Grund 12: Urnengang

Fleisch 53, Herbst 2019                               

 

Was könnte man an einem Sonntag Erhabeneres machen, als in einem Turnsaal ein Kuvert einzuwerfen?

 

Wählen zu gehen ist wirklich eine super Sache. Nicht nur, dass man damit zeigt, dass man das schon ernst nimmt mit der Demokratie. Sondern das Prozedere selbst. Das Hingehen, Anstehen, Warten und dann das Ankreuzen. Das ist ein Event, und viele verstehen das auch ganz genau so. Manche holen fürs Wählen den Sonntagsanzug raus (klar, ist ja auch ein Sonntag), andere latschen im Jogger los. Meinungsfreiheit fängt eben schon bei der Kleidung an und das ist gut so. Am Ende ist nur wichtig, dass man hingeht. Und zwar nicht nur im übertragenen Sinn, sondern wirklich.

So ein Wahllokal ist ein Ort, an dem man sonst selten hinkommt. Man sieht alle paar Jahre deswegen, was sich in einem Gemeinde-
amt so tut, oder dass der Turnsaal der Volksschule wirklich räudig beieinander ist. Oder dass die kleine Melinda aus der 2A wirklich gut zeichnen kann. 
Wählen zu gehen gehört zu den analogen Restbeständen des Lebens. Hier ist bis heute nichts digital. Zettel und Stift. Das war’s. Und weil das alles schon irgendwie sehr seltsam ist, ertappt man sich dabei, dem Ganzen mit einer beinahe frühkindlichen Neugier zu begegnen. Man betrachtet das Wahllokal mit den Augen eines Touristen. Man schaut die Wände an, die Decke, die aufliegenden Folder, die Bilder, man schaut eigentlich alles an. Natürlich nicht nur aus Neugier, sondern vor allem auch, um möglichst mit niemandem ins Gespräch zu kommen. Und wenn Small Talk doch mal unvermeidlich ist, dann wird über alles gesprochen, nur nicht über das, weswegen man hier ist. Ein Gefühl, das man sonst nur hat, wenn man sich beim Aids-Test trifft.

 

Und wenn Small Talk doch mal unvermeidlich ist, dann wird über alles gesprochen, nur nicht über das, weswegen man hier ist. 

 

Wählen ist generell ein bisschen wie zum Arztgehen, nur ohne E-Card. Diskretion ist Gesetz. Nur die wenigsten bekennen Farbe. Und doch, oder gerade deswegen, überlegt man bei jedem, den man trifft, was er gleich tun wird. Ist er ein Grüner? Oder doch ein Blauer? Ist man endlich an der Reihe, nennt man seinen Namen und zeigt einen Ausweis. Außer man wohnt im Dorf, dort ist es umgekehrt, da zeigt man keinen Ausweis und der Beisitzer sagt den Namen.

Man kennt sich. Menschen, die sich normalerweise als „Peppi“ oder „Gitti“ vorstellen, werden als Josef oder Brigitte verlesen. Jene, die mehrere Vornamen haben, kommen in den Genuss, auch an die mal wieder erinnert zu werden. Unangenehm kann es werden, wenn man einen oder sogar mehrere akademische Titel im Namensregister stehen hat. Für alle Beteiligten unangenehm. Für einen selbst, aber noch mehr für die Person, die nicht weiß, wie man Mag. art. oder Mag. des. ind. jetzt genau ausspricht. Ist auch das geschafft, bekommt man Zettel und Kuvert und zieht sich in die Wahlkabine zurück. Wie lange man da drinnen bleibt, bleibt jedem selbst überlassen. Auch das, was man da drinnen tut. Es ist ein Ort, an dem man sich immer ein bisschen unwohl fühlt. Aber es ist diese gute Art von unwohl. Man spürt,
etwas Sinnvolles zu tun. Vielleicht sogar das Richtige.

Und was ist mit Briefwahl? Geh bitte!

 

Erschienen im Herbst 2019. Fleisch 53, bestellbar im Abo oder als Einzelheft unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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