text - Yannick Gotthart
Fotos - david payr
Hä?
Dauernd mit der Redaktion rumzuhängen kann ganz schön nerven. Nach drei Tagen im Auto, am Pool und am Strand hatte unser Redakteur genug und wollte endlich wieder ein bisschen Tiefgang erleben. Also zog er los, durch die Nacht von Lignano, um eine Frau zum Reden zu finden. Es ging ihm dabei um die großen Fragen.
D ie Blanoo’s Bar ist ein Tuning-Opel mit Unterbodenbeleuchtung. Dunkelblaues Licht flutet die Sitzecke, die Stehtische und die schönen Italienerinnen, die sich keine Blöße geben und nicht tanzen, nicht einmal zur Musik wippen. „Wie ist es überhaupt möglich zu denken, ohne zu tanzen? Wie kann man verstehen, was unser Dasein ausmacht, ohne diese rhythmische Bewegung?“, hätte Nietzsche gefragt, wenn er mal ins Blanoo’s gekommen wäre. Aber nach allem, was man bisher weiß, führten ihn seine Recherchen nicht bis Lignano.

Dabei hätte er hier noch etwas über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn lernen können, aber hallo. Darüber sollte man eine Diskussion führen, am besten sofort.
Vielleicht mit einer der beiden blonden, bepferdeschwanzten Österreicherinnen, am dritten organisch designten Plastikstehtisch von links? 13 cm hohe Absätze, die Kleider kurz, eng und pfirsichfarben. Ein weiterer Wodka Red Bull würde sicherlich helfen, eine gemeinsame Basis zu finden, sagen wir so: Das ganze Leben ist ein Flöten- und ein Zitherspiel und dithyrambischer als im Blanoo’s geht es kaum noch, oder?
Schnell zur Bar.

Bei Blanoo’s stehen die Gäste bis auf die andere Straßenseite, die Schlange an der Bar ist lang, zu lang. Als ich das Getränk in Händen halte, sind die addiert 52 cm Absätze davongeklappert. Nur noch attraktive Italiener da. Keine Spur von einer Kärntnerin oder Südsteirerin, von denen es tagsüber am Strand wimmelte. Die Sprachbarriere zu den Italienerinnen ist unüberwindlich, wenn man richtig reden will wie ich. Lasciatemi parlare, versteht ihr?

Vielleicht halten sich in dem futuristischen Club, der am Ende des Steges aus dem Meer ragt, Frauen aus dem südostdeutschen Sprachraum auf.
Nein, leider.

Mamacita Mamacita

Alles ein bisschen ernüchternd hier, wie Lignanos Sommerhit 2012: „Mamacita Mamacita taktaktak, Mamacita Mamacita udududud“. Den sollte man auch besprechen.
Alles nicht so einfach.

Bei Jolly’s Pizza & Döner beginnt sich das Blatt zu wenden. Ein halbes Dutzend Kärntnerinnen befüllt sich gerade mit Pommespizza und macht dabei einen intellektuell aufgeschlossenen Eindruck. Ich entscheide mich für Moretti-Bier und die Frage: „Was also ist die Wahrheit?“ Sollten meine Gesprächspartnerinnen wider Erwarten neopositivistisch abblocken, werde ich mit Nietzsche dagegenhalten. Bam!

Leider gleitet mir der Spickzettel aus der Hand und ein leichter Windstoß bläst ihn unter den Tisch der Mädchen. Mit ihm verlässt mich mein Selbstbewusstsein. Als die Gruppe aufsteht, fische ich das Papier unter dem Tisch hervor und nehme die Verfolgung auf.
Die fröhliche Mädchenrunde verschwindet hinter den schweren Stahltüren des Drago Beachclubs. Hier dominieren synthetischer Stretch, kunstblond und Hüftspeck. Dies muss der richtige Ort für deutschen Idealismus sein.

Ich frage: „Was ist die Wahrheit?“ Keine sagt was. Wahrscheinlich Junghegelianerinnen. Daher muss ich selbst mit Feuereifer antworten: „Eine Summe von Metaphern, Anthropomorphismen, kurz: Ein bewegliches Heer von menschlichen Relationen.“ Doch oh, welche Schmach: Im Eifer ist mir ein schrecklicher Fehler unterlaufen. Es muss natürlich heißen: „Ein bewegliches Heer von Metaphern, Anthropomorphismen, kurz: Ein Summe von menschlichen Relationen.“

Niederlage!

Die vernichtende Stille und menschliche Verzweiflung in ihren Gesichtern hält nur kurz an. Dann übt das rechts sitzende Mädchen zu Recht subjektivistische Kritik: „Mir ist so schlecht.“ Beide verlassen daraufhin den Ort des Geschehens, als sei nichts passiert.
So ein Fehler darf mir im Drago-Club nicht mehr unterlaufen. Nicht hier im späten 80er-XXXLutz-Striptease-Ambiente. Die abgeranzten runden Sofaecken und ihre dunkel gemusterten Polster verleiten zum Infragestellen des Supremats des Signifikanten. Dafür ist die verspiegelte und selbstreflexiv von Spiegelsäulen getragene Tanzfläche sicherlich einfach zu reinigen.

