Das Jahr, in dem unsere Welt noch in Ordnung war

Fleisch 49, Herbst 2018 
Text: Superfleisch                              

 

1998 war die Welt noch in Ordnung. Nicht für alle, nichts stimmt jemals für wirklich alle, klar, so zu tun als ob wäre überheblich. Aber für viele in unseren Breiten ist 1998 kein ganz schlechtes Jahr. Das liegt, wie so oft, daran, dass die Zukunft noch nicht passiert ist.

80 Jahre nach Gründung der Republik, 60 Jahre nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland und 30 Jahre nach 68 haben wir auch 98 schon genug zu gedenken. Die Vergangenheit aber ist gerade schon lang genug weg, um nicht mehr tonnenschwer zu wirken, und die Zukunft, die gerade erst im Werden ist, hat zum Einstand einen Riesenstrauß neuer Ideen mitgebracht. Sie sind völlig neu, und sie sind groß. Ob es um das gemeinsame Europa geht oder um das Internet, 1998 wird über die gewohnten Grenzen hinweggedacht, alle sollen in Zukunft alles haben können, von der Information bis zur Demokratie und zum sudanesischen Glücksbringer, alle sollen miteinander in Verbindung stehen. Die Welt ist ein Dorf, nennen das manche; für uns aber war die Welt 1998 einfach die Welt, cool und groß und frei und endlich auch ganz easy erreichbar.

Es ist eine Zäsur, die sich wie ein kollektiver 18. Geburtstag anfühlt, der immer ganz der Zukunft gehört, während die Vergangenheit ein bisschen nostalgisch noch ein paar Geschenke auf den Tisch legt, bevor sie sich schleicht.

Im Frühling 1998 stirbt mit dem kambodschanischen Diktator Pol Pot einer der schlimmsten Schlächter der Menschheit, der Karfreitagsfrieden befreit Nordirland von Jahren des Terrors (und neuen Songs von U2, die daraufhin in den Best-of-Modus eintreten), später löst die deutsche Terrororganisation RAF sich auf, beschließen die Bayern, die Todesstrafe aus der Landesverfassung zu streichen, und verhaften die Briten Augusto Pinochet, den langjährigen Diktator Chiles. Kurz davor unterzeichnet die Weltgemeinschaft das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz, dann beschließen die europäischen Staatschefs, dass die EU im nächsten Schritt auch eine gemeinsame Währung bekommen soll, zunächst sollen 15 Staaten dabei sein, dann gerne noch mehr, in dieser Umarmung ist noch sehr viel Platz 1998. Grenzübergreifender Klimaschutz, grenzenloses Wirtschaften, Gemeinschaftswährung – 1998 ist das alles möglich, ist alles groß und soll noch größer werden.

 

 

Konzerne schließen sich zusammen, wie Schwammerl nach dem Regen schießen Start-ups aus dem Boden, um das World Wide Web zu erobern, Geld ist einfach irgendwie da, und die einzige Blase, die noch 1998 sehr öffentlichkeitswirksam platzt, ist die von Britney Spears’ Kaugummi im Video zu „Hit Me Baby One More Time“, mit dem sie die Weltbühne jenseits von Disney betritt. Dass sie das als sexy Schulmädchen mit Zöpfchen und Unschuldsaugen macht, zählt zu den wenigen Dingen, die in diesem Jahr für Kontroversen sorgen. Die anderen: dass US-Präsident Bill Clinton eine Affäre mit einer Praktikantin im Weißen Haus hat, wobei der Skandal 1998 vor allem darin besteht, dass er das zunächst öffentlich leugnet. Dass bei der Tour de France gedopt wird, huch. Oder dass der deutsche Schriftsteller Martin Walser bei seiner Friedenspreisrede sagt, den Deutschen dürfe nicht ständig der Nationalsozialismus vorgehalten werden, weil Auschwitz zur „Nazikeule“ werde – darüber wird 1998 wirklich gestritten. Darüber und über die deutsche Rechtschreibreform, die 1998 in Kraft tritt und die vielleicht auch deshalb so schmerzhaft ist, weil in diesem Jahr so viel Phantasie da ist, so viele Vorstellungen davon, wie die Welt werden könnte – und man das ab jetzt aber so schreiben sollte: Fantasie. Sieht übrigens immer noch scheiße aus.

