text - Franziska Gerstenberg
Illustration - Philipp Hanich
Henning hatte einen, als er so alt wie Marta war
Einen Kurzhaardackel, er hieß Schmitti. Als Henning wegging, blieb der Hund dort. Während des Studiums hätte sich Henning nicht ausreichend kümmern können, es war später schwierig genug, immer jemanden zu finden, der auf Marta aufpasste. Schmitti ist gestorben, ohne wieder bei Henning gelebt zu haben, Henning hat sich das nie verziehen.
Welpen

Mit vierzehn trägt sie ausschließlich Schwarz und Rot, sie ist lebendig, denkt: Ich bin ja kein Kind mehr. Sie kommt von der Schule nach Hause und wirft die Tasche in ihr Zimmer, dann geht sie ins Bad, sortiert die Wäsche, Schwarzes zu Schwarzem, Rotes zu Rotem, sie muss plötzlich an den Großvater denken, den Vater ihrer Mutter, der jetzt schon seit vier Jahren tot ist. Beim Großvater hing auf der Toilette, an der Wand neben dem Spiegel, eine alte, gerahmte Werbung für Toilettenpapier: Zartes braucht Zartes. Der Rücken einer Frau, im Spitzenunterhemd, der Po ist nackt. Über der weißen Spitze, lockig, blond, ein Zopf. Der Zopf hat Marta als Kind immer an die Haare ihrer Mutter erinnert. Sie hat in ihrem Leben den Großvater öfter gesehen als die Mutter selbst. Sie kann sich besser an die Haare der Frau auf dem Werbeplakat erinnern als an die Mutter. Schwarzes zu Schwarzem, Rotes zu Rotem, Zartes zu Zartem, die zarten Dinge ins Wäschenetz: das dünne Lieblings-T-Shirt des Vaters, Martas Bügel-BHs. Sie weiß schon lange, wie man die Waschmaschine anstellt, hat ihr eigenes System entwickelt, die Wäsche auf dem Wäscheständer zu verteilen, der eigentlich zu klein ist. Und sie weiß, wie die Wäsche am besten trocknet: Bevor Marta ins Bett geht, dreht sie all die Pullover, Hosen, Unterhosen auf dem Wäscheständer einmal herum. Dann bekommt auch die noch nasse Seite Luft – und am Morgen kann Marta die Wäsche zusammenlegen und in den Schrank räumen, nur Jeans muss sie manchmal noch eine Stunde über die Heizung hängen.

Sie hat bereits gekocht, als Henning von der Arbeit kommt. Es ist ihr lieber so. Sie hört, wie er die Tür aufschließt, aufstößt, mit viel Schwung, die Tür schlägt gegen den Schuhschrank. „Boah, war das ein anstrengender Tag“, ruft Henning im Flur, „boah, habe ich mir jetzt meinen Feierabend verdient!“ Sie hört, wie er im großen Zimmer eine Runde im Kreis läuft, um sich zu beruhigen, um etwas, ein winziges bisschen von seiner überschüssigen Energie loszuwerden. Dann kommt er zu Marta in die Küche, die vom Wohnzimmer abgeht. „Hallo Papa“, sagt sie. Sie schält gerade eine Apfelsine. Er legt ihr von hinten die Hand auf die Schulter und drückt einen Kuss auf ihre linke Wange. Er öffnet die Tür des Backofens, wedelt mit der Hand, verbrennt sich einen Finger am Metall, schnuppert. Dabei hätte er, denkt Marta, einfach das Licht im Ofen anmachen können, dann sieht man den Kartoffelauflauf durch die Glasscheibe. Sie kippt das Fenster, damit die Dampfschwaden abziehen. „Warum hast du denn“, fragt Henning, „schon gekocht? Ich wäre doch dran gewesen, es sollte Fisch geben.“ „Ich war früher zu Hause“, sagt Marta, „und ich will noch zur Mathe-AG, mit Kerstin.“
Sie lehnt sich mit dem Rücken gegen die Anrichte und sieht zu, wie Henning ein Bier aus dem Kühlschrank nimmt. Der Kronkorken rollt unter den Tisch, wo er liegen bleibt. Marta betrachtet ihren Vater, er ist nur einen halben Kopf größer als sie – wenn sie noch wächst, kann sie bald auf ihn hinunterschauen. Henning, kompakt, stämmig; es steckt eine Menge Kraft in ihm. Er trainiert die Fußballmannschaft ihrer Schule. Marta betrachtet den roten Kopf ihres Vaters, den Schweiß auf der Stirn, der hohen Stirn; an den Seiten und am Hinterkopf sind die Haare dick und widerstandsfähig, aber die Strähnen in der Kopfmitte wirken immer fusseliger. Sie betrachtet Hennings Wangen und denkt nicht zum ersten Mal, dass sie an die eines Hundes erinnern.
Ihre Freundinnen beneiden sie um diesen Vater, der noch so jung ist, erst Mitte dreißig, der beliebt ist. Als er sie mal mit Bier erwischt hat, hat er beide Augen zugedrückt. Wenn Marta und ihre Freundinnen zusammen mit Martas Vater eine DVD anschauen, liegen an seinem Platz hinterher die meisten Chipskrümel.