In vielleicht bewusst kybernetischer Pose versuchen drei junge Philippinas mit ihren Spiegelbildern an den Säulen zu tanzen.
Zwei Sofas weiter tauchen die zwei Mädchen von vorhin wieder auf. Die eine, der es vorhin nicht schlecht geworden ist, winkt mich zu sich herüber. Ich begrüße sie adäquat mit Marx: „Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen bringen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt.“ Sie möchte nicht tanzen, erwidert sie und erwartet wohl meinerseits mehr Einsatz. Noch während ich überlege, wie ich das Missverständnis mit der bildlichen und der konkreten Ebene der Aufforderung zum Tanz aufklären könnte, ohne auf meine vorbereiteten Zettel zu schielen, nähern sich zwei junge Italiener. Einer von ihnen kippt mir sein Bier von hinten in den Schuh, entschuldigt sich dafür aber sofort aufrichtig. Es könnte tatsächlich ein Versehen gewesen sein. Die Mädchen interessiert mein nasser Schuh gar nicht, sie scheinen schlicht begeistert von der Ankunft der beiden. Die Problematik der versteinerten Verhältnisse bleibt vorerst ungelöst.

Das Mohrhuhn im Drago-Club

Die wenigen Österreicher im Drago-Club hängen im Raucherbereich neben einem mit Mohrhuhn-Abbildungen gestalteten Spielautomaten namens „Venus“ herum und scheinen heute nicht mehr sprechen zu können. Am Klo finden sich noch zwei einigermaßen fitte Kollegen der Wiener Neustädter Schule. Rank und schlank, wie sie das Bundesheer geschaffen hat, stehen sie vor dem Spiegel und diskutieren den Verlauf des Abends, während sie ihre Kurzhaar-Gel-Frisuren ein weiteres Mal aufrichten. Dann entscheidet sich der Müdere der beiden, ein Kyniker, den Abend zu analysieren: „Ich sag’s dir ganz ehrlich, die eine von dir ist echt eine richtig geile, scharfe Sau, aber ich werd’ halt paniert, jetzt.“
Ein Wendepunkt des spätnächtlichen Geisteslebens im Tagliamento-Delta.

Werde ich diesen Diskurs noch einmal aufnehmen können? Wieder draußen aus dem Klo steht da eine gar nicht so unattraktive Brünette an der Wand. Ich stelle mich neben sie, hole meine Zigarettenschachtel heraus, erinnere mich daran, dass man nicht rauchen darf, stecke sie wieder weg und sage: „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Das menschliche Sein definiert sich durch sein Verhältnis zum Nichts. Es ist nicht das, was es ist, und es ist das, was es nicht ist, denn der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich selbst verneinen kann.“ Zumindest vermute ich, dass ich in etwa das gesagt habe.

Zum ersten Mal in dieser Nacht bekomme ich eine Reaktion, die auf das von mir Gesagte vollinhaltlich eingeht: „Freiheit ist mir sehr wichtig“, antwortet sie und anstatt mir ihren Namen zu sagen, stellt sie sich mit ihrem Herkunftsort vor, der in Oberösterreich liegt, dessen Namen ich aber leider akustisch nicht verstehe. Dann erfahre ich, dass er in der Nähe eines größeren Ortes liegt, den ich wiederum nicht kenne und darum sofort wieder vergesse. Ziemlich unvermittelt fordert sie mich nach der circa zweiminütigen Konversation über Orte in Oberösterreich auf, ihr ein Bier auszugeben.
Ich muss sparen und verschwinde.

Die Eine

Plötzlich, zwischen den Schildern mit den Aufschriften „Red Bull – 6 Euro“ und „Knutschfleck – 5 Euro“, fällt mir ein Mädchen auf. Sie trägt weder hohe Schuhe noch Kreolen, dafür eine Brille, und ihre Gesichtszüge sind von Drago-Club-untypischer Zartheit. Mit ihr will ich in die Postmoderne vordringen. „Da die Spur kein Anwesen ist, sondern ein Simulacrum eines Anwesens, das eigentlich nicht stattfindet, gehört das Erlöschen zu ihrer Struktur“, will ich sagen. Stattdessen schaffe ich nur noch: „Die Welt der Worte ist obligatorisch und Worte sind es auch“, was ihr ein leicht bellendes „Bist du aus Wien?“ entlockt. „Ja!“, sage ich voller Überzeugung, obwohl das nur halb der Wahrheit entspricht. Ich glaube, es geht ihr mehr um ein abstraktes Narrativ von Wien, das sie in mir sieht und das ich ihr zuliebe erfüllen möchte.

Es scheint ihr schwerzufallen, den Kopf gerade zu halten, er fällt immer wieder zur Seite. Dann sagt sie: „Ich würde lieber schmusen als reden.“
Ein neuer Gedanke.

Erschienen im Sommer 2012

 

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