text - Elisabeth Scharang
Fotos - Pamela Russmann
Mitarbeit - Maria Motter
Das wird mir jetzt fast zu intim
Sex, ja Sex. Die Filmemacherin und Journalistin Elisabeth Scharang und der profil-Herausgeber Christian Rainer im Gespräch über wirklich alles.
Elisabeth Scharang: Das „Sie“ schützt die Privatsphäre besser und ich kann mit meinen Fragen persönlicher werden als mit dem „Du“.

Christian Rainer: Verstehe. Man kann sich viel mehr öffnen, weil man nicht das Gefühl hat, sich zu öffnen – interessante These. Ich könnte also mit meiner Therapeutin nicht so locker kommunizieren, wenn wir per „Du“ wären.
Scharang: Meine zweite These ist, dass sehr wenig über Sex gesprochen wird.
Rainer: Ja. Richtig.
Scharang: Ja. Es wird über Rand- und Spezialgebiete geredet, aber selten über das, was uns betrifft.
Rainer: Es ist übrigens auch ein Mythos, dass Männer miteinander ständig über Sex sprechen oder gar gierig saftelnd schweinigeln. Ich glaube auch, dass in Beziehungen nicht sehr viel über Sex gesprochen wird. Weil die Causa so heikel ist: Redet man positiv darüber, könnte es schnell peinlicher werden als der Sex selber, und würde kritisch darüber gesprochen, zerstörte man in wenigen Sekunden nachhaltig viel.
Scharang: Darf man beim Sex nicht kritisieren?
Rainer: Nicht innerhalb einer Beziehung. Das Schlimmste, was mir meine Ex-Freundinnen, zu denen ich zweifellos nicht immer einfühlsam war, hätten antun können, wäre gewesen, sich kritisch gegenüber meiner Performance im Bett zu äußern. Das pickt. Das geht nicht mehr weg. Man fühlt sich stigmatisiert. Und ich weiß, dass es bei Frauen ähnlich ist.
Scharang: Aber man muss den anderen ja nicht demontieren!
Rainer: Nein, aber auch nur der Hauch von Kritik käme so rüber.
Scharang: Andererseits ist das genau der Punkt: Wenn man nicht darüber redet ...
Rainer: ... wird es nicht besser.
Scharang: Und dann heißt es: Nach drei Jahren Beziehung ist die Luft draußen.
Rainer: Es trägt zumindest dazu bei, dass aus den drei Jahren kaum zehn werden können.
Scharang: Mein Freund hat mir ganz am Anfang unserer Beziehung, im ersten Jahr, gesagt: Du berührst mich nicht.
Rainer: Das ist keine Kritik.
Scharang: Also mich hat das getroffen. Sex, der einen nicht berührt, was ist das? Sport?
Rainer: Ja, muss nichts Schlechtes sein. Das ist halt Sex. Sex muss nicht berühren, in dem Sinne, wie Sie es gerade meinen.
Scharang: Ich glaube, jeder von uns beiden sollte mal seinen Begriff von Sex definieren.
Rainer: Wir sind ja mittendrin! Aber ich möchte noch einmal zurück: Ich habe den Eindruck, dass Frauen untereinander mehr und offener über den Sexakt als solchen sprechen.
Scharang: Nein.
Rainer: Ich höre oft, dass Frauen sich darüber austauschen, wie ihre Männer im Bett sind.
Scharang: Spricht hier Neugierde oder Sorge aus Ihnen?
Rainer: Ist es nicht so, dass Frauen untereinander darüber reden, wie oft sie gekommen sind, und dass er´s unter Anführungszeichen „ihr wirklich gut besorgt“? Das mag eine selektive Wahrnehmung sein, aber ich habe den Eindruck, dass Frauen wesentlich konkreter über Sex sprechen.
Scharang: Man könnte auch sagen: Männer schützen das Intimleben und ihre Partnerinnen in der Öffentlichkeit. Während Frauen da manchmal recht gnadenlos sein können.