Während sie essen, erzählt er von seinem Tag. Er ahmt dabei die Kollegen nach, Mike, den englischen Übersetzer mit den spinnenbeinartigen Fingern, Rosie-Anne, die in der Firma die Organisation macht und die Aufträge verteilt. Rosie-Anne hat mit Henning gewettet, ob es dieses Jahr Weihnachtsgeld gibt. Wenn es welches gibt, lädt Rosie-Anne Henning in sein Lieblingsrestaurant ein. Wenn es kein Weihnachtsgeld gibt, darf Henning natürlich nicht noch zusätzlich bestraft werden: Er muss Rosie-Anne nur eine Bockwurst am Kiosk ausgeben. „Diese Rosie-Anne ist ja blöd“, sagt Marta, „die weiß nicht, wie man wettet!“ Henning lacht mit vollem Mund. „Wenn du Weihnachtsgeld bekommst und im nächsten Jahr die Gehaltserhöhung“, fragt Marta, „ziehen wir dann endlich um? Ich will ein größeres Zimmer!“ Henning schiebt sich das letzte Kartoffelstückchen in den Mund und kaut. Er legt das Besteck auf den Teller, auf dem gehackte Zwiebeln, Soße, Reste vom geschmolzenen Käse kleben. „Wenn ich die Gehaltserhöhung bekomme“, flüstert er und schließt dramatisch die Augen, „kaufe ich mir einen Hund.“ Marta steht auf. Das Thema ist so alt … Wenn sie noch einmal, noch ein einziges Mal darüber reden muss, wachsen ihr Pickel auf der Zunge.

Henning hatte einen, als er so alt wie Marta war. Einen Kurzhaardackel, er hieß Schmitti. Als Henning von zu Hause wegging, blieb der Hund dort. Während des Studiums hätte sich Henning nicht ausreichend kümmern können, es war später schwierig genug, immer jemanden zu finden, der auf Marta aufpasste. Schmitti ist gestorben, ohne wieder bei Henning gelebt zu haben, Henning hat sich das nie verziehen.
„Du hast auch jetzt keine Zeit“, sagt Marta, sobald ihm einfällt, dass er unbedingt wieder einen Hund haben muss. „Du kannst ihn nicht mit in die Firma nehmen. Er ist den ganzen Tag allein zu Hause, es bleibt alles an mir hängen.“
„Nein“, sagt Henning dann, mit einem, denkt Marta, ganz bestimmten Ton in der Stimme: als wäre Henning selbst ein Hund, als hätte ihm Marta gerade das Futter unter der Nase weggezogen. „Nein, natürlich gehe ich mit ihm spazieren!“
Er weiß genau, was für einen Hund er haben will, keinen Kurzhaardackel diesmal, den hatte er sich ja auch nicht selbst ausgesucht, nein, einen Beagle. Henning weiß alles über Beagles. „Jagdhunde“, sagt er, „lauffreudig und robust, die sind ein bisschen wie ich.“ Er hält Marta Vorträge über die richtige Widerristhöhe – 33 bis 40 Zentimeter beim ausgewachsenen Hund – und darüber, wieso ein Weibchen besser zu ihm passt. Er zählt die Farbvarianten auf, tan and white, red and white, lemon and white, tricoloured. „Beagles“, sagt Henning, „landen oft in Versuchslaboren, sie sind verfressen, man muss ihnen nur ein Stück Wurst geben, sie gehen mit jedem mit …“
„Damit kriegst du mich nicht!“ Sanfte traurige Tieraugen sind Marta egal. Es ist nicht so, dass sie Hunde nicht ausstehen könnte oder ängstlich wäre, sie will nur keinen haben. Sie hat ja schon ihren Vater. Bei dem Gedanken muss sie kichern. Ihr stärkstes Argument ist die Allergie: Als sie zehn war, merkte sie, dass sie krank wurde, sobald sie ihren Großvater besuchte. Marta hat das Plakat auf dem Klo angestarrt, Zartes braucht Zartes, und sich an den Taschentüchern die Nase wundgeputzt. Sie bekam schlecht Luft, der Hals kratzte und tief in den Ohren fühlte es sich an, als wüchse Marta innerlich ein Fell. Mit zwölf schaltete sie ihren Verstand ein. Wann traten die Symptome denn noch auf? Bei welcher Freundin zu Hause? Gab es eine Verbindung? Mit dreizehn ließ Marta sich testen und hat seitdem das Ergebnis schwarz auf weiß: Sie ist allergisch gegen Katzen.
„Gegen Katzen“, sagt Henning, „nicht gegen Hunde.“
„Es ist eine Tierhaarallergie. Ich kann bei allen Tieren mit Fell Probleme bekommen.“
„Du kannst, du musst nicht.“