1998 ist das Jahr, in dem das Internet eine so breite Masse erreicht hat, dass es die USA als Sehnsuchtsort ablösen kann, obwohl die USA 1998 dermaßen auf der Siegerseite stehen, während Russland den Bankrott erklärt, China ein kleiner, noch unbedeutender Ehrgeizling ist und Restasien mit einer Hardcore-Finanzkrise beweist, dass es den Kapitalismus doch noch nicht ganz verstanden hat. Wer nicht nach New York oder wenigstens nach Berlin kann, hat 1998 jedenfalls das Netz, das noch nicht Google gehört, das in diesem Jahr gegründet wird. Viele wollen natürlich dennoch nach Berlin, das 1998 immer noch cool ist und wild und billig. Wer in Wien bleibt, wacht aber auch irgendwann nach einer durchgefeierten Nacht auf und findet sich in einer Stadt wieder, die gut mit ihren Türken, Ungarn und Ex-Jugoslawen auskommt, die bunter geworden ist und selbstbewusster. Ihre Banken und Firmen finden im Osten seit ein paar Jahren wieder ein bisschen Anschluss an die alte monarchische Größe, deren Verlust das kollektive Trauma des Landes ist, dessen Kleinsein und Kleingeistigkeit aber vor allem Kruder und Dorfmeister und der unvergleichliche Helmut Lang vergessen machen, indem sie ganz selbstverständlich zeigen, dass jetzt auch Wien international ist und nicht mehr grindige, grantige Peripherie. Dialekt und Emotion passen da nicht mehr wirklich hinein, außer es ist jener von Hermann Maier, der nur drei Tage nach seinem irren Sturz bei Olympia in Nagano noch einmal Gold holt. Oder jene des damaligen Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni, der seinen Wutausbruch mit dem Satz „Ich habe fertig!“ beendet. 1998 sind das zwei von unzähligen Möglichkeiten, zur Legende zu werden, so viel passiert da nämlich nicht.

1998 bietet in dieser privilegierten Weltgegend unter vergleichsweise privilegierten Umständen, worüber man 1998 übrigens kein Wort verlieren würde, die seltene Gelegenheit, einfach mal fröhlich vor sich hinzuleben. Alles ist möglich, nichts muss. Das ist wunderbar, genauso wunderbar, wie dass selbst jeder, der noch kein einziges Mal in die Musikschule gehatscht ist, das Klaviersample aus Lauryn Hills „Doo Wop“ („Guys, you know you‘d better watch out“) nachspielen kann, dass überhaupt jeder machen kann, was er will. Der Theatermacher, Moderator und Alleskönner Christoph Schlingensief will zum Beispiel eine Partei gründen und macht es auch, seine „Chance 2000“ ruft zum Beispiel dazu auf, dass Arbeitslose den Wolfgangsee „fluten“, mit „Gitarre, Zelt und jeder Menge guter Laune“ soll man kommen, um Helmut Kohl in der Sommerfrische zu besuchen. Es ist Kohls letzte Sommerfrische als deutscher Kanzler. Im Herbst wählen die Deutschen links, sie bringen das Arbeiterkind Gerhard Schröder an die Staatsspitze, der die Grünen mit Joschka Fischer an die Macht hievt und somit in Deutschland fortsetzt, was sich fast  überall in Europa zeigt: Links regiert. In Großbritannien zeigen Verve 1998 mit „Bitter Sweet Symphony“, dass „Cool ­Britannia“ immer noch gilt, und überhaupt ist alles gerade Pop, und was nicht Pop ist, was nicht schon ins Megaironie­schema von Harald Schmidt passt, dem unangefochtenen Helden aller Gesättigten, aber doch irgendwie Hungrigen, ist Techno – die vielleicht letzte große Jugendbewegung mit einem radikalen Freiheitsversprechen.

1998 gibt es diese Versprechen noch. Sie sind nicht gebrochen. Alles ist möglich, sogar dass alles parallel möglich sein wird. Den Kreativen gehört die Zukunft, und dass wir das 1998 glauben, liegt nicht nur an der Schönheit von ­Apples erstem iMac, wir hören es jeden Tag. Jedem, der will, steht die Welt offen oder zumindest Europa oder zumindest die virtuellen Versionen davon, von der wir irrsinnigerweise annehmen, dass die Trotteln dort nicht hinfinden werden. 1998 sind Nazis Nazis, spielen aber keine Rolle; Jörg Haider ist FPÖ-Klubobmann, aber nicht einmal in Kärnten in der Regierung. 1998 lesen wir Rainald Goetz und Benjamin von Stuckrad-Barre, wobei Letzteres nicht jeder sofort zugeben würde. Der Hauptgrund, warum wir 1998 weinen, ist der Schnulzenfilm „Titanic“. Den Weltuntergang erwarten wir durch das Fernsehen, aber das kann man ausschalten. Es geht uns gut in diesem Jahr. Vielleicht zu gut.


Erschienen im Herbst 2018. Fleisch 49, bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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