Rainer: Hmm. Ich weiß nicht. Ich glaube, das hängt – womit kann das zusammenhängen? (überlegt)
Scharang: Auf jeden Fall reden Frauen mehr über ihre Befindlichkeit.
Rainer: Weil Frauen meistens so etwas wie eine beste Freundin haben. Bei Männern kenne ich diese Form von Freundschaften eigentlich nicht.
Scharang: Wirklich?
Rainer: Nein.
Scharang: Aber vielleicht haben Sie eine beste Freundin?
Rainer: Eine beste Freundin? Erstens nein, und zweitens hätte ich auch da Vorbehalte, über Details meines Sexlebens zu sprechen.
Scharang: Haben Sie schon einmal den Satz benutzt: „Die Sexualität einer Frau bleibt für mich ein Geheimnis.“
Rainer: Nein.
Scharang: Viele Männer haben von dem Körper, der Physiognomie einer Frau keine Ahnung.
Rainer: In diesem Zusammenhang höre ich von Frauen oft: Aber es gibt Ausnahmen. Und das ist dann als Kompliment an mich gemeint.
Scharang: Wie sind Sie Experte auf dem Gebiet des weiblichen Körpers geworden?
Christian Rainer seufzt.
Rainer: Ich gehe schon einen Schritt weiter: Warum interessiere ich mich so für die weibliche Sexualität? Hat das etwas mit Empathie im positiven oder im eitlen Sinne zu tun? Interessiert es mich, weil ich ein guter Liebhaber sein will, um meinen Narzissmus zu nähren? Oder will ich, dass es der Frau gut geht?
Scharang: Ich glaube, der Frau ist es am Schluss wurscht, warum es ihr guttut.
Rainer: Stimmt. – (überlegt) Ein guter Bekannter, ein berühmter ehemaliger Sportler, hat den Ruf, ein wirklich einfühlsamer Liebhaber zu sein, was alle überrascht, die es nicht selbst erlebt haben. Und da frage ich mich durchaus, warum performt der Egomane gut? Was hat er für ein Geheimnis?
Scharang: Was ist eigentlich ein guter Liebhaber?
Rainer: Sehr simpel gesagt: Einer, der nicht nur an sich selbst denkt, sondern der auch mal schaut, dass die Frau genießt und wenn möglich zum Orgasmus kommt. Das gilt übrigens auch für einen One-Night-Stand. Wenn daraus eine Beziehung wird, kommt Intimität dazu, die es beim One-Night-Stand wahrscheinlich nicht gibt und auch gar nicht geben soll. – Also im Prinzip geht es darum, dass die Funktionalitäten auf beiden Seiten positiv ausgenützt werden.
Scharang (lacht): Ho, was für ein Satz! „Die Funktionalitäten auf beiden Seiten ausgenützt“, was heißt das?!
Rainer: Dass beide zum Orgasmus kommen, zum Beispiel.
Scharang: Warum stellen Sie den Orgasmus so in den Mittelpunkt?
Rainer: Weil mir Frauen in ausreichender Zahl gesagt haben, dass sie nicht sehr glücklich sind, wenn sie nicht regelmäßig kommen.
Scharang: Der Orgasmus: ein großes Thema bei Frauen?
Rainer: Ja. Ich projiziere mit einigen Abstrichen den Orgasmus des Mannes, den ich nun doch ganz gut kenne, auf Frauen. Erstens: Das Glücksgefühl während eines Orgasmus, aber auch die Befriedigung, die man nachher empfindet, wird wohl in einer ähnlichen Form auch bei Frauen vorhanden sein. Auch wenn das Ende bei Frauen nicht so abrupt ist, die Sache offensichtlich länger dauert und Frauen viel schneller wieder Lust haben. Aber im Prinzip: Die Ekstase und das Gefühl danach dürften schon Ähnlichkeiten haben. Wobei (zögert), glücklich ist der Mann nachher ja nicht unbedingt.