Es kann, denkt Marta, es muss nicht. Sie hat sich festgefressen, kommt nicht vorwärts mit der Matheaufgabe, die sie zu lösen versucht. Das y-Achsen-symmetrische Schaubild einer ganzrationalen Funktion f kommt von oben, hat im Ursprung eine zweifache Nullstelle und bei x=4 eine dreifache Nullstelle … Später geht sie zusammen mit Kerstin durch die dunklen Straßen, jede Woche nach der Mathe-AG suchen sie die Gleichung, mit der der Heimweg perfekt aufgeht, das System. Sie biegen rechts um die Ecke, links um die Ecke, rechtsrum, linksrum, immer abwechselnd. Wenn sie nur endlich herausfinden würden, wo sie einen Hauseingang oder eine Toreinfahrt mit ins System einbeziehen müssen, wann es nötig ist, über eine Mauer zu klettern, durch eine Hecke zu kriechen, Marta hat immer eine Taschenlampe dabei … Irgendwann wird es gelingen: Dann wird das Rechts-Links sie direkt vor Martas Haustür führen.
Marta und ihr Vater wohnen im Erdgeschoss, das Wohnzimmer ist hell erleuchtet. Sie bleiben unter dem Fenster stehen. Kerstin hat den ganzen Weg über Jungs gesprochen, aber sie sagt nicht Jungs, sie sagt Männer, selbst wenn sie Jungs meint. Manchmal meint sie tatsächlich Männer. „Fürs erste Mal“, sagt Kerstin, „wünsche ich mir jemanden mit Erfahrung. Für ihn ist es etwas Besonderes, weil ich unschuldig und illegal und zart bin, aber für mich wird es auch etwas Besonderes sein. Was ist denn mit deinem Vater, ich bin so verliebt in deinen Vater, in seine Ohren, findest du nicht, dass er superschöne Ohren hat?“ „Hm“, sagt Marta. Sie sucht in ihrer Tasche nach dem Schlüssel und dreht sich zur Tür um, ihr ist kalt. „Kann ich“, fragt Kerstin, „noch mit reinkommen?“ Die Sehnsucht nach Martas Vater lässt sie flehend mit den Augenlidern klappern. Marta schüttelt den Kopf: „Heute nicht.“
Und dann, als sie die Wohnung betritt und noch nicht gerufen hat, dass sie zu Hause ist, steht ihr plötzlich der Lösungsweg für die Matheaufgabe vor Augen. Marta seufzt erleichtert auf.
Henning sitzt am Computer, während sowohl der Fernseher läuft als auch Musik. Marta schaltet als Erstes das Deckenlicht aus, so dass nur noch die Lampe am Sofa und Hennings Schreibtischleuchte brennen. Dann stellt sie den Fernseher auf stumm, dreht an der Anlage die Lautstärke der Vivaldi-Oper herunter. Henning drückt seine Zigarette in einem Joghurtbecher aus und stößt sich mit den Füßen ab, er rollt mit dem Schreibtischstuhl bis dahin, wo Marta steht, sie schafft es nicht, schnell genug auszuweichen. „Au“, sagt sie, reibt sich das Knie, sieht sich unwillkürlich die Ohren ihres Vaters an, sie versteht nicht, was Kerstin meint, sieht einfach nur Ohren. Und sie kann jetzt schlecht das Deckenlicht wieder anschalten, um mehr zu erkennen.
Henning greift nach ihren Händen. „Es gibt“, sagt er, „ganz in der Nähe eine Züchterin. Höchstens eine halbe Stunde mit dem Auto. Wir könnten am Wochenende vorbeifahren und uns die Hunde anschauen.“
Marta schaut sich diese roten Ohren an.

