text - martina bachler
Fotos - david payr
Auf der Flucht
Paulo Coelho ist der Mann der großen Gefühle. Der Mann der Weisheit, der Sinnsuche und der Hilfe für alle Lebenslagen. 16 Bücher hat er bisher geschrieben und damit sogar Bücherregalen einen Sinn gegeben. Bei Diogenes sind nun alle 16 Bände erhältlich. Martina Bachler hat sich durchgekämpft. Am dafür besten Platz der Welt – am Strand.
Der Strand von Lignano ist ein Ort, an dem man vor jeglicher Prominenz sicher ist. Keine Stars, keine Sternchen, nicht einmal Politiker oder ehemalige Fußballspieler treiben sich hier herum, denn wenn überhaupt, dann zieht es die ein bisschen weiter in den Süden nach Jesolo. Tausende Menschen also, aber niemand, den man kennt.
Wobei, der Mann da vorne? Wenig, aber schön weiches, grau meliertes Haar? Ein langärmeliges, beiges Leinenhemd? Und dann auch noch Bewegungen von in sich ruhender Geschmeidigkeit? Ist das nicht Paulo Coelho?

Nein. Es ist, siehe oben, unwahrscheinlich, dass der Autor Paulo Coelho ausgerechnet hier urlauben sollte und noch unwahrscheinlicher, dass er ausgerechnet vor mir in der Schlange um Kaffee ansteht, gerade dann, wenn ich eines seiner Bücher in der Hand halte. Andererseits, so viel habe ich bis jetzt schon verstanden: Bei Coelho ist so ungefähr alles möglich.

Paolo Coelho belügt man nicht

Ist er es also doch? Dreht er sich um? Was wird er sagen, wenn er das Buch sieht? „Hello, you know it’s always embarrassing to say something like that, but I see you’re reading one of my books, actually, it’s one of my best!” Und was würde ich dann sagen? „I can’t say much, I’ve just started reading, but it is a pleasure to meet you.”
Eher nicht. Denn man belügt Paulo Coelho nicht, man beschwindelt ihn nicht und ich glaube, mit Paulo Coelho diskutiert man auch nicht. Einem Mann, der über hundert Millionen Bücher über den Sinn des Lebens verkauft hat, kann niemand etwas vormachen.
„I see. You are not there yet, but you are on your way”, höre ich ihn sagen, und dass mein Kopf jetzt Sätze denkt, die sich ein Coelho bestimmt verkneifen würde, ist Grund genug, mir die Sonnenbrille auf die Nase zu schieben, so unauffällig es geht über den brennheißen Sand zu laufen, die gesummte Bossa-Melodie aus meinem Ohr zu drängen und mir zu versichern, dass es sich dabei um keinen Akt der Selbstverleugnung handelt. Warum? Weil Coelho ...?
Er steigt mir jetzt schon ins Gehirn.

Lignano, Strand Nummer 4

Unterm Sonnenschirm I12 ist es kühler und ruhig. Ich gieße Wasser auf meine Füße. Auf dem Klappstuhl liegt die Tasche mit den Büchern. Es müsste schon mit ganz üblen Dingen zugehen, dass Coelho mich hier findet, Lignano, Strand Nummer 4. Aber dennoch: Besser, „Brida“ und die Sonnenbrille verschwinden unterm Strandkleid auf der Liege, ich gehe ins Meer und schwimme. Nach ungefähr 100 Metern meldet sich das schlechte Gewissen: Ich habe ja zu tun, ich habe Coelho zu lesen, den Autor für all diejenigen, die nicht so sehr auf Vampire, Killer oder Zauberer aus sind, sondern auf ein bisschen Erkenntnis. Ein bisschen Balsam für die Seele.
Es ist Samstagnachmittag und ich bin erst bei Buch Nummer drei.

