text - Jochen Prüller
Fotos - craig dillon
Die Tropfen aus dem Baumarkt
Als „Liquid Ecstasy“ ist Gamma-Hydroxy-Buttersäure eine Partydroge. Unter der Bezeichnung „K.o.-Tropfen“ wird dieselbe Substanz als Vergewaltigungswerkzeug verwendet. Und schließlich dient die bloße Behauptung, den Stoff verabreicht bekommen zu haben, als kriminelle Ausrede. Ein Report über eine farblose Flüssigkeit.
Als Lisa aufwacht, fühlt sich ihr Kopf an wie Beton. Die Morgensonne tut in den Augen weh. Es ist fünf Uhr früh, ein Julitag. Sie schaut sich um. Sie ist nicht zu Hause. Sie erschrickt. Ihre Jeans und ihr Slip sind neben ihr verstreut, unter dem T-Shirt fehlt der BH. Die 17-Jährige liegt halbnackt im Gras, irgendwo in den Weinbergen. Sie hat keine Ahnung, wie sie hierhergekommen ist. Lisa weint.
Eine Stunde später erreicht sie ihre Wohnung. Sie duscht. Einmal, zweimal. Immer wieder. Alle zwei Stunden. Sie fühlt sich schmutzig. Sie kann nicht schlafen. Angst, Hass, Selbstmitleid, Panik, Scham lassen ihr keine Ruhe mehr.
Lisa behält zunächst alles für sich. Auch ihrer besten Freundin erzählt sie nichts. Doch die Einsamkeit angesichts der dunklen Gedanken plagt sie und so wählt sie schließlich die Nummer des Mädchen-Netzwerks „Mona-Net“. Jutta Zagler, eine Sozialpädagogin, die für „Mona-Net“ arbeitet, hört ihr zu. „Sie erzählte mir von ihrem Waschzwang, doch ich ahnte, dass da mehr dahintersteckt“, erinnert sich die Expertin.
Das erste Gespräch zwischen den beiden dauert nur ein paar Minuten. Lisa legt plötzlich den Hörer auf, auch einer Fremden kann sie ihre Geschichte zu diesem Zeitpunkt noch nicht anvertrauen. Aber eine Woche später meldet sie sich wieder. Zuerst erzählt Lisa Belangloses, Kleinigkeiten aus der Schule, Erlebnisse mit ihren Freunden. Nach und nach aber findet sie Vertrauen zu dieser fremden Stimme und geht tiefer in ihre Erinnerung. Zwischen den beiden Frauen entsteht ein regelmäßiger Kontakt. Lisa artikuliert zwar nur lose Gedankenfetzen, doch diese ergeben ein immer eindeutigeres Bild. Langsam tritt zutage, was in jener Julinacht mit Lisa passiert sein muss, ehe sie zwischen den Weinreben zu Bewusstsein kam.
Der ominöse Abend davor: das „Kirschen-Fest“ im Burgenland. Ein Zeltfest mit Tradition, das die örtliche Jugend dazu nützt, kurz vor Schulschluss richtig abzufeiern. Alkohol ohne Ende, kein Gedanke an ein Morgen, Flirts und vielleicht auch ein bisschen mehr. „Lisa war mit einer Gruppe von Freunden dort“, erinnert sich Zagler. Sie sei gut drauf gewesen und habe mehrere Gläser ihres Lieblingsgetränks konsumiert: Cola-Rot. Der Tisch, den ihre Freundesgruppe reserviert hatte, war voll mit Gläsern. Und es war wohl schwer auszumachen, welches das eigene Glas war.
die sonst eher schüchterne Lisa wagte sich auf die Tanzfläche und war dort wie ausgewechselt: Voll Euphorie powerte sie sich aus, sang mit, spürte eine ungekannte Energie. Plötzlich, ohne Vorwarnung, ein Schwächeanfall. Das Mädchen wackelte zurück zum Tisch, setzte sich. „Sie erzählte mir, ihr sei von einer Sekunde auf die andere übel geworden, sie glaubte, dass irgendetwas mit ihrem Kreislauf nicht stimmte“, erzählt Zagler. In dem Moment der Schwäche nimmt sie gern Hilfe an. Das Letzte an diesem Abend, woran sie sich heute erinnern kann, ist ein fremder Mann. Der stützt sie am Arm und begleitet sie nach draußen an die frische Luft. „Der Ablauf der Nacht und ihre Gedächtnislücken legen den Verdacht nahe, dass Lisa mit Hilfe von K.o.-Tropfen gefügig gemacht und vergewaltigt wurde“, sagt Zagler.
Lisa heißt in Wahrheit nicht Lisa, ihre Identität soll hier geschützt werden, das hat ihr die Sozialpädagogin versprochen. Bei der örtlichen Polizeidienststelle liegt bis heute keine Anzeige vor, das hier Berichtete beruht auf vertraulichen Informationen von „Mona-Net“.