Am Tag drauf kocht er. Der Fisch ist tiefgefroren, Henning legt die Filets in eine Schüssel und gießt heißes Wasser darüber, damit sie schneller auftauen. Marta nimmt sich noch etwas zu trinken, dann verschwindet sie in ihrem Zimmer. Zweimal klopft er und kommt herein. Er fragt, ob sie etwa keine Peperoni mehr haben – ratlos zuckt sie mit den Achseln. Warum hätte sie Peperoni einkaufen sollen, sie kochen sonst nie mit Peperoni, kann er nicht Cayennepfeffer nehmen? Der ist ebenfalls scharf und rot. Beim zweiten Mal findet Henning den Reis nicht.
Als es zu lange dauert, sie wirklich Hunger bekommt, klappt sie ihr Buch zu, geht hinüber. In der Küche ist es warm. Es sieht hier aus, als müsste Henning nicht nur Marta, sondern auch noch Martas Freundin Kerstin und wer weiß wen satt machen, vielleicht Martas Mutter, die nicht hier wohnt und nie mit ihnen isst, zu keiner Zeit mit ihnen gegessen hat. „Papa …“, sagt Marta. Er dreht sich zu ihr um. Auf seiner Stirn stehen Schweißtropfen und er ist den Tränen nahe. „Also ich weiß nicht“, sagt er, „der Reis ist ein bisschen angebrannt, aber das schadet ja nicht, das gibt Geschmack – Sorgen mache ich mir um den Fisch …“ Er schiebt den Pfannenwender unter eines der Stücke, dabei bricht das Filet auseinander. „Riech doch mal“, bittet Henning Marta, „findest du nicht, dass der Fisch seltsam riecht? Ich glaube, mit dem stimmt was nicht … Kann tiefgekühlter Fisch überhaupt verderben?“ Marta schlägt vor, dass sie kosten. Hastig nimmt Henning eine Gabel aus der Schublade. Aber dann stößt er mit der Hüfte gegen den Herd, die Pfanne mit dem Fisch gerät ins Kippen, er will sie auffangen, verliert das Gleichgewicht, trifft mit dem Ellenbogen den Griff, und der Fisch, der – vielleicht – verdorben ist, wird gegen die Wand geschleudert. Die Filets landen um den überquellenden Mülleimer herum auf dem Boden, ein Stück Haut bleibt an der Tapete kleben, links und rechts davon läuft heißes Fett herunter. Die Pfanne scheppert, als sie in einer Küchenecke aufschlägt. Henning schreit.

Später am Abend lassen sie die Reste der Pizza, die sie sich bestellt haben, auf den Tellern liegen. „Wir hätten“, Marta wendet den Blick nicht vom Fernseher, „auch einfach den Reis essen können, mit Ketchup.“ „Meine Tochter“, sagt Henning, „bekommt nicht nur Reis mit Ketchup zum Abendbrot!“ Er dreht sein Glas hin und her, kein Schaum mehr auf dem Bier, nicht einmal eingetrocknete Spuren an der Innenseite des Glases, Marta findet, dass Bier dann wie Apfelsaft aussieht.
Henning, der ausgelassen sein kann wie ein junger Hund, der manchmal eine halbe Stunde lang das Fernsehprogramm kommentiert, bei peinlichen Talentshows die Regieanweisungen mitspricht – die Kandidatin stolpert über ihr eigenes Unvermögen und schlägt lang hin –, Henning kann den Fisch nicht vergessen. Sie haben die Küche schon grob gesäubert, aber er fängt immer wieder davon an.
„Ich denke, dein Unterbewusstsein war schuld.“ Marta gähnt. „Du hattest Angst, uns mit dem Fisch zu vergiften … du wolltest ihn doch gar nicht mehr essen.“
Leise sagt Henning: „Es geht nicht nur um den Fisch, es ist viel mehr. Wenn nicht bald etwas Drastisches passiert …“
Marta lacht und steht auf. Bevor sie in ihr Zimmer geht, stellt sie sich hinter Henning, legt vorsichtig die Arme um seine Schultern, hält die Nase über die kahle Stelle an seinem Wirbel, die noch klein ist, aber größer werden wird. Der vertraute Geruch ihres Vaters: hier leicht säuerlich, wie der eines Babys. Marta lässt den Kopf sinken und riecht auch an Hennings Ohr, sie atmet tief ein, richtet sich wieder auf. „Gute Nacht, Papa.“

