In Zukunft sollen auf Ihre Anregung Regierungsmitgliedern keine Beamten mehr zur Seite gestellt werden, um bei den Urlaubsvorbereitungen zu helfen. Haben Sie sich da nicht ins eigene Fleisch geschnitten?

Die Sorge habe ich nicht, jetzt müssen einmal tatsächlich Nägel mit Köpfen gemacht werden. Ich habe das bewusst vorgeschlagen, weil wir in dem Sektor auch schon 2012 etwas sparen können. Wir müssen dadurch die Arbeit anders verteilen. Das ist eine organisatorische Herausforderung für jeden Minister, wenn er nicht entsprechend neue Mitarbeiter zur Verfügung hat.

Wie geht es damit weiter?

Unsere Ebene ist die letzte. Davor muss es viele andere Maßnahmen der einzelnen Minister geben, damit wir dieses ambitionierte Ziel erreichen. Wir haben uns darauf geeinigt, in einer Arbeitsgruppe Vorschläge zu entwickeln, wie das gehen kann. Jeder Minister wird in seinem Ressort die nötigen gesetzlichen Schritte vorbereiten müssen.

Was sagen Sie Kollegen, die an den bequemen, alten Gepflogenheiten nichts ändern wollen?

All jene, die an ihren Privilegien festhalten, müssen den Ernst der Lage erkennen. Wir müssen jetzt den Turbo einschalten, daran führt kein Weg vorbei. Es ist höchste Zeit, dass wir die nötigen Strukturmaßnahmen setzen, um uns den nötigen budgetären Spielraum zu schaffen, damit wir wieder durchatmen können.

Anderes Thema: Hotels, Apartments, Cluburlaub, Camping. Sie haben in Ihrem Leben viele Unterkünfte gesehen. Wo wurde Ihren Ansprüchen am wenigsten Genüge getan?

Bei den Pensionen etwa.

Da geht es Ihnen wie vielen anderen. Wie könnte man kleine Pensionen für die breite Masse wieder interessant machen?

Das, was wir brauchen, ist ein echte Bonus-Malus-System für die gesamte Pension. Das heißt, wer früher geht, muss eben auch damit rechnen, dass er Abschläge (...) zu gewährleisten hat und auf der anderen Seite, wer länger (..) bleibt, soll auch einen entsprechenden Bonus haben.

Gerade Großbritannien leidet mit seiner Bed&Breakfast-Tradition unter den Ressentiments gegen Pensionen. Sehen Sie als Außenminister die Gefahr einer anhaltenden Abwärtsspirale?

Ich glaube, dass auch dort wieder die Vernunft Einkehr halten wird. (...) Die Stimmung gegen Großbritannien ist nicht gerade in Europafreundlichkeit unterwegs. Aber nichtsdestortotz, wir müssen in Europa ein klares Signal senden – auch mit Großbritannien.

Es besteht also Handlungsbedarf.

Ja, die Maßnahmen müssen bereits 2013 greifen. Wir müssen ein konsequentes Bonus-Malus-System bei den Pensionen einführen, sonst läuft das aus dem Ruder.

Auch in Griechenland gibt es massive Probleme im Tourismussektor. Sie wollten dort ja gerade ein Ferienhaus renovieren. Man hört von Problemen mit der griechischen Baupolizei. Sagen Sie uns, wie es darum steht?

Da droht uns keine besondere Überraschung. Die Herausforderung (...) ist, ein klares Szeanrio zu zeichnen, wo die Konstruktionsmängel liegen und wie wir sie beseitigen können.

Es geht also voran?

Die Arbeiten laufen auf Hochtouren. (...) Aber es waren harte Wochen, weil oft auch bei mir der Eindruck entstanden ist, dass man es nicht ganz ernst meint. Man sagt nicht, was geht, sondern nur, was nicht geht, darum gab es auch Phasen, wo die Verhandlungen nahe am Abbruch waren.

Was passiert im Falle des Worst-Case-Szenarios, wenn sich die griechischen Behörden doch noch querlegen?

Dann gibt es eine neue Situation, die wir nicht vorhersehen können. Letztlich müssen die Griechen selbst über ihre Zukunft entscheiden. Manche Parteien dort geben den Eindruck wieder, wir werden die Konditionen neu verhandeln. Das halte ich nicht für realistisch.

Wenn es aber doch so weit kommt?

Wenn es keine Erfüllung der Verpflichtungen gibt vonseiten Griechenlands, dann wird es dramatisch. Gar keine Frage. Aber ich gehe davon aus, dass jeder weiß, was er zu erfüllen hat. Und ich sehe es so, dass der Ball jetzt einfach im griechischen Spielfeld liegt. Dort muss jetzt einmal geliefert werden. 

Haben Sie schon einmal an die Option gedacht, gemeinsam ein Ferienhaus anzumieten und so Kosten zu sparen? Vielleicht mit dem Kanzler?

Ich lade alle dazu ein, werde keine Häme über andere verbreiten, aber erwarte mir schon, dass sie einmal inhaltlich Stellung nehmen, ob sie sich das auch vorstellen können oder nicht.

Fahren Sie eigentlich außer mit Ihrer Familie auch mit Freunden in den Urlaub?

Das sind handverlesene Leute. (...) Ich stehe zu meinen Leuten.

Gerade in Regionen, in denen gerne Österreicher urlauben, werden Sie viele erkennen und beobachten. Wie wichtig ist Ihnen das Urlaubsoutfit? Kombinieren Sie zum Beispiel Sandalen und Socken?

