Headerbild Fleisch17 CrazyBitch
text - marion bacher
Fotos - ditz fejer
 
Schlampiges Genie
Wie weit ist es von tief drinnen in der Höhle bis hinauf in den Pop? Und führen Exaltiertheit, All-Wheel-Drive-Sexualität und disparates Genie direkt dorthin?
"Crazy Bitch in a Cave" hat sich auf den Weg gemacht. 
Die knielangen Haare schmiegen sich wie ein schützendes Fell um den zarten Körper. Weich fallen sie über die schmalen Schultern herab, mal leicht gewellt, mal seitlich hochgesteckt, mal schnurgerade. Unter der Mähne wallt mal ein goldgelb glitzerndes Pyramidenkleid, mal weiße, kuttenartige Vorhänge oder einfach nur drapierte Papierbahnen. Verrückter kann man sich nicht inszenieren. Eine leise, fast schüchterne Stimme sagt den nächsten Titel an, und nach einer kurzen Pause überragt das fragile Falsetto die verschro- benen, melodischen, manchmal auch dre- ckigen Songs. Am Ende passt nichts mehr zusammen – die Bühnen-Persona, das Outfit, die Musik. Nur Pop kann solch disparate Exaltiertheit zusammenfügen und ihr einen Namen geben: „Crazy Bitch in a Cave“

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Ortswechsel, das Café Rüdigerhof um die Mittagszeit. Um einiges zu spät steht er da – der zierliche, unrasierte Mann mit dem blauen T-Shirt und der schwarzen Hose. Die Augen hinter der schwarz umrandeten Brille sind noch viel zu klein für den angebrochenen Tag. Einzig der sauber geflochtene Rapunzel-Zopf lässt erahnen, wer sich da dem Tageslicht stellt. Patrick setzt sich und ein zaghaftes Gespräch beginnt.

Ich würde mich gerne in den Schatten setzen

Nein, wie alt er ist, will er nicht sagen. Nicht etwa, weil er sich zu alt findet oder zu jung – er muss zwischen zwan- zig und dreißig sein –, sondern, weil er solche Details „uninteressant“ findet. Das gilt auch für vieles in seiner Vergan- genheit oder in seinem Umfeld. Er mag sich nicht festlegen, nicht definieren. Er will auch nicht sagen, wie viel Patrick Weber in „Crazy Bitch in a Cave“ steckt. Ist da ein Wesen gefangen in seiner Höhle, das ausbrechen will? Und wenn ja, was hält ihn gefangen? Normen? Es ist zwölf Uhr mittags, die Sonne knallt spätsommerlich vom Himmel. Patrick überlegt lange, was er antworten soll, und sagt schließlich: „Ich würde mich gerne in den Schatten setzen.“

Im Schatten versucht er, sich zu einer Erklärung zu zwingen. „Von Anfang an wollte ich Pop machen, der an seine Grenzen stößt“, sagt Patrick. Der Name „Crazy Bitch in a Cave“ (CBC) entstand als Antwort auf die „männerdo- minierte Musikkritikerszene“. Die Kritiker würden alles schlichten und einordnen, nicht einmal CBC könne sich dem entziehen. Man beschrieb ihn schon als Coco-Rosie-Gold- frapp-Hybrid, andere erkannten die Kopfstimmen-Akro- batik eines Antony wieder, die überkandidelte Performance von Planning to Rock oder den femininen Glamour von Prince. „Das ist alles nicht komplett falsch“, sagt Patrick und grinst wie Rumpelstilzchen, weil er spürt, dass ihn noch niemand richtig benennen konnte. „Bei Prince muss ich sagen, dass ich den in meiner Jugend nie besonders gemocht habe. Wahrscheinlich war er mir noch zu hetero.“

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Seine Jugend hat Patrick im 19. Wiener Gemeindebezirk verbracht, als Sohn einer Französischlehrerin und eines Tierarztes. Mit sechs Jahren wurde er an das Klavier seiner Großmutter gesetzt. Bach, Tschaikowsky, Schumann. „Mein Unterricht war nicht das, was man eine künstlerisch öffnende Ausbildung nennen kann“, erinnert sich Patrick. Die polternden tschechischen Schimpftiraden seines Lehrers, wenn er sich verspielt hatte, sind ihm gut im Gedächtnis geblieben.