Scharang: Ich glaube, diese Orgasmusgeschichte ist deshalb so ein Thema, weil wir im Fernsehen und in Filmen sehen, wie es zu funktionieren hat. Damit wachsen wir auf. Und dann funktioniert es nicht so. Das ist unendlich frustrierend, weil man lange glaubt, es liegt an einem selber. Dieses „Ich-habe-keinen-Vaginalorgasmus-warum?“-Thema ist nicht totzukriegen.
Rainer: Das ist tatsächlich noch Thema?
Scharang: Ja.
Rainer: Das überrascht mich. Ich dachte, darüber seien wir seit zehn Jahren hinweg. Weil 99 von 100 Frauen sagen: Bei mir gibt´s das auch nicht.
Scharang: Ja. Aber die eine von 100 sagt: Bei mir funktioniert´s. Was ist das Problem bei euch, Mädels?
Rainer: Enttäuschend. Wir haben uns mit Aufklärungsarbeit im profil in unzähligen Titelgeschichten viel Mühe gegeben.
Scharang: Das ist wie mit Diäten. Alle wissen, diese ständigen Diäten machen überhaupt keinen Sinn und trotzdem ist die Hälfte der Menschen auf Diät. Aber reden wir doch über die Orgasmusfähigkeit der Männer. Ich glaube, die Bandbreite männlicher Sexualität wird unterschätzt.
Rainer: Das wird mir jetzt fast zu intim. Sei´s drum: Ich möchte dieser These aus persönlicher Erfahrung widersprechen. Ich finde, dass die Bandbreite schmal bleibt. Es ist intensiver oder weniger intensiv, etwas schärfer oder weniger scharf, aber es ist immer die gleiche Geschichte. Während ich den Eindruck habe, dass diese Bandbreite bei Frauen weit und groß ist. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist die Funktion des Orgasmus beim Mann relativ klar erklärt. Und auch, warum es schnell vorbei sein sollte: nämlich, um rasch wieder bei Sinnen zu sein. Während der Sinn des Orgasmus bei Frauen nicht so wirklich eindeutig ist. Das würde dafür sprechen, dass der männliche Orgasmus stets nach dem gleichen Schema funktioniert.
Scharang: Ein Fließen oder ein Schießen – das ist die Frage.
Rainer (lacht): Richtig!
Scharang: Und das macht wohl den Unterschied im Gefühl aus, oder?
Rainer: Mhm. (nicht überzeugt)
Scharang: Sex. Wie grenzen wir das jetzt ein?
Rainer: Für uns beide? Weil Sie eine Frau sind und ich ein Mann?
Scharang: Nein. Aus dem Gespräch heraus habe ich das Gefühl, wir leben in dieser Frage in unterschiedlichen Stockwerken. Also, was gehört für Sie zu Sex?
Rainer: Wenn ich die Mariahilfer Straße hinunterlaufe, eine Frau blickt mich an und ich schaue zurück, dann ist das auch schon intensiver Sex – wenn ich das als solches definieren möchte.
Scharang: Wenn man nach Hause kommt und sagt, was hast du auf der Mariahilfer Straße so gemacht? Ist die Antwort: Ach, ich hatte Sex.
Rainer: Richtig, ja. (Lacht) Stellt sich die Frage, ist das dann schon Untreue? Die Antwort: Das ist fließend. So wie stets beim Flirten. Es käme mir komisch vor, wenn meine Freundin nicht flirtete oder nicht angeflirtet würde. Und man wird nur angeflirtet, wenn man ein bisschen zurückgibt, eine gewisse Offenheit zeigt. Also ich finde das ok; ich fühle mich nicht verraten, werde nicht eifersüchtig, sondern eher stolz, wenn ich sehe, dass meine Freundin heftig angebraten wird. Ich empfinde dabei keine Verlustängste. Sobald Verlustängste entstehen oder aber das Ganze durch öffentliche Wahrnehmung beleidigend wird, dann wird es schwierig. Aber ja: Ich definiere gerne auch Flirten als Sex. Können wir machen.