Zwei Stunden für Brida

Die Digitalanzeige auf dem Strandcafé, wo vorhin der vermutliche Paulo Coelho wartete, zeigt 30.5° C, dann 23.06 und schließlich 17.05. Einigermaßen konzentriert habe ich „Brida“ also in ziemlich exakt zwei Stunden hinter mich gebracht, genauso lange brauchte ich auch für die beiden anderen Bücher, und weil ich irgendwo gelesen habe, dass Coelho seine Bücher in durchschnittlich zwei Wochen schreibt, scheint mir das ein faires Verhältnis. Es wäre auch schneller gegangen, denn Sprache und Handlung sind einfach gestrickt. Es wäre bestimmt auch langsamer gegangen, denn von den Tausenden Zeichen und Symbolen haben sich mir mangels magischer Vorbildung wahrscheinlich nur die wenigsten erschlossen.

Bis zu diesem Wochenende habe ich noch keines von Coelhos Büchern gelesen, ohne das je ausgeschlossen zu haben, so von wegen Coelho, das geht ganz und gar nicht, igitt, wäh, Esozeugs. Ohne groß darüber nachzudenken, hat mich Coelho genauso wenig interessiert wie Lucky Luke, alles von Marlene Streeruwitz und Andrea Maria Dusl, Der Herr der Ringe oder die Simenon-Reihen. Sie alle in einen Topf zu werfen, dient nur dem Zweck, meine relativ unvoreingenommene Gleichgültigkeit gegenüber Coelho zu bekräftigen. Auch vor mir selbst, auch wenn ich jetzt wieder die samtene Bossa-Stimme höre, die, wenn ich sie richtig verstehe, davon singt, dass der Mensch nur dann wahrhaft frei sei, wenn er zu seinen Gefühlen stehe.

Oder so.

Brida jedenfalls, die rot gelockte Irin, die mit Anfang 20 bemerkt, etwas Besonderes zu sein, und zwar eine Hexe, hat mich exakt auf Seite 14 das erste Mal fragen lassen: Was ist denn so schlecht an dieser friedlichen Koexistenz zwischen mir und den ungelesenen Coelho-Büchern gewesen, dass ich sie freiwillig aufgeben wollte? Brida nervt, und es nervt auch die Vorstellung, dass Millionen Menschen Brida toll finden und natürlich nervt noch mehr, dass der Großteil dieser Millionen Menschen Frauen sind, von denen ich sogar einige kenne. Vielleicht stimmt das aber gar nicht, denn egal, ob Mann oder Frau – fast jeder, den ich danach gefragt habe, hat schon einmal etwas von Coelho gelesen, hat sich schon einmal unterhalten lassen wollen oder hat einfach sehen wollen, was die Coelho-Welt hergibt und was man daraus für sein eigenes kleines Leben so mitnehmen kann.

Der Jakobsweg, der Alchimist. Es flutscht.

Bei Brida ist das Folgendes: Kuhäugige Naivität, das Grün der irischen Wälder, Mondlicht auf blasser Haut, der alte Meister und die junge Schülerin und das Geschwafel von der Macht, die eine Frau erst durch das Ausleben ihrer Sexualität erlangen könne – mit allen fünf Sinnen! All das nervt und nervt über 250 Seiten so sehr, dass jede Analyse völlig zwecklos ist.
Nicht, dass das jetzt gänzlich überraschend gekommen ist.
Und, zugegeben, ein bisschen habe ich mich sogar darauf gefreut, dass sich die übelsten Vorurteile bestätigen werden und der Seelenflüsterer Coelho, mit dem quasi die ganze Welt inklusive Bill Clinton ganz eng verbunden ist, mir nichts sagt, so richtig gar nichts.

