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text - markus huber
Fotos - david payr
Ab in den Süden!
Frau Merkel und die FAS, Banker und liberale Leitartikler, alle, wirklich alle dreschen im Moment auf den Süden ein (sogar Herr Spindelegger, aber das nur am Rande). Und das, obwohl wir den Süden früher doch so gernhatten. Was ist da bloß schiefgelaufen? Mit anderen Worten: Warum in aller Welt haben wir die gesamte Fleisch-Redaktion für diese Produktion nach Lignano verfrachtet?
Ein bisschen Theorie gefällig?

Er hat es nicht leicht, der Süden, das kann man ihm beim besten Willen nicht vorwerfen, vor allem nicht jetzt. Die Griechen sind am Ende, die Italiener knapp davor. Wie sich die Portugiesen über Wasser halten, wissen höchstens die Rettungsschwimmer von Faro, und hätten die Spanier nicht ihren Fußball, dann: pfuh. Wahrscheinlich würden sie ihre Köpfe in Sangria-Kübel tauchen und erst dann wieder herausnehmen, wenn sie wieder ihren Fußball hätten.

Nein, er hat es wirklich nicht leicht, der Süden. Er wird verhöhnt, verlacht, verachtet; dauernd, von allen und jedem, vor allem von Menschen, die es sich leisten können, aber nicht nur von denen: Von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und der Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde zum Beispiel, die dem Süden wöchentlich Dinge übers Erwachsenwerden erzählen; oder von Bankern und Hedgefonds-Managern, die wiederum darauf wetten, dass der Süden nie erwachsen wird. Selbst die sonst so ernsthaften Kollegen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ließen sich Mitte Juni dazu herab, eine infame Frage zu diskutieren: „Ist der Süden überhaupt noch tragbar?” Dass die Speerspitze der Bewegung ausgerechnet Volker Weidermann bildete, der netteste Literaturkritiker der Menschheitsgeschichte, ein Kritiker, der in seinem literarischen Leben noch nie einen Literaten kritisiert hat und selbst im Werk von Paulo Coelho Nobelpreisverdächtiges finden würde, dass ausgerechnet er also gegen den Süden loslederte, machte die Gemeinheit noch gemeiner.

Der Süden ist am Ende.

Er steht, auch wenn das geografisch nicht tragbar ist, komplett im Eck. Zumindest imagemäßig. Und um jetzt mal eine FAS-mäßige Frage zu stellen: Wie zur Hölle konnte das passieren?

Keine Sorge, wir wollen jetzt keinen volkswirtschaftlichen Exkurs starten, denn was die Griechen und ihre südeuropäischen Kumpels in der Vergangenheit so alles getrieben haben, lesen wir sowieso überall. Wir wollen jetzt auch nicht auf Kulturpessimisten machen, nichts von heruntergekommenen Kulturdenkmälern erzählen, nichts davon, dass niemand mehr die Wiege von Demokratie und Europa würdigt, wir sind ja nicht „Die Welt“. Und schon gar nicht wollen wir uns darüber beschweren, dass die Zahl der Graecisten in Österreichs Gymnasien zurückgeht und „Latein” für Österreicher mehrheitlich die Eindeutschung einer englischen Vokabel ist: Ein Wort, das entweder in Verbindung mit „Lover“ gebraucht wird – oder von Mirjam Weichselbraun, wenn sie bei Dancing-Stars die nächste Hüftwackelei von Frenkie Schinkels ankündigt.

Es ist Sommer, also pfeifen wir auf Bildungsbürgertum.

Aber gerade im Sommer war uns doch der Süden so viele Jahre so unglaublich nahe.

Wir fuhren hin und fanden alles toll. Das Essen, das so gut schmeckte. Die Menschen, die so gut aussahen und obendrein auch noch Geschmack hatten. Wir mochten ihr Design, ihre Möbel und ihre Architektur. Wir mochten Benetton und, die Älteren von uns, Fiorucci, wir mochten Alfa, vor allem die älteren Modelle, und wenn wir ein Motorrad wollten, dann unbedingt eine Ducati. Und wenn wir mal träumten, dann kam darin vielleicht ein Ferrari vor. Und vielleicht auch Ornella Muti. Gut möglich, dass wir uns dafür genierten, aber wir fanden ja auch Jovanotti gut. Und Teufel noch mal – natürlich auch Adriano Celentano. Wir mochten die Südeuropäer, vor allem die Italiener. Und vor allem mochten wir auch ihren Lebensstil. Okay, es kam uns vielleicht ein bisschen komisch vor, dass diese Südeuropäer ein bisschen lange Mittagspause machten. Aber andererseits: Bis vor nicht allzu langer Zeit hatten wir auch dafür Verständnis. Es war ja wirklich heiß da unten, uns selbst hat ja schon fast der Weg vom Strand ins Strandcafé überanstrengt, weswegen wir die Liege und den Sonnenschirm lieber nicht räumen wollten.

Und außerdem hatten sie dafür am Abend ja auch lange offen, die Benetton- und Zara-Shops, die Gucci-Läden und Camper-Stores, die Calzedonias und Desiguals.

Wir waren Fans, wir waren Freunde, und nicht nur einer von uns dachte sich, spätestens auf der Autobahn oder beim Check-in in Santorin, dass er später, dann in der Pension, doch ein bisschen länger bleiben würde.

Und jetzt? Jetzt soll der Süden nicht mehr tragbar sein?

Und mit ihm alles, was wir früher so charmant, so toll, so mediterran fanden? Wir mochten es doch viele Jahre, dass die Griechen alles an der Steuer vorbei verrechneten oder die Italiener sich mehr für Wet-Gels interessierten als dafür, ob der Alfa unterm Hintern wegrostet oder nicht. Sah ja auch wirklich gut aus, der Alfa, und in Italien rosten die Kübel sowieso nie, weil sie dort einfach keine Winter kennen.