Lisas beklemmende Geschichte ist nur eine von vielen. K.o.-Tropfen sind in den vergangenen Jahren zu einem allseits bekannten Verbrecherwerkzeug geworden. Wegen ihrer chemischen Zusammensetzung auch Gamma-Hydroxy-Buttersäure (kurz: GHB) oder Liquid Ecstasy genannt, gehört der Stoff zu einer besonders heimtückischen Substanz.

es handelt sich um eine farb- und geruchlose Flüssigkeit mit leicht salzigem bis seifigem Geschmack, der durch Alkohol sehr leicht übertüncht wird. Zudem verstärkt Alkohol die Wirkung um einiges. GHB ist relativ einfach und billig zu bekommen und im Blut schwer nachweisbar. Menschen, die zu viel GHB einnehmen, sind stundenlang willenlos, ihr Bewusstsein ist eingetrübt und sie können sich meist an wenig bis gar nichts aus dieser Zeit erinnern. Kriminelle nützen die Wirkung von GHB vor allem bei Vergewaltigungen und beim Raub. Mangels Anzeigen taucht diese Form von Kriminalität in den Statistiken meist gar nicht auf. „Offiziell gibt es keine Zahlen, aber die Dunkelziffer ist in Österreich sehr hoch“, bestätigt Helmut Greiner vom Bundeskriminalamt in Wien.
Warum GHB so gefährlich ist und Fälle wie jener von Lisa keine Einzelfälle sind, zeigt ein Blick auf die chemische Wirkung der Droge. Entscheidend ist die Dosierung: In der Medizin wird GHB intravenös verabreicht und als Narkosemittel eingesetzt. In flüssiger Form wirkt Liquid Ecstasy in ganz geringen Mengen euphorisierend, aphrodisierend und entspannend. Konsumenten berichten von einem Rauschzustand, ähnlich einem Alkoholrausch. So avancierten die Tropfen in den frühen 80er Jahren schnell zur neuen Partydroge der Szene. Doch die Nebeneffekte, vor allem starker Redeschwall, gesteigertes sexuelles Verlangen und ein Absenken der Hemmschwelle, machten GHB zu dem, als das es heute weltweit bekannt ist: Als Sex- und Vergewaltigungsdroge der Gegenwart, die in hoher Dosis die Opfer physisch und psychisch gleichsam niederschlägt.
„Bei der missbräuchlichen Verwendung ist die Einzeldosis oft sehr hoch, weil sie in Wahrheit nicht kontrolliert wird“, sagt Thomas Stimpfl, Gerichtsmediziner an der Universität Wien und Mitautor der wissenschaftlichen Arbeit „Liquid Ecstasy – ein relevantes Drogenproblem“. Er hat die verschiedenen Wirkungen untersucht. „Schon 2,5 Gramm oder 5 Milliliter sorgen für Übelkeit, Erbrechen und Amnesie. Eine Dosis von drei Gramm kann zur Bewusstlosigkeit führen, vier Gramm GHB können Atemstillstand oder Koma auslösen. Die Wirkung setzt nach 25 Minuten ein und hält je nach Dosis ein bis vier Stunden an“, sagt der Mediziner.
Die Folge: Filmriss. „Die Opfer nehmen das Erlebte zwar wahr, können es sich aber nicht merken“, sagt Stimpfl. Im äußersten Fall kommt es zum Tod – eine Statistik über GHB als Todesursache gibt es aber nicht. In seinem Artikel beschreibt der Experte das Verhalten von Opfern so: „Typisch für eine GHB-Einnahme sind Patienten, die mit schwerer Bewusstseinseintrübung in die Klinik eingeliefert werden und meist nach kurzer Zeit wieder erwachen. GHB führt in der Regel nicht zu länger andauernden Nachwirkungen. Die Patienten fühlen sich fit, wollen das Krankenhaus verlassen und zurück zur Party gehen. In der Medizin wird dieses Phänomen als ‚fast-in, fast-out’-Effekt beschrieben.“
In der Praxis kämpfen Mediziner und Kriminalisten damit, dass die Droge im Körper nur sehr kurz nachweisbar ist. Stimpfl: „Die Halbwertszeit von GHB im Körper ist sehr kurz. Mittels toxikologischem Gutachten kann GHB im Blut nur fünf bis acht Stunden und im Urin etwa zwölf Stunden nachgewiesen werden.“ Es fehle vor allem an einem immunologischen Schnelltest für GHB, die schnelle Diagnose sei weder in der Klinik noch in Laboratorien möglich. Lisa hätte also am besten sofort in ein Krankenhaus gehen und sich dort auf GHB durchchecken lassen müssen – bereits am zweiten Tag hätte man die Einnahme der Substanz nicht mehr nachweisen können.