Aber bei „Auf dem Jakobsweg“ und „Der Alchimist“ kam ich erstaunlich gut durch. Ich bin mit Coelho nach Santiago de Compostela gegangen, habe in komischen „Schenken“ übernachtet und seltsame Rituale vollzogen, ich habe zwar nicht verstanden, warum sein „Meister“ ihn irgendwann verlässt, war aber zum Zurückblättern zu faul. „R.A.M. nachschlagen“, notierte ich, bevor ich zu „Der Alchimist“ überging und den Hirtenjungen Santiago auf seiner Suche nach dem Goldschatz begleitete, unter klare Nachthimmel, in die Wüste Ägyptens, zur „Liebe seines Lebens“, in Kirchen und an einen Nicht-Ort namens „Weltenseele“. Einmal sprach sein Herz mit ihm, dann der Wind und die Sonne, und all das fand ich total okay.

Toll, dachte ich nach dem Lesen, das ist das erste Märchen, das ich mir merken werde. Voller Überzeugung, alles Wichtige ohnehin zu behalten, notierte ich, dass ich den Cocco-Bello-Mann zum ersten Mal hörte, als ich auf Seite 36 war, und zum zweiten Mal exakt 100 Seiten später. Dass am Strand ankommende Pensionisten untereinander die genau gleichen Scherze machen wie wir: „Also, wo sind jetzt hier die Discos?”

Aber jetzt, etwas mehr als zwei Stunden später, sind da ja auch noch Brida, der vermutliche Coelho, die samtene Bossa-Stimme im Ohr und der Ärger, der sich nicht so einfach ignorieren lässt wie der kurze Schauer, den die Wolken seit Stunden angekündigt haben. Ich glaube, ich habe mich hereinlegen lassen, wahrscheinlich, weil ich eine Grundsympathie für das Gehen habe und ein Kindheitsmanko, das aus der totalen Verweigerung aller Märchen besteht. Aber von wegen eins werden mit Millionen von Leserherzen, so weit ist es nicht gekommen. Die wirklichen Mysterien sind andere, vor allem am Strand: Wie gelingt es, Pfirsiche und Wassermelonen zu essen, ohne sich selbst, seine Handtücher und den Sand zu versauen? Haben Sie vielleicht auch dafür einen Merksatz parat, Herr Coelho?

Schutzengel. Würgeengel.

Okay, das sind keine guten Voraussetzungen, um ein Buch mit dem Titel „Schutzengel“ zu lesen, in dem sich Coelho gar nicht erst die Mühe macht, Coelho hinter einem Protagonisten mit einem anderen Namen zu verbergen. Ich besinne mich meiner Aufgabe und versuche es am Strand, im Straßencafé und während die anderen den Ablauf des Abends besprechen. Ich versuche es nach dem Nachhausekommen und gleich nach dem Aufwachen am Sonntag. Ich quäle mich im Sitzen, Stehen und Liegen – es gelingt einfach nicht. Auf Seite 136 gebe ich auf. Nimm das, Kosmos! Schnall dich an, Universum!

Ich wollte wissen, was das Lesen von Coelho-Büchern mit mir macht, und Sonntagmittag ist die einfachste Antwort darauf: Es macht einsam. Der Rest der Redaktion recherchiert und fotografiert, ich wandere dem Schatten nach und das ist weniger kontemplativ, als es klingt. Am Strand von Lignano ist niemand allein. In der ganzen Stadt ist niemand allein, und niemand außer mir liest Coelho. Ich hatte ursprünglich gehofft, dass das anders wäre. Gerne hätte ich erfahren, wie jemand anderer über diese Bücher denkt, vielleicht wäre das sogar jemand gewesen, der tatsächlich glauben kann. Und ich hätte jemand Sätze vorlesen und Wetten auf seine Reaktion abschließen können: „Welches sind die drei Voraussetzungen, um mit dem Engel zu sprechen?‘, fragte Paulo noch. ‚Einen Pakt brechen. Eine Vergebung annehmen. Und eine Wette eingehen‘, antwortete Valhalla.“ Na, dann wollen wir mal besser nicht wetten.

Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte. Nicht.