Am nächsten Nachmittag holt er sie von der Schule ab. Als sie aus dem Gebäude tritt, sieht sie ihn auf dem Vorplatz stehen, im Nieselregen, er hat die Jacke fest um sich gezogen und fröstelt trotzdem, tritt von einem Bein aufs andere. Schnell geht sie zu ihm. „Was ist passiert? Wieso bist du nicht in der Firma?“ „Ich habe mir einen halben Tag freigenommen.“ Er lächelt. Marta denkt, dass in diesem Lächeln Unsicherheit steckt. Warum? „Komm mit zum Auto“, bittet Henning. Sie spürt, wie angespannt sie ist, als sie neben ihm hergeht. Henning öffnet die Beifahrertür einen Spalt, greift nach etwas, und dann zieht er daran und Marta erkennt, dass es eine Hundeleine ist, und am Ende der Hundeleine hängt auch das, was meistens am Ende einer Hundeleine hängt. „Nein“, sagt Marta. Der kleine Beagle will nicht aus dem Auto springen, Henning muss ihn herausheben. Dann steht der Hund vor Marta auf dem Gehweg, auf zitternden und, wie sie denkt, viel zu weit gespreizten Beinen. „Nein“, sagt Marta.
Henning strahlt. „Keine Angst, morgen habe ich mir auch freigenommen.“ Stolz drückt er ihr die Leine in die Hand: „Willst du sie mal halten?“ Willst du sie mal füttern, denkt Marta, willst du mit ihr spazieren gehen, dringend zum Tierarzt, willst du? Sie weicht zurück. Aber als sie Hennings Gesicht sieht, wird ihr klar, dass sie etwas sagen muss, etwas fragen, was kann sie fragen? „Wie heißt sie denn?“
Henning schüttelt den Kopf: „Nein, mit sie meinte ich die Leine. Der Hund ist ein Rüde. Er heißt Branimir. Und noch irgendwie weiter, aber das war nur der Name der Züchterin.“
„Wolltest du nicht ein Weibchen?“

Sie fahren nach Hause. Marta setzt sich auf den Rücksitz, der Hund liegt im vorderen Fußraum. Henning erzählt von seinem spontanen Aufbruch zur Züchterin, nachdem sie ihm am Telefon mitgeteilt hat, dass von ihrem letzten Wurf noch ein Welpe übrig ist. Er hat der Züchterin auch gleich einen Korb, einen Napf, die Leine, etwas Spielzeug und einen großen Beutel Trockenfutter abgekauft. Marta will wissen, was er für den Hund bezahlt hat. Henning gibt vor, sich auf den Verkehr konzentrieren zu müssen. „Wie viel?“, fragt Marta.
„Sei nicht so vorlaut. Sie hat mich nicht betrogen; du weißt, was reinrassige Hunde kosten.“
„Ja, bei dem Namen, da zahlst du ja allein für die einzelnen Buchstaben – stimmt’s, Branimir von und zu Irgendwas?“
Der Hund dreht tatsächlich den Kopf, sieht sie an.