Scharang: Betreiben Sie eigentlich Sex als eine Art Hygiene? Psychisch wie körperlich?
Rainer: Nein. Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Als ich mit sechzehn schwer verliebt für ein Jahr nach Amerika fuhr, habe ich monatelang nicht Hand an mich gelegt. Da lag die Hygiene im Mönchischen. Was eine absurde Idee war, mich nur noch viel unglücklicher gemacht hat und das Heimweh und die Liebe noch anwachsen ließ. Das war traumatisierend, meine Analytikerin büßt heftig für dieses eine Jahr. Ich hatte mit sechzehn offenbar den Eindruck, dass Selbstbefriedigung Betrug an einer Freundin wäre, mit der ich – bis auf Küssen – niemals körperlichen Kontakt hatte.
Scharang: Liebe braucht nicht immer einen Gegenpart.
Rainer: Nein, natürlich nicht.
Scharang: Von wem haben Sie denn sexuell gelernt? Wer oder was hat Sie geprägt?
Rainer: Ich war Autodidakt.
Scharang: Ich war eine der Generationen „Bravo“.
Rainer: Ja, natürlich gab es da den Doktor Sommer; natürlich gab es den Schlüsselloch-Report, die Praline und Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen man allenfalls Busen sah. Aber das war keine Aufklärung, das waren unebene Projektionsflächen.
Scharang: Bei mir waren es Filmbilder, darunter viel romantischer Schmus, die sich eingeprägt haben. Was nicht immer hilfreich war.
Rainer: Für mich waren „Krieg und Frieden“ und „Doktor Schiwago“ unglaublich geile Filme, obwohl es dort keine Sexszenen gibt.
Scharang (lacht): Wirklich?
Rainer: Ja! Die unschuldig weiße Haut der Geraldine Chaplin, die wildere Julie Christie! Ich habe, wenn ich jetzt darüber spreche oder wenn ich die Filmmusik höre, erotische Gefühle, die nicht sexuell im Sinne von – das ist wirklich viel zu intim für einen profil-Herausgeber! Also: Doktor Schiwago: sehr stark. Oder der weithin unbekannte Film „Fanny“ mit Horst Buchholz. Oder das Lied „Je t´aime“, da wird es schon pornografischer.
Scharang: Finden Sie die Sorge darüber, dass Jugendliche heutzutage so einen direkten Zugang zu Pornografie haben, übertrieben?
Rainer: Ich finde es absolut übertrieben. Angesichts vieler Gefahren, die in der Welt lauern, halte ich diese für die letzte, die ich genauer analysiere. Ich glaube nicht, dass Pornografie zu einer Gefühllosigkeit der nächsten Generationen führen wird, was Liebesfähigkeit betrifft, oder auch, was Sexfähigkeit betrifft. Ich glaube auch nicht, dass der direkte Zugang dazu führt, dass Sex gewalttätiger würde. Letztlich ist der sogenannte Hardcore-Porno an der Realität von Sex wesentlich näher dran als Doktor Schiwago.
Scharang: Aua! Wo bleibt Ihr Sinn für Romantik?!
Rainer: Ist nicht sehr stark ausgeprägt. Aber für die engere Definition von Sex ist ein Porno vermutlich lebensbestimmender als das, was bei Doktor Schiwago passiert.
Scharang: Lebensbestimmender? Sie haben vorhin davon geredet, dass Ihnen wichtig ist, was Frauen fühlen. Und: Die Pornoindustrie hält unbeirrt an dem Vaginalorgasmus-Mythos fest.
Rainer: Ein Porno entspricht doch dem, was ohnehin jeder zu Hause als Sex hat oder haben sollte, und er widerspricht nicht der Möglichkeit, sich dabei auch sehr romantisch zu lieben. Da sehe ich null Widerspruch.
Scharang: Wir sprachen auch davon, dass es schon ganz schön ist, wenn Frauen beim Sex gefühlsmäßig auch zum Zug kommen.