Es ist genau dieses extrem kleine Zeitfenster, das die Behörden im Kampf gegen den illegalen Gebrauch meist den Kürzeren ziehen lässt. Zwar unterliegt Liquid Ecstasy seit 2002 dem Suchtmittelgesetz und Besitz, Handel sowie Ein- und Ausfuhr sind strafbar. Aber: Die illegale Droge ist sehr leicht zu bekommen und Dealer nützen Gesetzeslücken aus. Kriminelle bieten GHB im Internet an, auf entsprechenden Webseiten können 10 Milliliter GHB um 75 Euro per Versandhandel bestellt werden. Um das Gesetz jedoch zu umschiffen, weichen die Vertreiber auf die chemische Substanz GBL (Gamma-Butyro-1,4-Lacton) aus. GBL ist legal und eine chemische Vorstufe von GHB. Nach der Aufnahme wird GBL im Körper automatisch in GHB umgewandelt – mit derselben brutalen Wirkung. GBL kann jeder im Drogerie- oder Baumarkt problemlos kaufen. Die Substanz ist in Industrieflüssigkeiten wie Felgenreinigern, acetonfreien Nagellackentfernern oder Putzmitteln enthalten und kann mittels Destillation von anderen Stoffen getrennt werden.
Wegen der schwierigen Nachweisbarkeit im Körper arbeiten Ermittler im Kampf gegen Liquid Ecstasy in einem Graubereich. Sie müssen abwägen, ob sie den Schilderungen der Opfer trotz fehlender Gutachten Glauben schenken. „Die Beschreibung des Erlebten legt oft den Verdacht nahe, dass ein Missbrauch von GHB vorliegt. Gibt es aber keinen toxikologischen Nachweis, hat es die Polizei schwer“, sagt der Wiener Kriminalist Greiner. Es ist eine Gratwanderung. Regelmäßig kritisieren Opferschutz-Vereine die Voreingenommenheit der Sicherheitsbehörden bei der Aufklärung von Sexualdelikten im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen.
Doch das Fehlen von Beweisen kann auch ganz andere Gründe haben. K.o.-Tropfen werden zuweilen auch als Ausrede benutzt. Der Vorarlberger Reinhard Haller lernte in seiner langjährigen Tätigkeit als Gerichtsgutachter und Psychiater auch diese Facette von K.o.-Tropfen kennen. „Die Aussage, man sei durch K.o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt worden, kann auch eine Schutzbehauptung sein und als Vorwand oder Ausrede dienen“, sagt Haller. So würden Leute die Verantwortung für Handlungen, für die sie sich schämen, von sich schieben. Mädchen oder Burschen, die nach einer langen Partynacht im falschen Bett aufgewacht sind; Erwachsene, die Suchtmittel nehmen und das verbergen wollen; Menschen in Beziehungen nach einem Seitensprung; Kleptomanen nach einem Diebstahl.
Im Jahr 2010 sorgte in Innsbruck eine 16-Jährige für großes Aufsehen, als sie bei der Polizei angab, mittels K.o.-Tropfen betäubt worden zu sein, und Anzeige erstattete. Nachforschungen ergaben, dass das Mädchen freiwillig mit einem Burschen in dessen Wohnung mitgegangen war und nur aus Angst vor ihren Eltern die Geschichte mit den Tropfen erfunden hatte – prompt wurde sie von der Staatsanwaltschaft angezeigt. Hinter vorgehaltener Hand bestätigt die Polizei diesen Verdacht: „Selbstverständlich wird der unfreiwillige Konsum von K.o.-Tropfen sehr oft als Ausrede verwendet.“

nicht selten versuchen auch Straftäter, ihre Handlungen im Nachhinein mit Hilfe von Erinnerungslücken zu relativieren, und bringen Liquid Ecstasy ins Spiel. Haller schätzt, dass 70 Prozent der nicht geständigen Straftäter Erinnerungslücken und Amnesie, wie sie von GHB ausgelöst werden, erfinden. „Je schwerer die Straftat ist, desto öfter führt der Beschuldigte K.o-Tropfen und dadurch hervorgerufene Erinnerungslücken als Ausrede an.“ Aus psychologischer Sicht seien das in 90 Prozent der Fälle reine Schutzbehauptungen, rund zehn Prozent versuchten, ihre Taten mit diesen Aussagen zu verdrängen. Nur bei einem winzig kleinen Prozentsatz liege eine echte Amnesie vor – und eine solche könnten Experten mit den richtigen Fragen identifizieren. „Die echte Amnesie ist sehr gut von der falschen zu unterscheiden, weil echte Erinnerungslücken einen für Therapeuten ersichtlichen typischen Ablauf vorweisen.“
Der mögliche Täter im Fall Lisa wird wohl nie gefunden werden. Das Mädchen ist für Jahre traumatisiert. Ein halbes Jahr später kämpft sie noch gegen Erinnerungsfetzen aus jener Julinacht, die sie immer wieder aus dem Schlaf reißen. „Das Erinnerungsvermögen hellt sich nur langsam bis gar nicht auf. Das Nichtwissen ängstigt die Opfer. Es dauert lange, bis sie solche Erfahrungen bewältigen“, sagt Psychiater Haller. Lisa hat sehr mit sich selbst zu kämpfen, ihre Beziehung ist zerbrochen. Sie ist vom Land in die Stadt gezogen, wo alles anonymer ist. Wenn sie abends ausgeht, hält sie ihr Glas fest in der Hand.
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