Zu Hause steht er erst einmal in der fremden Umgebung und fiept, er scheint Angst zu haben. Henning schiebt das Körbchen an eine passende Stelle, schüttet etwas Trockenfutter in den Napf und feuchtet es an. Er muss es dem Hund unter die Nase halten, um ihn aufmerksam zu machen. Marta schmiert sich selbst ein Schmelzkäsebrot und sieht zu, wie der Welpe das Futter in der Küche verteilt; erst scheint es nicht weniger zu werden, aber dann verschwindet doch Stück für Stück, der Hund fährt mit der Schnauze über den Boden, Sabber und matschige Bröckchen bleiben zurück. Marta mag, wie er dabei mit dem Schwanz wedelt.
Nachdem er gefressen hat, wirkt er genauso verloren wie zuvor. Er legt sich kurz hin, steht aber bald wieder auf. Etwas später beschließt Henning, mit ihm zu spielen; er wirft einen kleinen Ball, lässt ihn über den Teppich im Wohnzimmer rollen, ohne dass der Welpe reagiert. „Branimir“, lockt Henning. Marta sieht, dass dem Hund noch immer die Beine zittern. Sie isst ihr Brot. Endlich wagt sich der Welpe ein paar tapsige Schritte auf den Teppich, beschnuppert den Ball. Dabei wirkt er nach wie vor nicht glücklich, nur Henning ist glücklich.
Interessanter als den Ball findet Branimir eine von Martas Zeitschriften. Als er sie entdeckt hat, schleudert er sie herum wie eine Beute, Marta denkt: wie eine Wachtel, obwohl sie nicht einmal sagen könnte, wie diese Vögel aussehen. Er ist ein Jagdhund, denkt Marta. Dann lässt der Hund von der Zeitschrift ab und stakst wieder in die Küche, leckt die letzten Bröckchen vom Boden auf. Plötzlich steht er, wenn möglich, noch breitbeiniger da als sonst schon – und zwischen seinen Beinen beginnt Urin auf die Fliesen zu laufen.
Marta schreit auf. Henning ist gleich da und hebt den Hund hoch, der Urin läuft weiter, Henning will den Hund nach draußen tragen, aber Marta schreit: „Nein, besser hier als auf dem Teppich!“ Sie schluckt den Brotbissen hinunter, den sie noch im Mund hatte. Da ist es auch schon vorbei. Henning setzt den Hund wieder ab, und der läuft durch die Pfütze und verteilt den Urin in alle Ecken. Man kann die nassen Pfotenabdrücke genau erkennen. Aber dann bleibt der Hund stehen und fiept auf eine so herzzerreißende Art, dass Marta lachen muss. „Ich mache das schon“, sagt sie entschieden zu Henning, „und du trägst ihn ins Bad und wäschst ihm die Pfoten.“ Sie schiebt ihren Vater aus der Küche.

Als Marta an diesem Abend einschläft, ist sie erschöpft. Sie sind mit dem Hund spazieren gegangen, wenn man das so nennen kann, der Hund hat irritiert auf die Leine gestarrt und sich, sobald Henning an ihr zog, keinen Zentimeter mehr bewegt. Einmal hat Henning so sehr gezogen, dass der Hund beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Danach hat er sich hingesetzt, aber Henning hat es nicht gleich gemerkt und ihn ein Stückchen über den Boden gezerrt. Marta hat Henning die Leine aus der Hand genommen, sie ist in die Hocke gegangen und hat Branimir zum ersten Mal kurz angefasst und beruhigend auf ihn eingeredet. Er hat mit dem Kopf geruckt, als würde er zu ihren Worten nicken.
Endlich haben sie beschlossen, ihn zu tragen: immer von einer Straßenecke zur nächsten, und dort haben sie es erneut mit dem Laufen probiert. Manchmal hat es funktioniert, aber der Hund ist hierhin und dorthin gerannt und jedenfalls nie in die Richtung, in die sie wollten. Ein Häufchen hat er auch nicht gemacht, das landete später auf dem Wohnzimmerteppich. Doch da hat Marta schon stärker als alles andere beschäftigt, warum der Hund offenbar Angst vor ihnen hatte. War das denn normal?
Gegen elf kippte Hennings Stimmung. Marta zog die Vorhänge vor der Dunkelheit zu. Das große Glück war außer Sicht. „Ich weiß nicht“, sagte Henning, „eigentlich wollte ich ja lieber ein Weibchen. Schau mal, wie groß der schon ist, auf jeden Fall wird er größer, als er dürfte, dann kann er doch nicht reinrassig sein, was hat die mir da verkauft? Der verhält sich auch ganz komisch, wahrscheinlich war er deshalb noch nicht vermittelt, irgendwas stimmt nicht …“ „Papa!“, sagte Marta. Dann sagte sie: „Du bist einfach müde. Der Hund ist vollkommen in Ordnung, er hat nur Angst. Willst du schon mal ins Bett gehen?“
Aber Henning ist stehen geblieben und hat ihr zugesehen, wie sie sich neben Branimir auf den Teppich legte. Sie hat die Hand ausgestreckt und den Hund gestreichelt, sich an ihn gedrückt, sie hat den Kopf gesenkt und ihre Wange an die Hundeschnauze gehalten – und man hat gehört, wie der Hund ausatmete, aufatmete, er knickte in den Beinen ein, zitterte nicht mehr. Marta hat den Arm um ihn geschlungen, und fast sofort sind dem Welpen die Augen zugefallen. Branimirs Fell hat sich wärmer angefühlt als erwartet, die kurzen starken Haare, glatt, wie gewachst.
Als Marta an diesem Abend einschläft, liegt sie noch auf dem Wohnzimmerteppich. Nach einer Weile wacht sie wieder auf und geht schnell in ihr Bett.