Dort war alles erlaubt. Dort konnte er sich Mamas Pumps anziehen, Farbe ins Gesicht schmieren, mit den schrillsten Tönen der eigenen Stimme lautstark experimentieren. Stundenlang nahm er als Teenager seine Falsett-Stimme auf, bastelte damit herum und hörte zwischendurch Musik: „Casey Kasem’s US Top 40 waren mein Tor zur Welt und singen lernte ich mit MTV.“

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Zwei Frauen prägen Patricks Jugend, und beide waren rothaarig. Die erste war Arielle, die Meerjungfrau. "Sie hat mich als Kind auf künstlerischer, musikalischer und zeichnerischer Ebene schwer beeindruckt", erzählt Patrick. Die Nixe zieht sich in dem Walt-Disney-Klassiker immer wieder in ihre Höhle zurück, wo sie Besteck, Kerzenhalter und Töpfe von untergegangenen Schiffen hortet. Ihre Sehnsucht: Jemand anders zu sein – ein Mensch.

Die zweite Rothaarige war Tori Amos. Unlängst, als er auf dem Dachboden in seinen alten Sachen wühlte, stolperte Patrick über Remixes, die er von ihren Songs gemacht hatte und dann mit anderen im Internet tauschte. Auf dem Sachboden sind übrigens seine alten Festplatten. Für sein erstes Album will er auch sein frühes Zeug neu bearbeiten. Über viele der Töne, die er da findet, wundert er sich heute selbst. Er hat oft keine Ahnung mehr, wie sie zustanden gekommen sind.

Das war die Zeit, als er sich partout nicht mehr die Haare schneiden wollte.

Das Fortgehen in der Dorfdisco lehnte er ab. Er konnte es nicht erwarten, alleine zu Hause das Klavier mit Alufolie und Handtüchern zu präparieren. Er war vielleicht 14 und dabei, sein eigenes Universum zu bauen. Lange wusste kaum jemand davon. Das sollte jetzt anders werden. Denn auch ohne die Persona "Crazy Bitch in a Cave" wäre Patrick Weber wohl irgendwann auch in Jeans und T-Shirts aufgefallen: weil er nämlich ein außergewöhnlicher Musiker ist.

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Die Frage ist, ob es ihm in Österreich gelingt, die Höhle des Undergrounds zu verlassen. Fleisch hat ihn eingeladen, auf dem nächsten Fest zu spielen. Ein richtiges Foto-Shooting stellt Patrick auch noch vor gewisse Probleme. Unentschlossen kramt er in dem großen Ikea-Sack herum, den er mitgebracht hat. Die Entscheidung, was er anziehen wird, ist noch nicht gefallen. Eine grau-weiße Hose legt er auf einen grau-weißen Rock, ein blaues Oberteil auf einen grünen Kapuzenmantel und obendrauf leuchtet das maschendrahtzaunartige weiße Kleid, mit dem man herrlich einzelne Haarsträhnen verweben kann. "Oh, ich hab meine Aufrittsunterhose vergessen." Sein besorgter Blick streift duch das Studio. Die bunt gestreiften Boxershorts sind kaum geeignet für enge Hosen und Maschendrahtzaunkleid.

"Und wenn Du gar keine Hose anziehst?"

"Nackte Männerbeine will man doch nicht sehen."

Auch nicht die vergessenen Bartstoppeln, die der Visagist hingebungsvoll mit weiße Farbe überpinselt. Stundenlang malt er an Patricks Gesicht herum, klebt falsche Wimpern auf, nimmt sie wieder ab, bestreicht die Lippen weiß und nach den ersten fünfzig Fotos rosarot.