Es hat sich was geändert, und das liegt gar nicht so sehr an den Südeuropäern, denn die haben sich kaum geändert. Okay, der aktuelle italienische Ministerpräsident feiert keine Partys mit Minderjährigen, aber ansonsten sind sie immer noch: ein bisschen zu laut, ein bisschen zu aufgeblasen, aber im Grunde lässig. Nein, es liegt eher an uns. Denn wir sind es, die plötzlich andere Role-Models haben. Angela Merkel zum Beispiel, diese strenge Oberlehrerin. Wir fürchten sie zwar und lachen darüber, dass sie sicher in den Keller lachen geht – aber im Grunde hoffen wir, dass sie diesen südeuropäischen Ulknudeln ihren südeuropäischen Spaß austreibt. Und ehrlich: Wer könnte das besser als sie?
An dieser Stelle könnten wir ein bisschen ins Kulturgeschichtliche abdriften, wir könnten Merkels protestantische Erziehung in Mecklenburg-Vorpommern (Wo zur Hölle liegt das eigentlich und wer will dort Urlaub machen, Anm.) hervorkramen und lospsychologisieren. Wollen wir aber nicht, weil: Sommer.

Stattdessen halten wir lieber den Ball flach.

Wir ziehen den nächsten Protestanten vor den Vorhang, der uns seit Jahrzehnten sagt, was wir gerade gut finden sollen und was nicht: Tyler Brulé, den umtriebigen Kanadier. Seit Jahrzehnten gibt der Mann Design-Bibeln heraus, zurzeit Monocle, das Zentralorgan des transatlantischen Stil-Darwinismus. Und auch er sagt: Pfeift auf den Süden! In der aktuellen Ausgabe listet Monocle zum Beispiel die 50 lebenswertesten Städte der Erde auf. Die erste südeuropäische Stadt in dieser Aufzählung ist Madrid – und sie rangiert auf Platz 20. Angeführt wird die Liste von Zürich, Helsinki und Kopenhagen. 

Zürich? Helsinki? Kopenhagen? 

Wollen wir dort wirklich leben? 

Tyler Brulé sagt: Ja, unbedingt! Okay, der Mann hat etwas über für das Nordische, bis vor kurzem besaß er sogar ein Ferienhaus in den Schären vor Stockholm, und auch das ist eine Idee, auf die man erst einmal kommen muss, vor allem im Winter. Aber besonders perfid wird das Ranking, wenn man Brulés Begründung liest: Für die Top-Drei spricht seiner Ansicht nach nämlich, dass es dort so herrlich mediterran zugeht. 

Der mediterrane Norden.

Wir sollen Nordeuropa mögen, weil es dort so herrlich südeuropäisch zugeht? Das klingt verwegen, stimmt aber trotzdem irgendwie: Wer bestellt heute in Wien noch eine Melange, wenn er selbst in der Vorstadt-Dschumse Café Latte haben kann? Wer nimmt in Berlin ein Kännchen Kaffee, wenn es seit Jahren Galao gibt? (Das gleiche Prinzip, Espresso mit Milchschaum, nur portugiesisch.) Noch dazu, wo dank Nespresso & Co der Kaffee sogar in der eigenen Küche schon so schmeckt wie in einem italienischen Autogrill? Auf den Biomärkten kaufen wir Prosciutto und Pecorino, bei Spar verkauft uns Mirjam Weichselbraun ganz natürliche Instant-Paella und in Wien-Leopoldstadt haben wir mittlerweile Lokale, in denen die Pizza exakt gleich schmeckt wie in Napoli, was daran liegt, dass der Pizzabäcker nicht mehr aus Ägypten kommt – sondern, erraten, aus Napoli. Jeder, der auf sich hält, fährt heute mit einer Vespa durch die Stadt und wenn er besonders cool sein will, prangen auf seinem Helm die italienischen Farben. Und seit selbst Bezirkshauptstädte Sand an irgendeinen neuralgischen Punkt ihrer Fußgängerzone schippern, Campari-Sonnenschirme aufstellen und dazu Aperol Spritz verkaufen, haben wir auch den größten geografischen Nachteil gegenüber den Mittelmeerstaaten weggeschafft: Sogar Steyr hat mittlerweile seinen Beach. Dass den Stadtstränden das Meer fehlt, ist übrigens vernachlässigbar. Aus der Strandbar gehen wir ja auch nicht ins Wasser. Und obendrein ist es bei uns weniger heiß. 

Und vielleicht ist das das größte Problem, das der Süden derzeit hat: Er hat sich zu Tode gesiegt. Er hat uns überzeugt, uns so weit beeinflusst, dass wir den Süden gar nicht mehr brauchen, um uns wie in Südeuropa zu fühlen. Weil wir unsere Städte zu Hochburgen des Mediterranen gemacht haben, nur ohne Bettenburgen und Strandverkäufer. Und manchmal ist uns das so täuschend echt gelungen, dass wir uns sogar selbst für Südeuropäer halten, und das soll jetzt wiederum kein Querverweis auf den parlamentarischen U-Ausschuss sein. 

Aber vielleicht ist das alles ja auch eine Täuschung. Für dieses Heft wollten wir mal nachschauen, wie es im originalen Süden wirklich so ist. Kurz vor Druckbeginn sind wir deshalb mit der ganzen Redaktion dorthin gefahren, wo alles begann. Dorthin, wo wir Österreicher meistens zum ersten Mal den echten Süden erlebt haben. 

Und jetzt ist mal Schluss mit der Theorie. Süden – wir kommen!

 

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