Sie fährt nach hause und freut sich. Es ist ja auch selten, dass Ende November die Sonne scheint, der Busfahrer lächelt, nicht nur im Unterricht sind heute alle Gleichungen aufgegangen. Erst als sie ausgestiegen ist, zum Haus geht, im Treppenhaus die wenigen Stufen hinaufläuft, erst als sie den Schlüssel nimmt und die Tür aufschließt, gesteht sie sich ein, worauf sie sich freut. Sie haben einen Hund, seit gestern. Wie wird Branimir sie begrüßen? Sie freut sich darauf, dass er auf sie zustürmt, bellt, mit dem Schwanz wedelt und an ihr hochspringt. Sie lächelt und freut sich sehr.
Nur dass nichts dergleichen passiert. In der Wohnung ist es finster. Marta betritt das Wohnzimmer und schaltet das Licht an. Sie sieht Henning am Fenster stehen, mit dem Rücken zu ihr. Er dreht sich nicht um.
Marta geht in die Küche. Branimirs Körbchen ist verschwunden, auch das Spielzeug kann sie nirgendwo entdecken, und selbst das Trockenfutter ist fort, genauso wie der Hund. Als sie zurück ins Wohnzimmer gehen will, stößt sie mit dem Fuß gegen den Hundenapf aus Edelstahl. Den Napf hat Henning wohl vergessen.

Er hat ihn zurückgebracht. Die Züchterin stand am Zaun und ließ sich den Hund hinüberreichen. Sie hat Henning nur die Hälfte des Kaufpreises erstattet, und für das Körbchen und das Spielzeug keinen Cent, weil sie benutzt waren.

Marta hörtHhenning zu, bis er zu Ende geredet hat, bevor sie in ihr Zimmer geht. Minuten später verlässt sie fast lautlos die Wohnung.

Sie möchte etwas tun. Sie wird sonst verrückt, sie denkt an Hennings Worte: Wenn nicht bald etwas Drastisches passiert … Sie stellt sich vor, wie sie die Adresse der Züchterin herausfindet. Sie könnte hinfahren, Branimir den Napf bringen. Sie könnte sich wieder zu ihm auf den Boden legen, diesmal in seinem Zwinger, oder ihn befreien, mit ihm zusammen Wege suchen, links herum, rechts herum.
Aber was sie dann tatsächlich tut, entspricht ihr viel mehr. Es dauert nur Minuten, bis sie die Bank an der Hauptstraße erreicht. Dort erklärt sie der Frau am Schalter, dass sie ein Sparbuch eröffnen möchte, um jeden Monat eine feste Summe einzuzahlen. Was gibt es da für Möglichkeiten?
Die Frau lächelt sie an. „Wie alt sind Sie denn“, fragt sie, „oder kann ich noch du sagen? Und worauf soll gespart werden?“
Marta starrt auf die glatte, leicht gemusterte Oberfläche der Theke. Darauf, dass sie mit achtzehn ausziehen kann? „Ich weiß es nicht“, sagt sie endlich. „Vielleicht will ich irgendwann eine Reise machen, ganz weit weg …“
Das professionelle Lächeln der Frau verschwindet, sie schaut fragend. Marta legt die Hände flach auf die Theke und schluckt. Noch einmal muss sie schlucken. Nicht weinen. Schon gar nicht hier. Man weint nicht, wenn es um die Zukunft geht.
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