Rainer: Richtig, ja. Da schadet es nicht, wenn man als Mann ein paar Pornos gesehen hat. Ich glaube, dass man da durchaus einiges lernen kann.
Scharang: Dass Pornografie eine Vorbildfunktion haben könnte oder eine Lehrfunktion, das finde ich absurd.
Rainer: Warum? Wir gingen ja von der Frage aus: Schadet das der Jugend? Ich wage die These: Es ist doch ganz gut, wenn man relativ früh Dinge sieht, die man sonst mühsam oder auch nie erlernen wird.
Scharang: Was haben Sie von Pornos gelernt?
Rainer: Ich umschreibe es ein wenig: Früher hat man mühsam versucht, aus dem Kamasutra ein bisschen etwas zu lernen; wie es funktioniert und was es für Positionen gibt. Aber man lernt da in Wahrheit nix. Man lernt da eher Yoga, und das ist angeblich gefährlich, wie wir seit kurzem wissen. So! Ich behaupte, dass ich in einem Porno viel schneller und viel lebensnaher lerne, was ich sonst möglicherweise mit viel Glück und durch viel Experimentieren erst mit vierzig gelernt hätte.
Scharang: Macht es nicht Sinn, dass man seine Erfahrungen nach und nach macht?
Rainer: Überhaupt nicht. Da haben Sie offenbar mehr Glück in Ihrem Leben gehabt als ich. Es war furchtbar. Danke, ich verzichte auf viele dieser Erfahrungen. Das brauche ich nicht. Ich wäre gerne mit zwanzig an dem Punkt gewesen, an dem ich jetzt mit fünfzig bin.
Scharang: Schlechte Erfahrungen zu machen ist sinnlos?
Rainer: Ja, völlig sinnlos! Völlig verschenkt! Wenn man in der Geschichte zurückschaut: Die Römer hatten in Kreisen, die es sich leisten konnten, bei uns wären das die Bobo-Kreise, guten Sex.
Scharang: Sie meinen also: Sexuell gesehen sind wir rückschrittlich.
Rainer: Ja! Von der These sind wir ja in gewisser Weise ausgegangen –
Scharang: Die These war: Es wird zu wenig über Sex geredet und es gibt keine Weiterbildung.
Rainer: Auf der anderen Seite verschwinden verkrustete Moralvorstellungen. Es ist nicht mehr stigmatisierend, wechselnde Sexualpartner zu haben. Meine Mutter, die jetzt neunzig ist, hatte nur einen: meinen Vater. Mein Vater hatte wahrscheinlich mehr Frauen als meine Mutter, aber bestimmt auch nicht sehr viele.
Scharang: Aber wechselnde Partner oder sogenannte Lebensabschnittspartnerschaften sind für mich kein Zeichen von sexueller Aufgeklärtheit.
Rainer: Oh doch! Die Möglichkeit, im Laufe eines Lebens verschiedene Partnerinnen zu haben, ist ein Zeichen von Toleranz und Aufklärung.
Scharang: Heißt das, es wird mehr Sex gemacht?
Rainer: Nein, es gibt mehr Sex mit verschiedenen Partnern. Ich bin jetzt fünfzig, und ich weiß, wie es vor dreißig Jahren lief. Ich wuchs darüber hinaus auf dem Land in einem Dorf auf. Auch dort kann man sich mittlerweile scheiden lassen. Das hätte ein echtes Stigma erzeugt, als ich zwanzig war. Kleine Einschränkung: profil brachte im Dezember eine hochinteressante Titelgeschichte von Angelika Hager. Sie hat die Frage gestellt: Ist man glücklicher, wenn man mehr Freiheit in der Beziehung hat? Die Antwort war: nicht unbedingt glücklicher, weil die Erwartungshaltungen und die Möglichkeiten gewachsen sind. Unterm Strich bleibt, dass das Glück auf Kosten der Auswahl und Möglichkeiten etwas auf der Strecke bleibt. Aber wohl nicht so gnadenlos wie unter den gegebenfalls traumatisierenden Verhältnissen meiner Kindheit.