Stattdessen versetzt mich „Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte“ in eine Melancholie, gegen die ich mich nicht eine Sekunde lang wehre. Von solchen Titeln können sich die ganzen Sinnsuch-Epigonen etwas abschauen. „Ich bin dann mal weg“? Bah, Kinderkram. Worum es geht, ist nebensächlich, es geht um die Liebe und wieder will jemand erleuchtet werden und ein Priester wird doch nicht Priester und zwei Menschen sind total früh schon füreinander bestimmt, brauchen aber Zeit, um die „Zeichen“ zu erkennen. In meinem Kopf entstehen Bilder in Ocker, Türkis und Schwarzblau, schöne Farben, die aber am Strand von Lignano naheliegend sind. Wie alles bei Coelho, der seit meinem Willensakt beim „Schutzengel“ nicht mehr in mein Ohr zurückgekehrt ist. (So ein Farbflächenkopf ist viel leichter zu ertragen.)

Wie beim Laufen kommt man auch beim Dauerlesen an den Punkt, an dem alles wie von selbst geht, und zwei Stunden später klappe ich „Der Fünfte Berg“ zu, esse ein Eis und bin guter Dinge. Bisschen Bibel, bisschen Gut und Böse und Verrat und Sühne, bisschen Krieg und eine grausliche Steinigung.

Bisschen Krieg, bisschen Bibel, bisschen Steinigung

Nicht einmal die Farben musste ich wechseln und langsam bestätigt sich, dass Coelho wie ein schlechtes Chinarestaurant arbeitet, das alle Gerichte in dieselben zwei Saucen tunkt. Auch das „Handbuch des Kriegers des Lichts“, eine Sammlung von Übungen und Ratschlägen, die denjenigen, die Krieger des Lichts werden wollen, bestimmt gute Dienste erweist, weil sie wahrscheinlich wissen, was das sein soll, ein Krieger des Lichts. Im Limbo des Nachmittagsschlafs sehe ich Ausschnitte aus Sandalenfilmen, in denen sich sehr viele Frauen und Männer auf das Kommando Coelhos in ein Abenteuer stürzen.

Huch! Immer wachsam sein, steht da zum Glück irgendwo, und sofort laufe ich ins Wasser, laufe durch die Ebbe, bis etwas auf mich zukommt, das mit viel gutem Willen als Welle durchgeht, und stürze mich hinein.

Nicht einlullen lassen! Leute zur Wirtschaftskrise befragen! Nicht das Hirn verleugnen aus Angst davor, dass niemand das Herz sieht, das sich eh rührt, wenn ein Kleinkind auf einem Handtuch eine Viertelstunde lang über die schleckeisbedeckte Zunge lacht, die sein Vater ihm entgegenstreckt! Nicht in Befehlen denken!

Veronika beschließt zu sterben

Bei „Veronika beschließt zu sterben“ bin ich fast schon zu müde, um mich wirklich über den Plot, diese furchtbaren Frauenfiguren und die Pseudojetztzeitigkeit zu ärgern, weil das Ganze in einer psychiatrischen Klinik im Ljubljana der frühen Neunziger Jahre spielt. Bei „Der Dämon und das Fräulein Prym“ bin ich ständig versucht, die Dämonen der früheren Bücher hineinzumischen, und als ich, wahrscheinlich aufgrund dessen, dass der Roman in den spanischen Bergen spielt, an Handke denken muss, bin ich knapp davor, mich zu bekreuzigen. Ich hole mir stattdessen an der Liege einen blauen Fleck und beschließe, dass das alles nicht sehr gesund sein kann.

Bei „Elf Minuten“ bin ich schon fast wieder in Wien, froh, wieder zurück zu sein, und froh, dass sehr bald das große Geschenk einsetzen kann, das man sich selbst macht und so selten würdigt: Das Vergessen.

Und jetzt ist es so weit.

Erschienen im Sommer 2012

 

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