Gleich neben dem Studio liegt der Plattenladen Substance. Dort hängt ein Poster von CBC in der Auslage. Es wirbt für CBCs allererste Single "On Top". Der Track ist um einiges glatter und poppiger als andere Stücke von CBC. Die Melodien sind eingängig, der Text ist sauber gesungen, die elektronischen Samples sind schwer tanzbar, aber dennoch einlullend. Sogar Spuren von R’n’B sind auf dem Stück he-rauszuhören. „Ein guter Popsong muss auf einen zulaufen, hypnotisieren, gefangen nehmen. Das Schwierige daran ist, dass er nicht oberflächlich wird“, sagt Patrick.

Verwischte Eindeutigkeiten

Oberflächlichkeit ist für ihn eine Todsünde. Jedes Stück, jede Performance transportiert ein Statement. „Als Drag Artist spiele ich mit den Geschlechtern. Es geht mir nicht darum, eine perfekte Weiblichkeit zu inszenieren.“ Vor je- dem Auftritt entwirft Patrick ein eigenes Konzept. Welche Songs passen zu dem Setting, welche Erwartungen will er begraben, welches Kleid will er schneidern, setzt er sich eine Maske auf oder nicht?

„Es ist ein Element von queerer Kunst, dass man die klare Entscheidung trifft, sich nicht festzulegen, dass man alle Eindeutigkeiten verwischt“, sagt Patrick, der seit zwei Jahren „Kontextuelle Malerei“ an der Akademie der bildenden Künste studiert – bei Hans Scheirl, einer Ikone der queeren Kunstszene. Aus diesem Umfeld kommen auch die zwei „Back-up-SängerInnen“, die mit CBC bei manchen Auftritten auf der Bühne stehen. Wie beispielsweise im Kunstraum Niederösterreich bei der Verleihung des Performancepreises H13 2009, als sich ein Politiker im Vorhinein wegen des Na- mens von CBC sorgte: „Laufen da Nackerte rum?“

Nein, Nackte nicht. „Ich arbeite vor allem mit billigen Materialien wie Papier oder Kunststoff. Statt zwanzig Paar Schuhe für die Auftritte habe ich nur vier.“ Je nach Anlass bekommen die Pumps von CBC ein anderes Gesicht – mal schwarz, mal weiß, mal mit Pappmaché beklebt. Seit seine Nähmaschine kaputt ist, klebt Patrick die Stoffe überhaupt nur noch mit einer Klebepistole zusammen. „Mein Freund nennt das Poor Drag“, sagt Patrick und setzt sein sympathisch-scheues, vorsichtiges Lächeln auf. Ein Lächeln, das so gar nichts mit seiner exaltierten Gestik auf der Bühne zu tun hat.

Wenn das Aufreizende anzieht

Vor dem Club U am Karlsplatz hat sich um ein Uhr nachts eine Traube von Menschen versammelt. Drinnen dröhnt der tanzbare Electro-Clash, draußen fallen die su- per gestylten Drag Queens auf. Das exzentrische Völkchen versammelt sich zum Rhinoplasty, einem Club, der das Aufreizende anzieht. Behutsam schiebt sich Patrick durch die Menge, begrüßt hier und dort bekannte Gesichter, bestellt sein zweites Mineralwasser an diesem Abend. In diesem Mikrokosmos fällt er kein bisschen aus dem Rahmen.

Patrick Weber hat zwei Gesichter, und es fällt nicht jedem leicht, darin ein und dieselbe Person zu erkennen. Als er vergangenen Sommer als „Crazy Bitch in a Cave“ in der kleinen Galerie „Kulturdrogerie“ im 18. Bezirk auftritt, steht inmitten der Kunststudenten Patricks Vater. Er sieht zum ersten Mal eine Performance seines Sohnes.

Nach dem Auftritt, Patrick ist schon abgeschminkt und längst nicht mehr CBC, begrüßt ihn sein Vater und fragt: "Und? Wann spielst du?"
Die Geschichte erschien in Fleisch 17, Herbst 210

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