Scharang: Apropos Partnerwechsel: Worin verlieben Sie sich eigentlich? In eine Stimme, in ein Gesicht?
Rainer: In Intelligenz und damit verbunden auch in Witz. Das war sicher auch einer der ersten Anknüpfungspunkte bei meiner Freundin Franziska. Dummheit ist jedenfalls ein Ausschließungsgrund. Da werde ich nervös. Vielleicht ging früher ein One-Night-Stand, aber viel mehr nicht. Oder ein Two-Night-Stand. Und: Ja, natürlich verliebe ich mich auch in Schönheit. Schöne Hände sind für mich wahnsinnig wichtig. Und ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, gepaart mit einem gesunden Maß an Eitelkeit. Diese Eitelkeit führt wiederum dazu, dass sich Menschen schön bewegen. – Wann kommt endlich die Frage nach der Jugend? Wie das ist, eine wesentlich jüngere Freundin zu haben?! Sorry, dass ich jetzt die Frage stelle, aber –
Scharang: – Jugend? Eigentlich interessiert mich mehr Ihr Verhältnis zu Ihrem eigenen Körper.
Rainer: Das verändert sich.
Scharang: Kennen Sie Ihren Körper gut? Ist das ein nahes Verhältnis?
Rainer: Ein sehr nahes Verhältnis. Bisweilen ein Arbeitsverhältnis. Ich mache viel Sport. Ich habe das Glück, nicht zuzunehmen, ich kann fressen, was ich will, und nehme nicht zu, Fett ist also nicht der Grund, warum ich gerne ins Fitnessstudio gehe. Ich spüre mich gerne von oben bis unten. Und – Narzissmus! – das hängt gar nicht unbedingt damit zusammen, dass ich vor Frauen, vor meiner Freundin gut aussehen will. Wäre ich auf einer einsamen Insel, würde ich noch immer versuchen, vor mir selber brauchbar auszusehen und nicht vor der nächsten Palme.
Scharang: Ist der Gedanke an Sex im Alter für Sie mit Angst oder mit Spaß verbunden?
Rainer: Hm. Gute Frage. (überlegt) Gäbe es kein Viagra, dann wäre es vielleicht mit Angst oder mit dem Wort „schade eigentlich“ verbunden. Diese Bedrohung hat für alle Männer ihre Unausweichlichkeit verloren. Ich wäre traurig, wenn Sex aus meinem Leben verschwinden müsste, weil ich zum – (zögert) Akt nicht mehr fähig wäre. Welches Wort soll ich verwenden?
Scharang: Bumsen. Sie könnten auch „Liebe machen“ sagen.
Rainer: Dann krieg ich eine Watschn. Ich habe diese Woche das Wort „verarschen“ in einem Leitartikel verwendet. Dazu kamen drei Leserbriefe. Bei „Liebe machen“ kämen wahrscheinlich zehn. Also: Es wäre sehr schade, wenn man mit siebzig oder achtzig als Mann nicht mehr ffffff… könnte.
Scharang: Als Frau genauso im Übrigen.
Rainer: Aber bei Frauen geht die Fähigkeit, Sex oder einen Orgasmus zu haben, nicht verloren.
Scharang: Aber die Lust vielleicht. Rainer: Ich höre von Frauen, die – warum auch immer – lange keinen Sex hatten, dass sie irgendwie darauf vergessen. Dass das Bedürfnis verschwindet; viel mehr, als das bei Männern der Fall ist.
Scharang: Es gibt ja auch viele Männer, die lange keinen Sex hatten. Wie ist das da?
Rainer: Die befriedigen sich regelmäßiger selbst, haben also Sex, wenn auch allein. Die Frauen tun auch das nicht mehr, höre ich. Aber wie sind wir da jetzt darauf gekommen? Ach ja, man entwöhnt sich im Alter. Und ich wollte eigentlich sagen, dass Lust verlieren damit zu tun hat, dass man keinen Sex praktiziert.