Das wäre ein schlechter Stil und sehr befremdlich. 
Der Bundeskanzler wurde im Vorjahr mit Sandalen und Socken am Strand gesehen ...

Das ist schlechter Stil. Ich werde mit ihm darüber reden. Ich halte nichts davon, wenn man sich in einer Regierung über Kampagnen gegenseitig etwas ausrichtet.

Auch ihr Vorgänger soll im Urlaub mit Vorliebe die „Deutsche Sandale“ getragen haben.

Nein, das hat er nicht. Die Lage ist jetzt nicht anders als unter Parteichef Josef Pröll. (...) Diesen Eindruck möchte ich, was die ÖVP betrifft, zerstreuen.

Warum zieht es Sie eigentlich immer wieder ans Mittelmeer? Was gefällt Ihnen am Durcheinander an den überfüllten Stränden?

Eine besondere Rolle spielt der Dialog der Kulturen und Religionen (...) Österreich hat hier eine traditionelle Rolle.

Wird es Ihnen nicht manchmal zu viel, wenn Sie beim Urlaub in Italien oder etwa Kroatien nur Landsleute um sich haben?

Dass wir in diesen beiden Ländern stark vertreten sind, ist ja altbekannt. Das ist eine Stärke von uns. 

Sind Sie dafür, dass österreichische Speisen wie Wiener Schnitzel aus den Küchen italienischer Badeorte verbannt werden? 

Das kann ich mir und will ich mir vor allem nicht vorstellen.

Touristen aus anderen Ländern beschweren sich zunehmend darüber. Vor allem die Italiener selbst.

Da kann nicht einer auf Kosten der anderen versuchen, seine nationalen Befindlichkeiten besser zu bedienen. 

Wie wollen Sie das verhindern?

So ein gravierender Eingriff, dass es eine Gesamtänderung der Bundesverfassung wäre, ist das nicht. Wir werden ja jetzt die Vertragstexte ausarbeiten, es wird dazu der Verfassungsdienst, das Völkerrechtsbüro auch seine rechtliche Beurteilung vorlegen, inwieweit das der Fall ist oder auch nicht. Ich glaube, man kann sich auch durchaus einmal vorstellen, eine Volksabstimmung über einen Prozess in Österreich durchzuführen, wenn das wirklich eine grobe Veränderung auch unserer Souveränitätsrechte ist. In diesem Fall sehe ich das aber nicht.

Um die österreichische Vorherrschaft an den Stränden der Adria müssen wir uns also keine Sorgen machen?

Ich sehe sie nicht in Gefahr. Sie ist ein Projekt, das gut aufgestellt ist und es würde uns gar nichts bringen, würden wir das jetzt alles zerreden, sondern wir müssen, ganz im Gegenteil, dafür sorgen, dass der Rahmen steht.

Würden Sie als Außenminister anderen Österreichern raten, nach einer durchzechten Nacht in Italien Leitungswasser gegen den Durst zu trinken?

Man soll daran riechen, aber man soll es nicht trinken.

Jetzt sind Sie ein Vizekanzler, der beinahe ausschließlich im Ausland urlaubt: Hat das nicht eine komische Optik, sollten Sie nicht hin und wieder in Österreich Ferien machen?

Wir haben uns mit den Ländern geeinigt. Da gibt es ein von Landeshauptmann Voves im Namen aller Landeshauptleute aufgesetztes Schreiben, in dem genau festgelegt ist, unter welchen Bedingungen die Länder das akzeptieren.

Aber ein bitterer Beigeschmack bleibt.

Jetzt lassen wir einmal die Kirche im Dorf. Für mich ist das nicht das wesentliche Thema. Und ich verstehe nicht, warum Medien immer die anderen Themen so ins Zentrum rücken.

Gut. Als treuer Adria-Urlauber sind Sie doch sicher des Italienischen mächtig. Dürfen wir abschließend Ihre Sprachkenntnisse testen? Was heißt „Buona Sera“ auf Deutsch?

Schönen guten Abend.

Richtig. Und was wünscht Ihnen ein Italiener, wenn er am Frühstücksbuffet „Buon Giorno“ sagt?

Einen schönen guten Morgen!

Einen haben wir noch: Was bedeutet „Grazie“?

Danke schön!

Herr Vizekanzler, danke für das Gespräch.

Sehr gerne.
Quellen:
Die Presse vom 23.04.2011 / Ö1 Mittagsjournal vom 26.04.2011 / Vorarlberger Nachrichten vom 12.05.2011 / Oberösterreichische Nachrichten vom 14.05.2011 / Kurier vom 19.05.2011 / Österreich vom 22.05.2011 / Report vom 12.07.2011 / Kurier vom 17.07.2011 / Ö3 Frühjournal vom 19.07.2011 / Kurier vom 05.09.2011 / Ö1 Mittagsjournal vom 12.09.2011 / Die Presse vom 16.11.2011 / Österreich vom 27.11.2011 / Ö1 Morgenjournal vom 12.12.2011 / ZiB 2 vom 05.01.2012 / Ö3 Mittagsjournal vom 09.01.2012 / Neue Vorarlberger Tageszeitung vom 15.01.2012 / Vorarlberger Nachrichten vom 26.01.2012 / Ö1 Morgenjournal vom 06.02.2012 / Kleine Zeitung vom 12.02.2012 / Oberösterreichische Nachrichten vom 16.02.2012 / NÖN Landeszeitung vom 27.02.2012 / Ö1 Morgenjournal vom 27.02.2012 / Österreich vom 08.04.2012 / ZiB 2 vom 18.04.2012 / WirtschaftsBlatt vom 15.06.2012


Erschienen im Sommer 2012
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