Scharang: So, wie wenn man wenig isst, der Körper vergisst, dass man Hunger hat?
Rainer: Ich glaube schon, ja.
Scharang: Denken Sie, dass es ganz gut wäre, einen pragmatischen Zugang zu Sex zu entwickeln?
Rainer: Was heißt „pragmatisch“?
Scharang: Dass die Erwartungen nicht so groß sind. Dass man sagt: Jetzt stinken beide zwar ein bissl und es war ein langer Tag, aber na und? Lass uns einfach Sex haben!
Rainer: Ich glaube, beim Stinken wird es schwierig. Man sagt selbst den besten Freunden nicht, dass sie Mundgeruch haben.
Scharang: Fehler.
Rainer: Man sollte ihnen anonym schreiben, damit sie es wissen.
Scharang: In einer Beziehung muss man das sagen. Man muss! Sonst kann der andere nichts ändern, sich nicht entwickeln, fällt dumm ins Grab.
Rainer: Ja, stimmt, man muss. Aber man muss es sehr vorsichtig angehen. Ein falsches Wort und aus der Ecke kommt man selber oder der andere schwer heraus. Aber was war Ihre Frage? Ach ja: Pragmatischer Sex.
Scharang: Sex im Alltag.
Rainer: Natürlich kann man schnell auch mal im Kino.
Scharang: Es muss ja nicht immer schnell sein.
Rainer: Oh ja, im Kino ist schnell schon besser, sonst fällt es noch mehr auf!
Scharang: Das muss ein Scheißfilm gewesen sein!
Rainer: Stimmt. Das ist beim Fernsehen manchmal schwierig! Man will schließlich wissen, wie der Film ausgeht! (lacht)
Scharang: Hatten Sie schon einmal Sex mit einer Frau, die viel älter war als Sie?
Rainer: Ja. Klar. Wo ist die Altersgrenze? Als ich zweiundzwanzig war, hatte ich ein Verhältnis mit einer Frau, die doppelt so alt war wie ich. Ich würde sagen, das ist aus der damaligen Sicht sehr alt. In meiner jetzigen natürlich nicht. Wie alt sind Sie?
Scharang: 42.
Rainer: Eben. Sie war auch 42 oder 43.
Scharang: Ab 40 wird es für Frauen sexmäßig immer interessanter, aber die Männer ziehen da nicht mit. Wie ist das in Ihrem Umfeld?
Rainer: Gegenfrage: Warum ist es für Frauen ab 40 besser?
Scharang: Ich denke, es hat unter anderem damit zu tun, dass sie es für sich selber machen. Dass sie sich nicht mehr so sehr auf den Mann konzentrieren. Und dass sie gelernt haben, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu formulieren.
Rainer: Sehen Sie, und da helfen Pornos. Wie würde eine Frau draufkommen, dass man, wenn man schon Liebe macht, sich selbst dabei auch berühren darf?
Scharang: Das wusste ich schon mit elf, ohne einen Porno gesehen zu haben.
Rainer: Dann sind Sie ein Naturtalent.
Scharang: Nein. Man hat Hände, einen Körper. Der Rest ergibt sich von selber.
Rainer: Und das darf man machen, während man Sex hat? Das wissen neunzig Prozent der Frauen unter vierzig nicht.
Scharang: In dieser Frage können wir jetzt leider keine groß angelegte Umfrage zurate ziehen.
Rainer: Ich glaube, viele Frauen berühren sich aus Schüchternheit nicht selbst – und aus dem Missverständnis, dass sich ein Mann dann für unvollständig hält in dem, was er tut. Mit vierzig wird das wohl leichter, weil man sich nicht mehr so einen Stress macht. Man genießt es mehr. Aber die Frage war umgekehrt: Ob Männer mit vierzig nicht mehr mitziehen? Wenn ich mir den Hormonspiegel von Männern anschaue, muss der Druck des Fünfzehnjährigen irgendwann einmal nachlassen. Ich fürchte, dass der Hormonhaushalt des Mannes als solches ein Hund ist.
Scharang: Haben Sie das mit vierzig gespürt?
Rainer (spielt): Neeein, bei mir hat sich selbstverständlich überhaupt nichts geändert! Auch mit fünfzig nicht! (lacht) Also: Zwischen 15 und 30 hat sich einiges geändert. Das Leben hat sich vom Überdruck in normalere Bahnen bewegt
Scharang: – Was übrigens für beide Teile sehr angenehm ist.
Rainer: In jeder Hinsicht. Wenn ich meine Freundin frage: Willst du nicht einen Jüngeren? Sagt sie: Was mache ich mit einem Jüngeren? Die 20-Jährigen können eh nur rammeln. Ich weiß nicht, ob das so ist. Aber es scheint ein perfektes Alter für Männer zu geben, das irgendwo zwischen vierzig und fünfzig liegt.
Scharang: Sie müssen es jetzt ausdehnen: auf vierzig bis sechzig.
Rainer: Bis 51.
Scharang: Was mich noch interessiert: Können Sie beim Sex den Kopf ganz abschalten? Und wenn ja, wie machen Sie das?
Rainer: Mit Alkohol?!
Scharang: Man kann sich ja nicht immer vorher ansaufen.
Rainer: Ich glaube, statistisch gesehen finden in Österreich fünfzig Prozent der Geschlechtsakte unter dem Einfluss von Alkohol statt. Und das ist niedrig gegriffen.
Scharang: Und das hilft?
Rainer: Am besten Champagner trinken, auf keinen Fall Bier. Cuba Libre ist auch gut.
Scharang: Für mich ist das keine Option. Ich werde von Alkohol nur müde.
Rainer: Das ist schlecht. – Ich habe nur in Phasen Probleme, meinen Kopf im Bett auszuschalten, in denen ich besser ohnehin keinen Sex hätte, zum Beispiel wenn mich gerade ein berufliches Problem ärgert, also wenn ich gestresst bin.
Scharang: Werden Sie gerne erobert?
Rainer: Ich denke, dass ich lieber erobert habe; früher, als ich noch nicht fix liiert war. Aber es passiert ja umgekehrt auch sehr selten, dass man als Mann erobert wird.
Scharang: Es gibt Männer, die wollen nicht erobert werden. Die verunsichert das.
Rainer: Ach so. Das Problem hatte ich überhaupt nicht. Ich kenne übrigens viele Frauen, die mit vierzig, fünfundvierzig anfangen, Männer aufzureißen, meistens geht es da aber um jüngere Liebhaber. Ich glaube, da spielt dann die Frage, ob er gut trainiert ist, eine größere Rolle als die Intelligenz. Hier kommt nicht selten der Yogalehrer ins Spiel.
Scharang: Ah! Jetzt habe ich die Gefahr verstanden, die von Yoga ausgeht!
Rainer: Tja, man wird als Objekt abgelöst, von Yoga vernichtet.
Scharang: Möchten Sie noch einmal zwanzig sein?
Rainer: Ich möchte noch einmal vierzig sein. Zwischen vierzig und fünfzig ist man erfahren genug, aber noch nicht alt. Mit der Weisheit des hohen Alters, also mit fünfzig, macht es vielleicht sogar Sinn, sich noch einmal zu vermehren.
Scharang: Überlegen Sie sich das bitte gut! Es gibt eh schon so viele Menschen auf dieser Welt!
Rainer: Ja, in der Verantwortung für die Menschheit ist das ein Quatsch. Und mit meinen zwei Kindern liege ich ohnehin über dem österreichischen Durchschnitt. – Aber wenn man eine dreißigjährige Freundin hat, denkt man sich: Sie hat schließlich auch ein Recht auf Kinder. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.
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